27.06.2006 · Die Argentinier wundern sich über den Umgang der Deutschen mit ihrem Nachwuchs. Die wenigen deutschen Kinder seien „zu traurig, zu brav oder zu weise“. Und im Osten Deutschlands sei „die Zeit stehengeblieben“, berichten sie nach Hause.
Von Joesef OehrleinBei ihren Fahrten durch die deutschen Lande von Spielort zu Spielort machen die argentinischen Reporter vor allem zwei Beobachtungen: Auf den Feldern fehlen die Rinder und auf den Straßen die Kinder.
Von den Weiden der Pampa sind die Medienleute den Anblick von Riesenherden gewöhnt. Sie können sich einfach nicht vorstellen, daß das Vieh im Stall gehalten wird. Noch mehr wundert sie der Umgang der Deutschen mit ihrem Nachwuchs. Die wenigen deutschen Kinder sind „zu traurig, zu brav oder zu weise“, wie es in einem Bericht hieß. Unvorstellbar ist für Argentinier, daß es deutsche Restaurants gibt, die Eltern mit Kindern den Zugang verwehren, ein Paar mit Hund jedoch willkommen heißen. Eine Argentinierin, die seit acht Jahren in Deutschland lebt, bestätigt ihrem verblüfften Landsmann, „richtige Kindheit“ erlebten die Kinder in Deutschland nie, schließlich seien sie für die deutschen Ehepaare eine finanzielle Belastung, die den Eltern den Urlaub in Nigeria oder Guatemala, das zweite Auto oder den Theaterbesuch unmöglich mache.
„Viereckige, eintönige und alte“ Häuser
Den Reportern entging nicht, daß das für Argentinien siegreiche Spiel gegen Mexiko in dem einzigen auf dem Gebiet der früheren DDR gelegenen Austragungsort stattfand, in Leipzig. Dort sei „die Zeit stehengeblieben“, berichten sie nach Hause. Sofort erkenne man, daß dies eine Stadt des „ehemaligen Ostens“ sei, selbst die Landschaft ändere sich, wenn man von Westen komme. Hinter „Gena“ (gemeint ist wohl Gera) werde in fast allen Straßen gebaut, die Häuser würden „viereckiger, eintöniger und auch älter“, viele seien verlassen.
Der argentinische Präsident Nestor Kirchner hätte Gelegenheit gehabt, beim Spiel Argentiniens gegen die Niederlande live dabeizusein: Er hielt sich gerade in Europa auf. Es wäre für ihn ein leichtes gewesen, sich ins Frankfurter Stadion ganz nahe beim Flughafen zu begeben. Doch er sah sich das Spiel dann doch in Madrid an, auf seiner einzigen Reisestation, zusammen mit dem spanischen Ministerpräsidenten Rodriguez Zapatero. Gleichsam als Ersatz für ihn suchten argentinische Presseleute ein deutsches Ehepaar mit dem Namen Kirchner. Sie fanden es im fränkischen Untereisenheim, allerdings nicht Nestor und Cristina, sondern Stefan und Rosemarie.