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Soziale Netzwerke Protestgeneration Facebook

04.02.2011 ·  Soziale Netzwerke dienen heute einer Milliarde Menschen als Nachrichten- und Kommunikationszentralen. Besonders gefährlich für totalitäre Regierungen ist das Fehlen einer zentralen Instanz. So entzieht sich die Kommunikation fast jeglicher Kontrolle.

Von Holger Schmidt
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Die Machthaber in Ägypten haben das Internet für einige Tage abgeschaltet; Facebook oder Twitter sind in Ländern wie China sogar komplett verboten. Einige Länder wie die Vereinigten Staaten diskutieren über einen „Kill-Switch“, also einen Aus-Schalter für das Internet, um per Knopfdruck die Kommunikation der Menschen untereinander zu stoppen. Viele Regierungen scheinen inzwischen regelrecht Angst vor den großen Internet-Plattformen zu haben, da sich Informationen dort schneller verbreiten als je zuvor.

In Ägypten sind fünf Millionen Menschen auf Facebook aktiv. Twitter ist mit aktuell rund 30.000 täglichen Nutzern in Ägypten zwar weit weniger populär, wächst aber ebenso schnell. Bevor die Revolution auf die Straße kam, wurden Proteste auch auf Facebook organisiert; dort hatten sich mehrere hunderttausend Menschen zu Protestaktionen verabredet. In Syrien wird gerade der „Day of Rage“ auf Facebook und Twitter organisiert, um am Freitag und Samstag gegen die Regierung zu protestieren.

Dezentrale Informationsflut

Die Zahlen der Menschen, die sich in aller Welt auf diesen Plattformen austauschen, ist auf rund eine Milliarde gestiegen. Rund 600 Millionen Menschen sind inzwischen auf Facebook aktiv und empfehlen sich dort gegenseitig jeden Tag eine Milliarde Nachrichten, Blogeinträge oder Fotoalben. Auf Twitter werden täglich rund 110 Millionen Kurznachrichten geschrieben, von denen rund ein Viertel einen Hinweis auf eine Informationsquelle im Internet enthält. Nahezu alle Medien, Blogger, Wissenschaftler oder Unternehmen, aber auch viele Prominente oder politisch Aktive speisen ihre Informationen oder Botschaften heute auf Facebook und Twitter ein.

Für die „Generation Facebook“ läuft über diese beiden Netzwerke heute der Großteil der Informations- und Kommunikationsströme der Welt. Neu – und besonders gefährlich für totalitäre Regierungen – ist das Fehlen einer zentralen Instanz. Informationen verbreiten sich meist dezentral; die Empfehlungen der Freunde auf Facebook oder Twitter, der sogenannte Social Graph“, ist für immer mehr junge Menschen inzwischen der wichtigste Nachrichtenfilter geworden. Sie lesen, was ihre Freunde aus dem großen Angebot der Medien und Blogger als wichtig einstufen. Keine andere Internetseite wird von Staaten und Unternehmen daher so häufig blockiert wie Facebook.

Eine „kollektiven Intelligenz“

Die sozialen Medien eignen sich aber nicht nur als Plattformen für die Organisation von Protesten. Sie dienen auch als schneller Informationsverteiler. Auf Twitter finden mehr als die Hälfte der Retweets – also die Weiterleitung der Information an andere Menschen – innerhalb der ersten 30 Minuten nach einem Ereignis statt. Großereignisse haben sich dann schon in alle Ecken des Netzes verbreitet. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie am koreanischen Forschungszentrum Kaist. Danach entscheidet jeder Twitterer individuell, ob eine Information wichtig oder relevant ist, bevor er sie weiterleitet. Zusammengefasst determinieren diese individuellen Entscheidungen die Bedeutung der ursprünglichen Information. „Wir beobachten gerade das Entstehen einer kollektiven Intelligenz“, folgern die Forscher. Der Einfluss eines Twitter-Nutzers hat nach dieser Untersuchung nur wenig mit der Zahl seiner Follower zu tun, die seine Kurznachrichten abonniert haben. Wird als Kriterium des Einflusses eines Twitterers die Zahl der Retweets seiner 140-Zeichen-Botschaften herangezogen, dann liegen nicht mehr Prominente wie Ashton Kutcher oder Britney Spears vorn, sondern eher Nachrichtenmedien wie CNN und die „New York Times“ oder bekannte Technik-Blogs wie Mashable oder Techcrunch.

Solche Meinungsmacher zu identifizieren ist ein großes Thema – nicht nur im Marketing vieler Unternehmen, sondern natürlich auch bei Regierungen. In Tunesien hat die Regierung um Weihnachten herum versucht, alle Passwörter des Landes zu stehlen, indem eine Software auf den Netzwerkrechnern der Internetanbieter installiert wurde. Ziel der Aktion war es, politisch Unbequeme zu identifizieren. Vor allem hatten es die Verantwortlichen auf Facebook abgesehen, denn rund 700.000 Tunesier sind jeden Tag auf der Plattform aktiv – bei nur vier Millionen Menschen mit Internetzugang. Nach Angaben der Zeitschrift „The Atlantic“ hat Facebook den Diebstahl mit einem einfachen Trick unterbunden: Die Nutzer mussten beim Einloggen einige Freunde anhand von Fotos identifizieren – was die Regierungshacker nicht konnten.

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