24.10.2011 · Bei den Wahlen in Tunesien zeichnet sich ein Wahlsieg der gemäßigt islamistischen Ennahda-Partei ab. Insbesondere die wohlhabenden, westlich orientierten Tunesier befürchten Schlimmes.
Von Friedrich Schmidt, TunisWer Ennahda besuchen will, fährt zu einem modernen Bürogebäude im Osten der Hauptstadt. Man erhält dort einen kleinen Strauß mit Jasminblüten sowie ein mattglänzendes Heft mit dem Wahlprogramm. Es umfasst 365 Punkte für "Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie". Frauen, mit und ohne Kopftuch, Kinder und junge Männer lächeln den Betrachter von den Seiten an. Alle gemeinsam für das neue Tunesien, ist die Botschaft. Freundliche Frauen mit Kopftuch empfangen die Besucher, eine wischt über ihr iPad, derweil sich die Anzeichen für einen deutlichen Sieg Ennahdas bei den Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung mit jeder Stunde mehren.
"Die Wiedergeburt" beschreibt sich lieber als islamisch-demokratisch denn als islamistisch. Die Partei galt schon lange vor den Wahlen am Sonntag als Favoritin. Jetzt, am Montagmittag, werden in vielen Wahlbüros noch die Stimmen ausgezählt. Aber die Mitglieder der Partei, die dabei sein dürfen, übermitteln die Ergebnisse umgehend in die Zentrale. Auch in den fünften Stock des Gebäudes, wo Moadh Ghannouchi in britisch gefärbtem Englisch sagt, die Botschaft der Ergebnisse sei klar: "Die Parteien, die Unwahrheiten über uns verbreitet haben, sind von den Wählern bestraft worden."
Insbesondere die Demokratische Fortschrittspartei und Ettajdid hätten Gerüchte verbreitet, "wir wären gegen Frauenrechte, Gleichberechtigung, Tourismus. Dabei wussten sie genau, dass das nicht stimmt." Die Tunesier hätten sich jetzt für eine neue "Ära der Einigkeit" und gegen die Spalter entschieden - und damit für ein Ende der Einschüchterungstaktiken unter Diktator Ben Ali, sagt Moadh Ghannouchi.
Der Fünfunddreißigjährige hat die Geschichte der Ennahdas von Anfang an miterleben können: Als er fünf Jahre alt war, gründete sein Vater, Raschid Ghannouchi, die Bewegung, die dieser bis heute führt. Schon unter Ben Alis Vorgänger Bourguiba wurde Ennahda unterdrückt, obwohl die tunesischen Islamisten progressiver waren als ihre Brüder in anderen arabischen Ländern. 1988 erkannten sie die rechtliche Gleichstellung der Frau an. Ben Ali, der damals schon an der Macht war, wollte sie zunächst in sein System einbinden. Als die Ennahda-Leute jedoch bei der Parlamentswahl 1989 als unabhängige Kandidaten im Durchschnitt etwa 13 Prozent der Stimmen erhielten, in Städten wie Tunis sogar 25 Prozent, entschied er sich anders.
Er ließ die Organisation als terroristisch diskreditieren und ihre Strukturen zerschlagen. Tausende ihrer Anhänger wurden festgenommen, gefoltert, verurteilt. Oder sie flohen rechtzeitig, wie Raschid Ghannouchi und seine Familie, die nach London gingen. Sein Sohn Moadh war damals 15, studierte später in London Wirtschaftswissenschaften. Nach zwanzig Jahren im Exil kehrte Raschid Ghannouchi Ende Januar, gut zwei Wochen nach der Flucht Ben Alis, nach Tunis zurück, wo ihn seine Anhänger begeistert am Flughafen empfingen. Schon am 1. März wurde Ennahda als Partei zugelassen.
Moadh Ghannouchi sagt, die Zeit im Londoner Exil habe nicht nur ihn, sondern auch seinen Vater geprägt, ihm die Stärke des parlamentarischen Systems verdeutlicht. Vor allem habe ihnen in Großbritannien gefallen, dass der Staat keinem aufnötige, wie man zu leben habe, solange man sich an die Gesetze halte. Moadh Ghannouchi zitiert eine Koransure, nach der es in religiösen Fragen keinen Zwang gebe - das gelte für die Verschleierung genauso wie für den Alkoholkonsum. Wenn jemand sich freiwillig vollständig verschleiern wolle, dann finde er das nicht gut, es sei aber hinzunehmen, sagt der jüngere Ghannouchi und fügt, wie sein Vater oft im Wahlkampf, hinzu: "Der Staat darf nicht in die persönliche Freiheit des Einzelnen eingreifen."
Insbesondere die wohlhabenden, westlich orientierten Tunesier schenken diesen Worten keinen Glauben. Für sie ist Ennahda ein rotes Tuch, Raschid Ghannouchi ein Wolf im Schafspelz. Im Wahlkampf arbeiteten beide Seiten, islamisch-konservative und liberal-moderne, mit den Ängsten der jeweils anderen. Die einen sahen islamische Werte bedroht; Moadh Ghannouchi etwa berichtet von einer Studentin, die aufgrund ihrer Ganzkörperverschleierung daran gehindert worden sei, die Universität zu betreten, ganz wie zu Ben Alis Zeiten. Die anderen sehen die modernen Errungenschaften Tunesiens in Gefahr. Doch insbesondere viele Tunesier aus unteren Gesellschaftsschichten unterstützen Ennahda nicht nur wegen der "islamischen Werte" und der aufrechten Opposition gegen Ben Ali, sondern auch, weil die Parteimitglieder "ehrlich" seien.
