Der argentinische Präsidentschaftskandidat und frühere Staatschef Carlos Menem hat sein Land kurz vor der Stichwahl in Ungewissheit über einen möglichen Verzicht auf seine Kandidatur gestürzt.
Nachdem Mitarbeiter des 72-Jährigen am Dienstag entsprechende Gerüchte genährt hatten, äußerte sich Menem kurz vor Mitternacht nebulös. „Ich werde Euch nicht betrügen. Morgen wird es Neuigkeiten geben“, rief er kurz vor Mitternacht von einem Fenster seines Hotels in Buenos Aires etwa 400 Anhängern zu.
Offizielle Erklärung am Mittwoch
In der Stichwahl droht ihm eine katastrophale Niederlage gegen seinen parteiinternen Gegner Néstor Kirchner. Wenn Menem nicht antritt, wäre Kirchner automatisch Wahlsieger. Die seit Tagen kursierenden Gerüchte über einen Verzicht Menems hatten am Dienstag neue Nahrung erhalten, als er Wahlveranstaltungen abgesagen und Werbespots im Fernsehen stoppen ließ. Enge Mitarbeiter des Peronisten streuten, Menem habe sich bereits für einen Rückzug aus der Stichwahl an diesem Sonntag entschieden.
Eine ihm nahe stehende Zeitung veröffentlichte in ihrer Online-Ausgabe einen angeblichen Brief Menems, in dem er seine Entscheidung damit begründete, dem Land eine „Zerreißprobe“ ersparen zu wollen. Stunden später bezeichnete ein Sprecher Menems den Brief jedoch als „falsch“. Menem werde an diesem Mittwoch seine Entscheidung über die Teilnahme an der Stichwahl bekannt geben. Fast alle nationalen Medien berichteten bereits von dem angeblichen Rücktritt Menems, als ob es sich dabei um eine Tatsache handelte. Reaktionen von Politikern, Meinungsforschern, Verfassungsrechtlern, Politologen und Soziologen wurden eingeholt.
Keine Siegchance bei Stichwahl
Kirchner hielt sich für eine Siegesrede bereit. Als die Entscheidung dann aber ausblieb, sprachen Kommentatoren von einer „Farce“ und kritisierten das Verhalten Menems als „völlig verantwortungslos“. Kirchners Sprecher bezeichnete die Vorstellung Menems als „peinlich“ und äußerte die Hoffnung, dass die Stichwahl doch noch stattfinden werde.
Umfragen zufolge muss Menem mit einer vernichtenden Niederlage rechnen. Während Kirchner mehr als 70 Prozent der Stimmen zugetraut wurden, lag Menem zwischen 20 und 30 Prozent. In der ersten Wahlrunde am 27. April hatte er mit 24,4 Prozent noch die meisten Stimmen erzielt, die notwendige Mehrheit für einen Sieg aber verpasst. Kirchner war mit 22,2 Prozent auf Platz zwei gelandet. Ihm kommen jetzt die Stimmen aller Menem-Gegner zu Gute. Der Wahlsieger soll am 25. Mai die Nachfolge von Amtsinhaber Eduardo Duhalde übernehmen und das Land aus der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte führe.