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Armutseinwanderung Die Kellerbewohner

Viele Roma sind in einem Elendskreislauf gefangen. Europa muss sie als Bürger annehmen und aufhören, sie wie die letzte wilde Horde des Kontinents zu behandeln.

Deutsche Städte klagen über arme Einwanderer aus Südosteuropa. Es fehlt an Unterkünften, mancherorts kommen jede Woche neue Schüler in die Klassen, die kein Wort Deutsch können und zuvor noch selten einen Mathe-Lehrer gesehen haben. Aber auch Probleme mit Müll und Kleinkriminalität werden zu den allmählich untragbaren Lasten gezählt. Tausende der Zuwanderer reisen aus dem früheren Jugoslawien nach Deutschland. Sie missbrauchen Visum-Freiheiten, um hier aussichtslose Asylanträge zu stellen. Auch aus Bulgarien und Rumänien kommen viele Zuwanderer, annähernd 150 000 wurden 2011 registriert. Manche sind Studenten und Fachkräfte, doch die meisten sind Tagelöhner und belasten die kommunalen Kassen. Wer aber die Einwanderer aus Serbien, Mazedonien, Bulgarien und Rumänien bloß „Armutsflüchtlinge“ nennt, unterschlägt damit einen dunklen, schmutzigen Teil europäischer Wirklichkeit.

Die Vorurteile sitzen tief

Peter Carstens Folgen:  

Denn viele haben neben ihrer Armut noch etwas gemeinsam: Sie gehören zur Volksgruppe der Roma. Als solche sind sie häufig noch ärmer als ihre Landsleute und außerdem in ihrer Heimat oft unerwünscht und diskriminiert. Die elendste Darmstädter Abrissbude oder ein Kölner Kellerloch ist vielen wohnlicher als das Darben daheim. Seit Jahren gibt es gegen diese Zustände europäische Förderprogramme und gar eine „Dekade“ der Roma-Integration. Aber mancher Euro versickert in der Walachei, und viele Brüsseler Fördermittel werden gar nicht erst abgerufen.

Denn die Vorurteile sitzen tief, das gegenseitige Misstrauen ist groß. Auch in Deutschland wollen nach aktuellen Umfragen etwa zwei Drittel der Bürger „lieber nicht“ mit Roma in einem Haus wohnen. Die Hälfte glaubt, sie seien von Natur aus kriminell. Während der NS-Zeit wurden etwa fünfhunderttausend Sinti und Roma ermordet. Fast siebzig Jahre Bedenkzeit hat es gebraucht, ehe der Bundestag bereit war, daran mit einem Gedenkort zu erinnern. Die gängigen Vorurteile des Antiziganismus leben fort. Drei Viertel der deutschen Roma (und Sinti) sagen, sie würden diskriminiert. Auch in der Bundesrepublik werden „Zigeuner-Häuser“ gelegentlich angezündet, Gedenkorte geschändet. Noch bis 2001 schrieben einzelne Polizeibehörden „Zigeuner-Karteien“ der Gestapo fort. Antiziganistische Taten werden, anders als antisemitische, bis heute nicht gesondert registriert. Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen begannen vor zwanzig Jahren mit Angriffen auf Roma aus Rumänien, denen Stadt und Staat keinen Schutz boten.

Kellerbewohner des europäischen Hauses

In Europa leben etwa elf Millionen Roma. Sie sind im europäischen Haus die Kellerbewohner, die Ausgegrenzten. Fünfhundert Jahre systematische Ausgrenzung und Verfolgung in vielen Ländern haben viele Roma gelehrt, dem Staat zu misstrauen, sich nur auf die eigene Familie zu verlassen. Das letzte große Pogrom ist nicht lange her: Ende der neunziger Jahre vertrieben Kosovo-Albaner etwa einhunderttausend Roma aus ihren Häusern. In Deutschland wurden sie als „Bürgerkriegsflüchtlinge“ verzeichnet, die Vertreibungsverbrechen bis heute kaum beachtet, geschweige denn geahndet.

Selbst in den milden Kernzonen Europas werden Roma oft als bedrohliche Randexistenzen wahrgenommen, frech und verwahrlost. In Frankreich walzten im vergangenen Sommer Bulldozer Wohnwagensiedlungen von Roma nieder, die Bewohner verloren alle Habe. In Italien griffen bewaffnete Bürger eine Roma-Siedlung an und setzten sie in Brand. Der rumänische Außenminister, wohlmeinend von Gesinnung, nannte sie voriges Jahr „Nomaden“, die „noch nicht vollständig“ integriert seien. Dabei sind acht von zehn Roma längst sesshaft. Die Zahl derer, die freiwillig als „lustige Zigeuner“ durch Europa ziehen, ist lächerlich gering im Vergleich zu denen, die immer noch aus schierer Not von einer Gelegenheitsarbeit zur nächsten oder eben von einem Sozialtopf zum anderen Sozialtopf vagabundieren.

Europa muss Roma als Bürger annehmen

Unter solchen Umständen sind auch in Deutschland bei vielen zugezogenen Roma-Familien Bildungsplanung und Berufswünsche oft alltäglichen Überlebenserfordernissen untergeordnet. Jeder zweite erwachsene Roma in Deutschland hat keinen Schulabschluss. Denn es lohnt sich nur dann, die Kinder zum Lernen zu schicken, wenn man nicht fürchten muss, dass einem die Handlanger des Neuköllner Hausbesitzers die Türe eintreten und den Hausrat in den Hof werfen, weil man die Wuchermiete für die Matratzenlager nicht zahlen konnte. Also lieber am Alex ein paar Euro erbetteln oder in der S-Bahn zum tausendsten Mal „Oh, Champs-Élysées“ singen.

Aus solchen Elendskreisläufen können diese Familien entkommen, wenn sie einerseits ihre Bürgerrechte ernst nehmen, andererseits auch ihre Bürgerpflichten, etwa die Schulpflicht ihrer Kinder, auch der Mädchen. In Berlin versucht man den „Neu-Neuköllnern“ rauh, aber herzlich zu vermitteln, dass Betteln, Prostitution und Wohnungseinbruch keine Zukunftsberufe sind. Europa muss seine Millionen Roma als Menschen und Bürger annehmen, und es muss aufhören, sie wie die letzte wilde Horde des Kontinents zu behandeln.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 21.02.2013, 17:40 Uhr

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