29.10.2004 · Der schwer erkrankte Arafat wird in einer Klinik bei Paris ärztlich behandelt. In seiner Heimat wird schon über die Nachfolge des 75 Jahre alten Palästinenserpräsidenten und den Ort seines Grabes spekuliert.
Von Jörg Bremer, RamallahDer palästinensische Präsident Arafat ist nicht mehr in seiner Heimat. „Wir sind jetzt allein“, sagt der halbstarke Junge mit einer Träne im Auge und guckt den beiden jordanischen Hubschraubern hinterher, die den blutkranken „Abu Amar“ nach Amman fliegen, wo er unverzüglich in einen Jet des französischen Präsidenten umgeladen werden soll, der quer über Israel Kurs auf Paris nehmen wird.
Nach drei Jahren verläßt der Vater der palästinensischen Nationalbewegung erstmals sein ramponiertes Lager, womöglich ohne jemals zurückzukehren. Israels Regierung sagt, Arafat leide unheilbar an einer Art Blutkrebs, der wohl zu spät erkannt worden sei. Da sei es nur eine „Frage der Humanität“, Arafat jede Bewegungsfreiheit zu lassen, ihn Israel überfliegen zu lassen und ihm auch zuzusichern, nach Ramallah zurückkehren zu können - und sei es im Sarge.
Angst vor Entführung oder Mord
In einem schwarzen Wagen wird Arafat die paar Meter von der Tür zu seinem Hubschrauber gefahren. Bulldozer hatten eigens in der Nacht zuvor einen Platz leergeräumt, der über die letzten Monate unter Schutt und Müll verschwunden war, um israelischen Hubschraubern das Landen unmöglich zu machen - aus Furcht, Arafat könnte entführt oder getötet werden.
Arafat sieht man kaum; nur seinen Mantel und eine Mütze - als sei es kalt und windig. Dann verschwindet „Abu Amar“, der seit der Gründung seiner Fatah-Bewegung Ende der fünfziger Jahre in Kuweit mit Terror und Friedensgesten das Leben der Palästinenser und Israelis entscheidend mitprägte, schwach und gekrümmt in einem der Hubschrauber - ohne die Militäruniform, die er bisher sein Leben lang trug, ohne die kunstvoll gefaltete Keffieje auf dem Kopf, die sein Markenzeichen ist.
Hunderte Anhänger verabschieden „Abu Amar“
Der Himmel ist bedeckt. Herbstregen steht an. Es ist 7.30 Uhr. Tausende nehmen nicht Abschied von dem 75 Jahre alten Mann. Aber die paar hundert, die gekommen sind, jubeln ihm noch einmal zu, wohl vor allem, um sich selbst Mut zu machen: „Wir werden Blut und Seele für Dich geben“, rufen sie und schon ein wenig leiser: „Ein Berg wird nicht vom Wind versetzt“.
Die letzten Fotos im palästinensischen Land zeigen Arafat am Donnerstag in einem taubenblauen Schlafanzug und derselben Mütze wie jetzt beim Abflug; mit Vollbart und lachend inmitten seiner Ärzte und Bewacher. Er wollte diese Fotos nicht. Doch sie mußten sein, um seiner Nation zu zeigen: Arafat lebt.
Arafat lebt, aber regiert nicht mehr
Dabei ändert sich jetzt schon vieles. Arafat lebt, aber er regiert wohl nicht mehr. In dieser Zwischenphase müssen sich seine Erben zurückhalten, um nicht als Königsmörder zu erscheinen, und sollen doch zugleich das Vakuum füllen, das Arafat in Ramallah hinterläßt.
Die erste Veränderung war ein Telefongespräch. Der palästinensische Ministerpräsident Qurei rief den israelischen Ministerpräsidenten Scharon an. Er kannte die Nummer und hatte sie doch offenbar bisher nie gewählt. Er soll sich vor diesem Anruf sogar gefürchtet haben. Aber es blieb ihm keine andere Wahl.
Politische Führer: Qurei und Abbas
Anstatt eines verschlossenen Scharons habe da ein weitherzig erscheinender Mitmensch alle Hilfe angeboten, um Arafat schnell in ein gutes Hospital zu bringen. Offenbar ebnete dann auch der EU-Außenbeauftragte Solana den Weg nach Paris. Vielleicht ist dies erste Telefongespräch die Basis für mehr Kontakte zwischen Jerusalem und Ramallah.
