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Arbeiten als BND-Agent Kein Herz für James Bond

24.05.2007 ·  Der Bundesnachrichtendienst kann sich vor Bewerbern kaum retten. Junge Leute nutzen den Dienst, der sich ganz neu aufbaut, zu einer Chance auf eine Blitzkarriere. Draufgänger sind allerdings nicht gefragt.

Von Markus Wehner
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Seinen Dienst trat er an, als George W. Bush verkündete, die Mission im Irak sei erfüllt. Sie war es nicht. Drei Jahre lang erfuhr der studierte Politikwissenschaftler das beinahe rund um die Uhr. Er wertete die Meldungen aus dem Irak aus. Zehn bis zwölf Stunden am Tag, Berichte über Gefechte und Anschläge. Heute trifft er sich an verschiedenen Orten der Welt mit Leuten, die ihm Informationen über islamistische Terrornetzwerke geben. „Ein Beruf, der spannender kaum sein könnte“, sagt der 32 Jahre alte „Verbindungsführer“. Seit vier Jahren arbeitet er beim Bundesnachrichtendienst, dem BND.

Supercool oder gestählt wirkt er nicht. „Ich bin kein geborener Draufgänger“, sagt er. Der Mann ist sympathisch, offen, mit ihm kommt man leicht ins Reden. „Ich bringe Leute dazu, mir Informationen anzuvertrauen, die sie in Gefahr bringen können. Das kann abenteuerlicher sein, als die Pistole auf den Tisch zu legen.“

Alternative zum Auswärtigen Amt

Der Auslandsdienst war für ihn die Alternative zu einer Diplomatenlaufbahn im Auswärtigen Amt. Dort wird man alle paar Jahre in mehr oder weniger abenteuerliche Weltgegenden versetzt - der BND biete da mehr Flexibilität. Sein nächstes Ziel ist es dennoch, in einigen Jahren BND-Resident zu werden in einem Teil der Welt, auf den es heute im Kampf gegen den islamistischen Terror ankommt.

Der Kollege, der neben ihm sitzt an diesem Abend in der Dienstvilla des BND-Präsidenten im bürgerlichen Südwesten Berlins, hat Wirtschaftswissenschaften studiert, sich nach dem Studium bei einem Unternehmen verdingt. Irgendwann las er davon, der deutsche Auslandsgeheimdienst treibe einen Generationswechsel voran. „Den BND hatte ich vorher gar nicht auf dem Schirm“, sagt er. Doch in dessen Terrorismus-Abteilung hat er so viel zu tun wie nie zuvor. Die jungen Kollegen hätten sich in der Leidenschaft, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen, gegenseitig angesteckt. „Wir haben oft bis zur Erschöpfung gearbeitet.“ Ihn interessiert das Phänomen des Terrorismus. Wie man eine Strategie gegen den Terrorismus entwickelt, daran würde er in ein paar Jahren gern selbst als Leiter eines Teams im BND arbeiten.

„Nur gut zu sein an der Uni reicht nicht“

Die chic gekleidete Mittdreißigerin mit den langen blonden Haaren war zwei Jahre lang immer wieder in Afghanistan unterwegs. „Das war das, was ich wirklich wollte“, sagt die promovierte Juristin. Zuvor hatte sie bei der Bundeswehr gedient. Ihre Kollegin, Ende zwanzig, gab schon als Studentin in Afrika Kurse für Demokratisierung. „Nur gut zu sein an der Uni reicht nicht“, sagt sie. Nicht immer sind es die Einser-Juristen, die der Dienst braucht. Ein interessanter Lebenslauf hilft mehr.

Vor ein paar Jahren standen die vier mit anderen am Bahnhof im bayerischen Pullach, dem Hauptsitz des Nachrichtendienstes. Keiner traute sich, den anderen anzusprechen, man wusste ja nicht, was auf einen zukam. Irgendwann kam der Bus, der sie zum Einführungslehrgang in die BND-Zentrale brachte.

Die aufstrebende Generation

Jetzt sind sie die aufstrebende Generation des Dienstes, die Repräsentanten des neuen BND - gut ausgebildet, ehrgeizig, hochmotiviert. Als junge Referenten tragen sie - kaum vier, fünf Jahre dabei - schon bei der Sicherheitslage im Kanzleramt vor. In einem Dienst, den manche für verbrannt hielten und der sich ganz neu aufbaut, nutzen sie die Chance, eine Blitzkarriere zu machen. „Wir haben sehr schnell Verantwortung übernommen“, sagt einer. In keiner anderen Behörde sei das heute so möglich, weil die Hierarchien zu stark seien. Das Gefühl, eigentlich überfordert zu sein, ist ihnen nicht fremd. „Manchmal hat man uns auch ins kalte Wasser geworfen“, bekennen sie.

Der BND, der heute mit 1400 seiner 6000 Mitarbeiter in Berlin präsent ist und 2011 sein neues Gebäude an der Chausseestraße im Bezirk Mitte beziehen will, muss sich neu schaffen - und Präsident Ernst Uhrlau setzt auf junge Leute. Bei der Jobbörse „connecticum“ hat sich der Dienst an seinem Stand unlängst vor Interessenten kaum retten können.

Das Ende der Kommunistenfresser

Den Auslandsdienst, wie er vor dem 11. September 2001 war, hat die neue Generation nicht mehr erlebt. Die Konfrontation mit dem Ostblock ist für sie Geschichte. Mit dem alten Bundesnachrichtendienst und seinen „Kommunistenfressern“ hat man nichts mehr zu tun. „Vor fünfzehn Jahren hätte ich mich niemals beim BND beworben“, sagt einer. Mit den Skandalen um angebliche Maulwürfe des KGB, den alten Grabenkämpfen, den Bespitzelungen von Journalisten wollen sie nichts zu tun haben. „Ich kann davon abstrahieren“, sagt eine der Frauen. Das von den Medien gepflegte Klischee von den „Schlapphüten“ finden sie befremdend.

