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Arabisches Fernsehen "Noch ein weiter Weg"

10.12.2004 ·  Neue Fernsehsender schießen wie Pilze aus dem Boden: Die Nachrichtensender am Golf auf der Suche nach einem ausgewogenen Journalismus.

Von Rainer Hermann
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Die Fernsehzuschauer im Westen haben sich fast schon daran gewöhnt. Auch für sie sind die arabischen Nachrichtensender zu einer Informationsquelle geworden. Immer sind sie die ersten, die etwa über die jüngste Geiselnahme im amerikanischen Generalkonsulat in Dschidda, Anschläge im Irak oder Wortmeldungen von Al Qaida berichten. Mit der Nachricht senden Al Arabija und Al Dschazira sowie der Mischkanal Abu Dhabi TV auch ihr Logo um die Welt.

Acht Jahre ist Al Dschazira alt, Al Arabija ging vor zwei Jahren auf Sendung. Zur gleichen Zeit baute Abu Dhabi TV seinen Nachrichtenblock aus. Im Irak sei Al Arabija mittlerweile die wichtigste Nachrichtenquelle, sagt Nakhle al Hage stolz. Der Nachrichtenchef des Senders stammt aus dem Libanon. In einer Umfrage des Gallup-Instituts im Irak nannten 59 Prozent Al Arabija als ihre wichtigste Nachrichtenquelle. In Saudi-Arabien zeigten jüngste Erhebungen, daß Al Arabija und sein sechs Jahre älterer Rivale Al Dschazira gleichauf liegen.

Für den Westen wichtig

Transparent, großzügig und modern ist die Sendezentrale von Al Arabija in der "Dubai Media City". Dort haben sich mit großen Redaktionen für den gesamten Nahen Osten auch CNN und die Nachrichtenagenturen Reuters und AP niedergelassen. Die Sender sind für den Westen wichtig geworden, um zu erfahren, was in der Region geschieht. Gleichzeitig zogen sie sich aber auch dessen Kritik zu.

Al Hage hält die Einwände, die aus dem Westen und von der irakischen Übergangsregierung kommen, aber nicht für gerechtfertigt. "Denn wir berichten ja nur, was sich ereignet", sagt er. Er vermutet, daß die Kritiker mit ihrer Schelte nur anderen die Schuld für das Scheitern ihrer Politik zuweisen wollten. Dabei gerate Al Arabija von zwei Seiten unter Beschuß, klagt der Nachrichtenchef, der zunächst beim libanesischen Fernsehen gearbeitet hatte und 1991 nach London zog, um MBC, den ersten privaten Satellitensender der arabischen Welt, aufzubauen.

Zweimal wurde schon das Büro von Al Arabija in Bagdad geschlossen, einmal für mehrere Monate. Bei einem amerikanischen Angriff auf das Studio kamen drei Mitarbeiter des Senders um. Ende Oktober explodierte vor dem Studio eine Autobombe, die die "Brigaden von 1920" gelegt hatten; es wurden sieben Menschen getötet. Die Islamisten verhöhnten auf ihren Internetseiten den Sender als "Agenten der Vereinigten Staaten und Israels", und sie verballhornten den Namen des Senders in "al Ibrija", den "hebräischen Sender", schildert al Hage.

Keine Exklusivität

Auch Nart Bouran, der Nachrichtenchef von Abu Dhabi TV, weist die Kritik des Westens als "unfair" und politisch motiviert zurück. Der frühere Journalist bei Reuters TV in London und Generaldirektor des jordanischen Rundfunks und Fernsehens gesteht aber ein, daß journalistische Fehler diese Kritik zumindest teilweise verursacht hätten. Damit spielt er auf den Umgang der Sender mit den Videobändern von den Entführern im Irak und von Al Qaida an. Leider hätten die Videos hohe Einschaltquoten gehabt. "Damit machte sich das Fernsehen aber zur Propagandamaschine für die Kidnapper."

Von Anfang an habe Abu Dhabi TV die Grundsatzentscheidung getroffen, kein Video von Entführern anzunehmen, versichert Bouran. Da der Sender nicht wisse, wie und über wen die Bänder an ihn gelangten, könne er auch nicht - "wie es Al Dschazira tut" - Exklusivität beanspruchen. Gegen eine Ausstrahlung von Videos, die gedemütigte Entführte und deren Enthauptung zeigen, sprächen zudem ethische Bedenken. Die Entführer spielen jedoch mit den Sendern und hatten Abu Dhabi TV auf die Probe gestellt, indem sie dessen Studio in Bagdad das Video mit der Enthauptung der britischen Geisel Kenneth Bigley zukommen ließen, um dessen Leben lange gekämpft worden war.

"Wir sind aber standhaft geblieben und verlasen lediglich die Meldung, daß Kenneth Bigley getötet worden sei", sagt Bouran. "Getötet" sagte der Nachrichtensprecher und nicht "exekutiert". Denn das würde ein Todesurteil eines ordentlichen Gerichts voraussetzen, rechtfertigt Bouran die Wortwahl. Wo andere, etwa Al Dschazira, von "Widerstand" sprechen würden, benutze Abu Dhabi TV den Begriff "bewaffnete Gruppen". Auch das Wort "Terroristen" kommt bei Abu Dhabi TV nicht vor.

