Home
http://www.faz.net/-gpf-t1ry
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Arbeitsmarkt Generation tolles Praktikum

15.09.2006 ·  Die Politik hat das schwere Los der Praktikanten als Thema entdeckt. Eine Umfrage und der Blick in Internetforen zeigt aber: Nicht alle Praktikanten sind unzufrieden. Schwarze Schafe finden sich eher unter den kleinen Unternehmen.

Von Carsten Knop und Johannes Winkelhage
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (4)

Werden Hospitanten, Praktikanten und Volontäre von deutschen Unternehmen ausgenutzt? Für die „Generation Praktikum“, junge Leute, die auf dem Weg in eine Festanstellung ein Praktikum nach dem nächsten absolvieren, ist das eine brisante Frage. Auch die Politik hat das Thema für sich entdeckt. Den Einsatz unbezahlter Praktikanten als reguläre Arbeitskraft will Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) notfalls sogar mit einem Gesetz eindämmen. Ist es in der Wirklichkeit aber tatsächlich so schlimm?

Eine nicht repräsentative Umfrage unter Unternehmen und der Blick auf die vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) betriebene Internetseite „students-at-work.de“ beweist, mindestens mit Blick auf die großen Unternehmen, eher das Gegenteil. Der Autohersteller Daimler-Chrysler zum Beispiel kommt gut weg.

Große Betriebe bekommen bessere Noten

Mehr als 650 Einträge zu einzelnen Unternehmen haben sich in der rund ein Jahr bestehenden Datenbank gesammelt. Und die Internetseite ist keine reine Meckerecke geworden, in der sich nur die Frustrierten und Nörgler eintragen. „Die positiven und negativen Bewertungen der Praktika halten sich ungefähr die Waage“, sagt Silvia Helbig, Referentin in der Abteilung Jugend beim DGB-Bundesvorstand in Berlin. Die Bewertungen schwankten zudem sehr stark zwischen einzelnen Branchen. So würden zum Beispiel Medienunternehmen oder Architekturbüros oft schlechter beurteilt als der Durchschnitt. Schlimmster Vorwurf: Erst wird ein Job im Anschluß an das Praktikum versprochen, dann folgt aber doch nur der nächste Praktikant auf dieser Position.

Vor allem große Betriebe mit eigenem Betriebsrat wie die im Deutschen Aktienindex Dax vertretenen Unternehmen bekommen nach den Worten von Helbig bessere Noten. Es zeigt sich zudem, daß es keinesfalls nur das unbezahlte Praktikum gibt. So zahlen die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young bis zu 950 Euro plus Kilometergeld und Verpflegungspauschale. Die Konkurrenz bei der KPMG bietet sogar bis zu 1000 Euro im Monat.

Viele dürfen im Jahr darauf sogar wiederkommen

Auch die Deutsche Telekom oder Henkel in Düsseldorf liegen mit einer Praktikantenvergütung von bis zu 800 Euro ebenfalls gut im Rennen. Überhaupt sind 800 Euro ein Durchschnittswert, an dem sich ein Bewerber bei größeren Unternehmen gut orientieren kann. Auch grundsätzlich gilt: Je größer ein Unternehmen ist, desto fairer ist die Bezahlung, auch wenn sie nie an ein echtes Gehalt heranreicht.

Für die Technologiebranche, die in der jüngeren Zeit immer wieder Nachwuchssorgen bei gut ausgebildeten Informatikern und Ingenieuren beklagt hat, ist die gezielte Ansprache potentieller künftiger Arbeitnehmer sogar ein strategisch wichtiges Instrument der Personalbeschaffung. Beim Softwarekonzern SAP sind die Praktikanten nach den Worten einer Sprecherin „in allen Bereichen integriert“, erfahren dieselbe Einarbeitung wie neue festangestellte Arbeitnehmer und würden im Rahmen sinnvoller Projekte eingesetzt. „Sonst könnten wir uns ja auch gar kein vernünftiges Bild vom jeweiligen Praktikanten machen“, heißt es bei SAP, wo allein am Hauptsitz in Walldorf in jedem Jahr zwischen 300 und 400 Praktikanten arbeiteten - und viele von ihnen dürfen im Jahr darauf sogar wiederkommen. Auch die Resonanz auf der Internetseite des DGB ist entsprechend erfreulich.

