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Armutseinwanderung Diskussion ohne Worte

Warum ist es so schwierig, über Armutseinwanderung zu sprechen? Weil jede Aussage auch gleich eine Diskriminierung ist? Ist es schon diskriminierend zu sagen, Sinti und Roma würden diskriminiert? Und wie soll man dann überhaupt darüber diskutieren?

© Greser & Lenz Vergrößern

Wenn man eine Debatte führen will, kommt man um die Verwendung von Wörtern und die Formulierung von Sätzen und Fragen nicht herum. Sprache vereinfacht und kategorisiert, das macht sie erst zum Kommunikationsmittel. Gerade damit stößt sie aber bei manchen Themen an ihre Grenzen. Beispiel: Armutseinwanderung. Weil es dabei - ob zu Recht oder zu Unrecht - ja nicht um irgendwen geht, sondern vor allem um Sinti und Roma. Oder Roma und Sinti. Also Zigeuner. Oder nicht? Oder vielleicht besser: um Roma, nicht so sehr um Sinti. Noch genauer: allenfalls um bestimmte Roma-Gruppen. Und so genau genommen, dass es schon wieder beliebig wird, der Wahrheit aber nicht abträglich ist: um Menschen.

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Irgendetwas müssen diese freilich gemeinsam haben, sonst ergäbe der Sammelbegriff ja keinen Sinn. Nur: was? Dass sie seit Jahrhunderten diskriminiert würden, sagt Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Dass sie stählen und bettelten, sagen diejenigen, die sie diskriminieren. Aber ist es nicht auch eine Diskriminierung der Sinti und Roma, wenn man sagt: Alle werden sie diskriminiert? Unterstellt man damit nicht, dass sie sich auch alle diskriminieren lassen, so, als seien sie nicht fähig, sich dagegen zu wehren?

Ist man integriert, wenn man nicht (mehr) auffällt?

Es gibt viele Angehörige dieser, nennen wir es der Einfachheit halber: Minderheit, die in den Mehrheitsgesellschaften gut integriert sind. Darauf weist auch der Zentralrat immer wieder hin. Zu Recht. Aber was heißt das: gut integriert? Dass sie sich nicht mehr als Roma zu erkennen geben? Oder ist auch das die falsche Frage, weil sie nahelegt, dass man sich als Roma überhaupt zu erkennen geben kann? Wodurch sollte man das auch tun können? Indem man Ziegen in der eigenen Wohnung hält, wie die bulgarischstämmige Sängerin Lucy Diakovska jüngst behauptet hat? Indem man virtuos Gitarre oder Geige spielt? Und: Ist es überhaupt möglich, gleichzeitig integriert zu sein und diskriminiert zu werden? Oder werden eben doch nicht alle Sinti und Roma diskriminiert - so wie auch nicht alle betteln oder stehlen?

Auch diese letzte Formulierung ist problematisch, weil man daraus schließen könnte, dass nur diejenigen diskriminiert werden, die betteln oder stehlen. Das wäre natürlich falsch. Denn das nehmen ja gerade diejenigen für sich in Anspruch, die diskriminieren - um zu beweisen, dass sie zu Recht diskriminieren und deshalb eben nicht diskriminieren. Andererseits wäre es auch nicht richtig zu sagen, dass diejenigen, die betteln und stehlen, das nur deshalb tun, weil sie diskriminiert werden. Diskriminiert werden schließlich auch andere.

Statistiken helfen nicht weiter

Trotzdem ist der Eindruck verbreitet, dass in deutschen Städten mehrheitlich oder, besser, im Verhältnis zu anderen Minderheiten überdurchschnittlich viele Sinti und Roma betteln. Darf man das wiederum sagen? Oder sollte man es Unverdächtigen wie Dotschy Reinhardt überlassen, einer deutschen Jazzsängerin mit Sinti-Wurzeln, die einmal bemerkt hat: „Ich kenne keinen Sinto, der mit seinem Kind auf der Straße sitzt und bettelt. Man sieht immer nur die Roma aus Osteuropa.“ Wie auch immer: Keiner wird ohne Not bei minus fünf Grad stundenlang auf eiskaltem Pflasterstein knien. Und es ist ja auch richtig, dass es, wie Rose sagt, viele Sinti und Roma gibt, für die Betteln nicht in Frage kommt.

Woher rührt also der oben beschriebene Eindruck? Unter anderem daher, dass man bei diesem komplexen Thema gar nicht mehr als einen Eindruck haben kann. Statistiken, in denen etwa von Roma begangene Einbruchsdelikte aufgeführt würden, gibt es nämlich nicht - aus guten, vor allem historischen Gründen. Bei der Behebung des Problems helfen die aber auch nicht unbedingt weiter.

EU-Kommission bezweifelt Existenz eines Problems

Und ein Problem gibt es doch, oder? Die EU-Kommission hat das zuletzt bezweifelt. Aber hat nicht auch Rose vor einer Überforderung der deutschen Sozialsysteme gewarnt? Darüber muss man doch reden, um handeln zu können. Also noch mal die Frage: Wie? Natürlich kann man sagen, die Situation in den Herkunftsländern muss sich verbessern. Dass das geschieht, bis es 2014 die volle Freizügigkeit gibt, ist aber unwahrscheinlich. Also muss man auch über die Lage hier sprechen, und dazu gehören die Ängste und Vorurteile der Leute. Soll man diese zu entkräften versuchen? Sollten das die Roma tun? Das hat ihnen doch schon mal nichts geholfen, im „Dritten Reich“, als viele von ihnen besonders patriotisch waren und trotzdem vernichtet wurden.

Kann man Angehörige einer solchen Minderheit fragen, als Deutscher zumal, ob es in ihrer Kultur, wenn dieser Begriff denn wiederum der richtige ist, eine gewisse - ja, was? - Tradition gibt, in der kontinuierliche Erwerbsarbeit nicht allzu sehr verankert ist? Als Antwort darauf droht die Gegenfrage: Würde man jüdische Mitbürger fragen, ob sie gut mit Geld umgehen können? Natürlich nicht. Sollte man also schweigen? Sicher. Aber nur, wenn man dabei miteinander reden kann.

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Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 17.03.2013, 12:57 Uhr

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