„Nicht Meinung, sondern Fakten“

Al Arabija spricht ebenfalls weder von "Widerstand" noch von "Terroristen", sondern von "Aufständischen". Der Begriff Widerstand würde andeuten, daß die Aufständischen für eine Sache kämpften, die das irakische Volk unterstütze, sagt al Hage. Würde der Sender andererseits den Begriff Terroristen verwenden, würde er für eine Seite Partei ergreifen. Auch Al Arabija zahlt grundsätzlich nicht für Video- und Tonbänder, die al Hage nicht für eine Enthüllungsgeschichte hält. Al Arabija erhält viele Bänder, die nicht gesendet werden. So lehnte al Hage es ab, ein Video mit einer italienischen Geisel zu senden. Am selben Abend sah er es bei einem Konkurrenten. Gesendet würden nur Sequenzen mit einem Nachrichtenwert, versichert Hage. Daß also die Gruppe X einen Y entführt habe und folgende Bedingungen für die Freilassung nenne.

Selbstbewußt sagt al Hage, daß Al Arabija, der jüngste Nachrichtensender, seinen Konkurrenten schon einen Schritt voraus sei. Abu Dhabi TV, das seine Nachrichtenberichterstattung wieder reduziert habe, betrachtet er nicht als Konkurrenten. Gegenüber Al Dschazira grenze sich Al Arabija ab, weil er nicht Meinung wiedergebe, sondern Fakten.

Nur den Nachrichten verpflichtet

Die beiden Kanäle richten sich an die gleiche Zuschauergruppe, und jeder hat seine Erfolge. Eine besonders hohe Einschaltquote erzielt bei Al Arabija die Sendung "Stimmen im Äther". Dabei stellt der Moderator ein umstrittenes Thema zur Abstimmung, an der sich die Zuschauer über das Telefon beteiligen. Jüngst haben sich drei Viertel gegen das in Saudi-Arabien geltende Verbot von Mobilfunkgeräten mit eingebauten Kameras ausgesprochen. Ein anderes Mal stimmte eine Mehrheit für das aktive und passive Wahlrecht der Frauen.

"Die Satellitentechnologie allein reicht für die Modernisierung aber nicht", warnt Bouran. Noch immer müßten die arabischen Sender einen langen Weg gehen, um zu begreifen, was ausgewogener Journalismus sei, klagt er. Zumindest Al Arabija und Abu Dhabi TV versichern, sie folgten keinem eigenen politischen Programm, sondern seien nur den Nachrichten verpflichtet. Andererseits gibt Al Dschazira dem radikalen ägyptischen Prediger Yusuf al Qaradawi viel Platz. MBC, die Muttergesellschaft von Al Arabija, strahlt hingegen religiöse Sendungen mit Yusuf Hamza aus, die hohe Einschaltquoten erzielen. Hamza, ein amerikanischer Konvertit, der hervorragend Arabisch spricht, ist einer der führenden gemäßigten Rechtsgelehrten des Islams.

Neue Fernsehsender

Die MBC-Gruppe, zu der weitere Fernseh- und Rundfunkstationen gehören, ist die erfolgreichste private Mediengruppe der arabischen Welt. Sie gehört arabischen Unternehmern, an deren Spitze der saudische Geschäftsmann Walid al Ibrahim steht. Abu Dhabi TV ist halbstaatlich, Al Dschazira gehört noch immer dem Emirat Qatar, staatlich sind auch die meisten anderen arabischen Satellitensender. Neue private Fernsehsender wachsen aber wie Pilze aus dem Boden. In Kuweit gründete jüngst die Zeitung "al Rai" einen Sender, in Beirut rief ein irakischer Geschäftsmann "ANB" ins Leben, in Abu Dhabi gründeten Unternehmer den Sender "Infinity", und aus Dubai sendet der erste reine Immobilienkanal der arabischen Welt.

Vielfalt entsteht. "Doch noch immer gibt es keine unabhängige Regulierungsbehörde, die Regeln zur Werbung und zu den Grenzen der Gewalt, die gezeigt werden darf, vorgibt", sagt Bouran. Die Fernsehsender sichern sich dennoch ihr Publikum. "Trotz Problemen wie einer Analphabetenrate von 60 Prozent in einigen Ländern und einem Werbeaufkommen für die panarabischen Sender, das geringer ist als das in Israel", sagt al Hage. Eine der größten Schwierigkeiten sei jedoch, daß in den Herzen der Araber eine große arabische Nation bestehe. In der Wirklichkeit sei es aber selbst für Araber schwierig, von einem Land zum anderen zu reisen.

Dennoch treffen die arabischen Nachrichtensender den Nerv ihrer Zuschauer. Anders als der amerikanische Propagandasender Al Hurra, den das Pentagon im vergangenen Jahr lanciert hat. "Al Hurra war für die Amerikaner gewiß keine gute Investition", urteilt al Hage. Nach ihren Erfahrungen mit Herrschern wie Saddam Hussein trauen Araber keiner Regierungspropaganda mehr. Nur ganz wenige sehen Al Hurra, die meisten - neben Al Dschazira - Al Arabija. Denn als privater und unabhängiger Sender verbreitet Al Arabija keine Regierungspropaganda mehr.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2004, Nr. 290 / Seite 7
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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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