Auch vom James-Bond-Gefühl wissen die neuen deutschen Geheimdienstler wenig zu berichten, nichts von rasanten Autojagden und lebensgefährlichen Einsätzen, bei denen man, bis an die Zähne bewaffnet, nur knapp dem Tod entrann. Sie sprechen eher von Kommunikationstalent oder vom notwendigen Einfühlungsvermögen in andere Kulturen. „Hauruck-Typen sind nicht gefragt“, sagt die Afrika-Spezialistin. „Und es dauert auch länger, bis wir hundert Millionen Dollar fürs Pokerspiel bekommen“, scherzt sie in Anspielung auf den jüngsten Bond-Streifen.

Ein bisschen Geheimhaltung muss sein

Der BND - eine Behörde wie jede andere? „Eine Portion kalkuliertes Risiko muss bleiben“, sagt der Analytiker von der Terrorismus-Abteilung. Und ein paar Portionen Geheimhaltung auch. Neun Monate dauert die Sicherheitsüberprüfung, wird die Vergangenheit durchleuchtet, bevor man nach der Aufnahme beim Dienst tatsächlich anfangen kann. Und nur die Familie und enge Freunde wissen dann, wo man wirklich arbeitet. Für den Rest der Welt hat man passende Legenden bereit, die, so die Erfahrung, leicht geglaubt werden. „Wenn man dazu neigt, seine beruflichen Erfolge nach außen darzustellen, ist man beim BND falsch“, sagt der „Verbindungsführer“.

Im Einführungslehrgang beim BND war es die erste Aufgabe, Menschen kennenzulernen. Eine Kursteilnehmerin setzte sich in den Münchner Augustinerkeller und hatte, als Lokalreporterin getarnt, binnen kurzer Zeit die Adressen von zwanzig kontaktfreudigen Männern in der Tasche. Ein Kollege, der ein Restaurant zu besuchen hatte, in dem Paare beim Candle-Light-Dinner Zweisamkeit pflegten, kam mit mageren Ergebnissen zurück. Die Leichtigkeit, mit der Menschen etwas preisgeben, und die Leichtgläubigkeit, mit der sie Informationen für bare Münze nehmen, ist eine Grundvoraussetzung der Arbeit.

Verfolgen und Verfolger abschütteln

Observieren, abhören, eine Operation planen und durchführen - das nachrichtendienstliche Geschäft haben die von der Wissenschaft geprägten Geheimdienstler zunächst in einem vierzehn Wochen dauernden Praktikum im Ausland gelernt. Zu verfolgen und Verfolger abzuschütteln gehört ebenso zum Programm wie die Festnahme durch einen gegnerischen Dienst, bei wechselnden Wach- und Schlafphasen wird der Praktikant an die Grenzen seiner psychischen und physischen Belastung geführt.

Das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein, hält sich dennoch in Grenzen. Einen Korpsgeist, den Stolz, zum Dienst zu gehören, gibt es beim BND nicht. Anders als etwa die Diplomaten des Auswärtigen Amtes, die sich von jeher als Elite verstehen, fehlt es dem deutschen Nachrichtendienst an Selbstbewusstsein. Zu lange wurde der BND von der politischen Spitze geringgeschätzt, von Helmut Schmidt oder Helmut Kohl. Erst mit der Kanzlerschaft Gerhard Schröders änderte sich das. Und zu lange war der Dienst in Pullach zu fern von Bonn und später von Berlin, abgeschottet von den Entscheidungsträgern, dem Kanzleramt, dem Außen- und dem Verteidigungsministerium, den Analytikern anderer Behörden. Der Nachrichtendienst existierte mehr für sich selbst denn für die Abnehmer seiner Information.

Fast schlimmer noch wirkten die Mauern im Innern. In Pullach saßen die Mitarbeiter einer Abteilung über Kilometer weit verstreut in ihren Häuschen, in einer in Stein gegossenen Abschottung. Das Misstrauen gegeneinander wurde kultiviert, auch dann noch, als es dafür schon keinen Grund mehr gab. Nach dem Ende des Kalten Krieges ließ die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Dienst nach, auch die Motivation und das Loyalitätsempfinden. Manche begannen zu plaudern, auch gegenüber Journalisten, andere entzogen sich der Kontrolle, dritte prozessierten gegen den Dienst oder veröffentlichten Enthüllungsbücher. Skandale waren die Folge.

Das alles hat den Dienst so mitgenommen, dass es noch nicht überwunden ist. Der Umzug nach Berlin soll den gordischen Knoten durchschlagen, aus dem Zufluss junger Leute soll der neue Dienst erwachsen. In den vergangenen fünf Jahren hat der BND zweitausend neue Leute eingestellt, ein Drittel des Personals.

Doch noch stehen sich zwei Kulturen und zwei Geschwindigkeiten gegenüber. Der junge BND in Berlin, der unbezahlte Überstunden schrubbt und sich als Avantgarde versteht, und der alte Dienst, wo es noch Stechuhr-Mentalität gibt und sich viele als die Verlierer der Reform sehen. BND-Präsident Uhrlau will nun öfter in Pullach sein, das Auseinanderdriften des Dienstes verhindern. „Ein Auslandsnachrichtendienst, der durch die herausragende Qualität seiner Arbeit und die Integrität seiner Mitarbeiter/-innen einen unverzichtbaren Beitrag für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Bürger leistet“, so beschreibt sich der BND auf seiner Website. Der Satz steht unter der Überschrift: Unsere Vision.

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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