30.08.2011 · Der Nationale Übergangsrat hat den Gaddafi-treuen Städten in Libyen ein Ultimatum gestellt: Die Ortschaften hätten bis Samstag Zeit, sich zu ergeben. Unterdessen hat die Nato Militäreinrichtungen in Gaddafis Geburtsort Sirte bombardiert.
Die Aufständischen in Libyen haben den noch in der Hand von Anhängern des langjährigen Machthabers Muammar al Gaddafi verbliebenen Städten ein Ultimatum gestellt. Die Ortschaften hätten bis Samstag Zeit, sich freiwillig zu ergeben, sagte der Präsident des Nationalen Übergangsrats der Rebellen, Mustafa Abdel Dschalil, am Dienstag vor Journalisten in Bengasi. Ansonsten würden die Truppen der Aufständischen angreifen. Dschalil zufolge laufen derzeit unter anderem Gespräche mit den Verantwortlichen in der Küstenstadt Sirte, wo Gaddafi geboren wurde. Die Rebellen hatten vergangene Woche die Hauptstadt Tripolis erobert und Gaddafi zur Flucht gezwungen.
Zuvor hatten Kampfflugzeuge der Nato ihre Angriffe in Libyen auf Ziele in den noch verbliebenen Hochburgen des früheren Machthabers Muammar al Gaddafi konzentriert. Nach Angaben der Nato vom Dienstag waren zahlreiche Militäreinrichtungen in Gaddafis Geburtsort Sirte Ziel der Angriffe. Die Nato berichtete auch über Bombardierungen in Bani Walid südöstlich von Tripolis.
In der Nähe von Sirte seien in den vergangenen 24 Stunden drei Kommandozentralen, vier Radaranlagen, 22 bewaffnete Fahrzeuge, zwei Versorgungsfahrzeuge, ein Leitstand und zwei Raketenstellungen zerstört worden, teilte die Nato mit. In Bani Walid habe man zwei Kommandozentralen und ein Munitionslager getroffen. Insgesamt seien in den vergangenen 24 Stunden 42 Kampfeinsätze geflogen worden.
Weißes Haus: Gaddafi noch in Libyen
Der Aufenthaltsort von Gaddafi selbst ist weiter unbekannt. Die italienische Nachrichtenagentur ANSA berichtete unter Berufung auf „glaubwürdige libysche Diplomaten“, Gaddafi halte sich mit seinen Söhnen Saadi und Seif al Islam hundert Kilometer südöstlich von Tripolis in Bani Walid auf. Das Weiße Haus teilte mit, es gebe keine Hinweise darauf, dass der langjährige Machthaber Libyen verlassen habe. Die Rebellen haben umgerechnet 1,2 Millionen Euro auf Gaddafi ausgesetzt.
Einem britischen Fernsehbericht zufolge soll sich Gaddafi noch bis Freitag in Tripolis befunden haben. Von dort habe er sich in die Wüstenstadt Sabha im Süden des Landes begeben, meldete Sky News am Dienstag unter Berufung auf einen früheren Leibwächter des Gaddafi-Sohnes Chamis. Sabha ist neben Sirte eine der letzten Städte Libyens, die noch von Gaddafi-Anhängern kontrolliert werden.
Übergangsrat kritisiert Algerien scharf wegen Aufnahme des Gaddafi-Clans
Unterdessen haben die libyschen Rebellen Algerien am Dienstag zur Auslieferung von vier Angehörigen des untergetauchten Machthabers aufgefordert. Seine Frau und drei seiner Söhne aufzunehmen sei ein „aggressiver Akt gegen den Willen des libyschen Volkes“, sagte der Informationsminister des Nationalen Übergangsrates, Mahmud Schammam.
Das algerische Außenministerium hatte am Montagabend die Einreise der Gaddafi-Angehörigen bestätigt. Das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Staaten wurde dadurch weiter belastet. „Wir sind entschlossen, die gesamte Gaddafi-Familie, einschließlich Gaddafi selbst, zu verhaften und vor Gericht zu stellen“, sagte Schammam.
Auf der Flucht nach Algerien hat die Tochter von Libyens Machthaber Muammar al Gaddafi ein Kind zur Welt gebracht. Aischa Gaddafi habe am frühen Morgen eine Tochter geboren, hieß es am Dienstag aus algerischen Regierungskreisen. Mutter und Tochter seien gesund. Die 1977 geborene Aischa Gaddafi ist die einzige Tochter des langjährigen libyschen Machthabers. Sie wird aufgrund ihres eleganten Aussehens und der langen blonden Haare „Claudia Schiffer Libyens“ genannt. Die Anwältin schloss sich nach der Festnahme des irakischen ehemaligen Staatschefs Saddam Hussein dem Team seiner Verteidiger an. Auf den Philippinen verhandelte sie mit der islamistischen Abu-Sayyaf-Gruppe über die Freilassung westlicher Geiseln.
Einer der Gaddafi-Söhne offenbar getötet
Ein dritter Sohn, Chamis Gaddafi, soll nach Rebellenangaben südlich von Tripolis getötet worden sein. Der 28 Jahre alte Führer einer berüchtigten Elitetruppe sei „wahrscheinlich während eines Kampfes“ nahe Tarhuna rund 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Tripolis getötet worden, sagte der Justizminister des Nationalen Übergangsrats, Mohamed Allegi, unter Berufung auf einen Anführer der Aufständischen.
Rebellensprecher Schammam bestätigte den Bericht. Ein Rebellenführer habe ihm berichtet, dass Chamis zwischen Tarhuna und Sliten getötet worden sei. Chamis Gaddafi galt als Hardliner. Sein Tod war seit Beginn der Revolte gegen Gaddafi mehrfach vermeldet worden, hatte sich bisher aber nicht bestätigt.
Afrikanische Union kritisiert Übergriffe auf Nicht-Araber
Unterdessen forderte die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) den Übergangsrat in Libyen auf, im Land lebende Afrikaner besser vor Übergriffen zu schützen. Bei der Einnahme der Stadt Tripolis sei es in den vergangenen Tagen zu zahlreichen Übergriffen auf afrikanische Migranten gekommen, teilte die Menschenrechtsorganisation am Dienstag in Göttingen mit. Gaddafi-Gegner hätten Dutzende Afrikaner festgenommen und verschleppt.
Die Afrikanische Union (AU) hatte am Montag ebenfalls Übergriffe auf Nicht-Araber kritisiert. Das sei „verlogen“, heißt es dazu bei der GfbV. Die AU habe Gaddafis Regime lange Jahre gestützt und zu rassistischen Übergriffen auf Schwarzafrikaner in Libyen geschwiegen.
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