Es gibt schon so etwas wie eine neue palästinensische Regierung, selbst wenn Arafat keinen Stellvertreter benannte und für die Krankentage seinen Berater Abu Rudeineh als Hofmarschall gewähren ließ. Qurei wird weiter Regierungschef bleiben. Mahmud Abbas, der vorherige und erste Ministerpräsident, wurde von den Führungsgremien als „Übergangspräsident“ bestätigt. Das steht ihm nach seinem Rang als Generalsekretär des PLO-Exekutiv-Komitees auch zu; die PLO als Vertreter aller Palästinenser steht an Rang höher als die Autonomieverwaltung.
„Moment der Humanität“
Am Donnerstag, als Arafat von den Ärzten behandelt wurde, beschloß man, möglichst rasch den Autonomierat einzuberufen. Der soll ein Gesetz schaffen, das Abbas als Arafats Stellvertreter an der PLO-Spitze zu seinem Interimsnachfolger machen würde. Die islamistische Hamas scheint sich nicht auf einen Kampf gegen diesen Prozeß einzustellen. Sie bekundet ihre Solidarität mit Arafat „und legt ihre politischen Differenzen in diesem Moment der Humanität zur Seite“.
Das Volk solle sich geschlossen hinter die Führung stellen, fordert Hamas-Sprecher Hanije in Gaza im arabischen Fernsehsender Al Dschazira. So als wollte er die Beteiligung der Hamas nicht nur an den Kommunal-sondern auch an den Parlamentswahlen ankündigen, spricht sich Hanije für eine vereinte nationale Führung aus. Von mehr Terror und Gewalt ist nicht die Rede.
Palästinensischer Wunsch nach Einheit
Allenthalben wird der palästinensische Wunsch nach Einheit hörbar. Vakuum und Chaos sollen verhindert werden. Der Sprecher des Autonomierats, des palästinensischen Parlaments, Fatouh aus Rafah, müßte beim Tode Arafats nach dem Grundgesetz bis zur Wahl innerhalb von 60 Tagen Arafats Nachfolger als Präsident sein. Aber der wenig bekannte Mann pocht nicht darauf, sondern fordert am Freitag „die dringend benötigte nationale Einheit“.
Diese Bewegung im palästinensischen Lager kann Israel nicht außer acht lassen. Für Ministerpräsident Scharon wäre es jetzt leichter, Arafat würde von einer „Grippe“ genesen und weiter als sein Buhmann in Ramallah bleiben können. Erst am Montag hatte Scharon den „einseitigen“ Abzug aus dem Gaza-Streifen durch das Parlament geboxt. Da es keinen Partner unter den Palästinensern gebe, sei Israel bis zu einer neuen Führung in Ramallah gezwungen, einseitige Schritte zu gehen.
Israel: Keine Beisetzung Arafats auf dem Tempelberg
Tatsächlich ist der Abzug von Siedlern und Soldaten aus besetztem Land erst einmal einseitig. Doch praktisch muß Israel in ein paar Monaten den Gaza-Streifen und die nördlichen Gebiete des Westjordanlandes an jemanden übergeben. Dafür könnte sich eine Abbas-Regierung anbieten. Mit Abbas hatte Scharon bis zu dessen Sturz im September vor einem Jahr den Dialog gepflegt.
Ein Streitthema wird schon in den Zeitungen verhandelt. Arafat wünscht sich, auf dem Haram al Scharif, dem Tempelberg von Jerusalem, beigesetzt zu werden. Der muslimische Waqf, der die drittheiligste Stätte des Islams autonom verwaltet, besteht darauf, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Israels Regierung will das offenbar nicht. Sie möchte an einer politisch so brisanten Stelle nicht ein national-palästinensisches Heiligtum errichtet sehen. Man wolle Arafat mit Blick auf den Tempelberg im Ostjerusalemer Stadtteil Abu Dis - auf der anderen Seite der Mauer - beisetzen, heißt es darum.
Es gibt quasi schon eine neue Regierung in Ramallah, obwohl Arafat keinen Stellvertreter benannt hat. Qurei wird weiter Ministerpräsident bleiben und Mahmud Abbas, der vorherige und erste Ministerpräsident, wurde von den Führungsgremien als "Übergangspräsident" bestätigt.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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