Wie tief die Gräben in der Gesellschaft sind, zeigte sich, als Raschid Ghannouchi am Sonntag seine Stimme im Wahlkreis Ariana nördlich von Tunis abgab. Als eine seiner Schleier tragenden Begleiterinnen nach der Wahl Jubelschreie von sich gab, riefen Dutzende andere Wähler "Ghannouchi dégage", "hau ab", wie man damals Ben Ali entgegen schrie. Dieser Teil der Gesellschaft fürchtet, dass Ennahdha ihren moderaten Kurs nicht beibehält und sich extremistischen Strömungen beugt. Vor allem an der Parteibasis gibt es Gruppen, die von der Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht viel halten und auch neue Zensurregeln für die Medien befürworten. Das gilt vor allem für den Sender "Nessma TV", dessen Chef Nabil Karoui, ein flamboyanter Mann in den Vierzigern, nach eigener Aussage so etwas wie der Feind Nummer 1 der Islamisten geworden ist.
Anfang Oktober strahlte der Sender den Animationsfilm "Persepolis" aus, der von der iranischen Revolution 1979 handelt. In einem Studio seines Senders in einem Vorort von Tunis sagt Karoui, warum: "Wir dachten, es ist der richtige Zeitpunkt - die Tunesier wollen wissen, ob die Islamisten demokratisch bleiben werden, nachdem sie die Macht gewonnen haben." Denn er würde ja liebend gerne daran glauben, "dass die tunesischen Islamisten anders sind". Schon vor "Persepolis", in dem Allah als bärtiger Mann dargestellt wird, sei der Sender bei den Islamisten verhasst gewesen, mit seinen Unterhaltungsshows, Sängerinnen, tief dekolletierten Moderatorinnen. Doch danach tauchten vor den Räumlichkeiten des Senders in Tunis Hunderte Islamisten auf, die Polizei verhinderte, dass sie in die Gebäude eindrangen.
Sodann kam es in mehreren Städten Tunesiens zu Demonstrationen, bei denen Leute "mit denselben Bannern" auf die Straße gingen, zum Beispiel mit dem Nessma-Symbol, einem Stern, als Davidstern, und mit den Forderungen, den Sender niederzubrennen. Er habe Angst bekommen, sagt Karoui: "Entweder Leute werden getötet und ich gehe ins Gefängnis. Oder sie töten mich. Oder ich ende wie Salman Rushdie." Deshalb entschuldigte er sich öffentlich für die Ausstrahlung des Films. Doch sei die Rechnung nicht aufgegangen. Wenige Tage darauf griffen hundert Leute sein Haus an, bewaffnet mit Gasflaschen, Messern, Molotowcocktails. Glücklicherweise habe seine Familie das Haus eine halbe Stunde zuvor verlassen, er war nicht dort.
Die Ennahda-Führung um Raschid Ghannouchi hat den "nicht friedlichen Charakter" der Proteste verurteilt, aber hinzugefügt, dass die religiösen Gefühle der Mehrheit nicht verletzt werden sollten, und die Salafisten als "Brüder" bezeichnet. Einige - etwa Abdelfattah Mourou, der Ennahda gemeinsam mit Raschid Ghannouchi gründete - sieht die Bewegung gespalten: Unter der moderner gesinnten Führung sehe ein älterer Teil Ennahda als Bruderschaft mit ideologischer Agenda. Moadh Ghannouchi, der Mourou von klein auf kennt, sagt, man habe eben verschiedene Flügel wie in jeder Partei. Bei den Salafisten handele es sich um eine kleine Minderheit, die man nicht aus der Gesellschaft ausschließen dürfe.
Dass Ennahda polarisiert, ist der Führung der Partei bewusst. Schon seit langem fordert Ennahda eine Regierung der nationalen Einheit, während die verfassunggebende Versammlung die Grundlagen für eine "Zweite Republik" legt. Moadh Ghannouchi sagt, das gelte unabhängig von dem Wahlergebnis, auch wenn Ennahda allein die absolute Mehrheit haben sollte: "Während der nächsten fünf Jahre sollten wir zusammenarbeiten."
Man ziehe es vor, dass der neue Präsident, den die Versammlung wählen soll, nicht zu Ennahda gehöre - man wolle ja nicht spalten, sondern einen. Sein Vater Raschid hat erst gar nicht bei den Wahlen kandidiert, will sich im nächsten Jahr auf ein Leben als Religionsgelehrter zurückziehen: "Er hat seine Aufgabe erfüllt."
Auch wenn ich das Beste hoffe...
Kurt Tergast (Kurgast)
- 25.10.2011, 16:04 Uhr
die isl. Welt ist ökonomisch und moralisch erledigt - egal wer da regiert.
Kevin Bond (00Kevin)
- 25.10.2011, 13:29 Uhr
Könnte es sein,...
Wolfgang Wüst (nicht_hilfreich)
- 25.10.2011, 11:58 Uhr
Was wird kommen?
Hartmut Jacques (GeoffBTate)
- 25.10.2011, 11:05 Uhr
Beschwichtigung als Folge von Schwäche
Horst Johnson (h.johnson)
- 25.10.2011, 10:50 Uhr