Vorwürfe auch gegen Gewerkschaften und Politik

Bei kleineren Unternehmen fällt das Bild hingegen nicht ganz so positiv-professionell aus. „Kleinere Arbeitgeber können der Versuchung offenbar nicht wiederstehen, die Praktikanten als Ersatz für vollwertige Arbeitskräfte zu mißbrauchen“, sagt DGB-Referentin Helbig. Das läßt sich im Internet nachlesen: Die Vorwürfe reichen von der Ausbeutung als billige Arbeitskraft, mangelnder Betreuung oder auch langweiligen Tätigkeiten ohne die Möglichkeit, etwas zu lernen. Von solchen Vorwürfen ist übrigens auch die Welt der Gewerkschaften oder die der großen Politik nicht völlig frei. So fällt das Urteil eines Praktikanten über seine Zeit bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Reutlingen vernichtend aus.

Und im Deutschen Bundestag hängt das Wohl und Wehe eines Praktikanten offenbar sehr stark davon ab, mit welchem Abgeordneten und welcher Fraktion er zu tun hat. Gezahlt wird hier in der Regel entweder gar nichts oder jedenfalls sehr viel weniger als in der Welt der Unternehmen. In einem Bewerbungsbogen des Sozialministeriums steht: „Mir ist bekannt, daß für ein Praktikum keine Vergütung vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gezahlt wird.“ Allerdings beschäftigen Ministerien tatsächlich keine Absolventen von Hochschulen als Praktikanten - sondern nur Studenten und Auszubildende, bei denen Praxiserfahrung Teil der Berufsausbildungs- oder Studienordnung ist.

Nicht nur finanzielle Aspekte wichtig

Nach Ansicht des DGB haben die Unternehmen selbst inzwischen ebenfalls großes Interesse an ihrer Bewertung in der Datenbank. Dies bringe ein wenig Transparenz in diesen Markt und man könne der Konkurrenz auf die Finger schauen, sagt Helbig. „Wir schauen bei solchen Bewertungen natürlich sofort hin und versuchen darauf einzugehen, da wir Praktikanten sehr ernst nehmen“, sagt eine BMW-Sprecherin. BMW beschäftige aber jedes Jahr rund 3500 Praktikanten. Da seien zwei weniger positive Äußerungen auf der DGB-Website nur ein kleiner Ausschnitt.

Der DGB selbst prüft die Angaben nicht auf ihren Wahrheitsgehalt, sondern sortiert nur diffamierende oder beleidigende Äußerungen aus. Eine Richtigstellung steht den Unternehmen aber frei. So setzt sich die Deutsche Telekom, die bei den Praktikanten insgesamt ganz gut ankommt, gegen die Behauptung einer Praktikantin zur Wehr, bei der Inhouse Consulting des Unternehmens arbeiteten mehr Praktikanten als festangestellte Mitarbeiter. Die Vermarktungsgesellschaft Berlin Partner GmbH bestreitet vehement, bei ihr würden Praktikanten systematisch ausgebeutet. Den Praktikanten selbst geht es in ihren Beurteilungen längst nicht nur um die finanziellen Aspekte ihres Aufenthaltes in den Unternehmen. „Der Chef hatte nicht mal Zeit für ein kurzes Gespräch“, heißt es in einer anonymen Bewertung der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung. Und auch der Magen denkt mit. So wird bei der Münchener Rück das kostenlose Mittagessen gerühmt.

Quelle: F.A.Z., 15.09.2006, Nr. 215 / Seite 24
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

Jüngste Beiträge

Gaucks Präsenz

Von Günther Nonnenmacher

Es ist wichtig, Israel der unverbrüchlichen Solidarität Deutschlands zu versichern, ohne die Punkte zu verschweigen, an denen die Meinungen auseinandergehen. Auch der Bundespräsident weiß das. Mehr 1 5