06.02.2011 · Am 6. Dezember 1912 zog Ludwig Borchardt die Büste der Nofretete aus dem Wüstensand. Um die Person dahinter, die im Zentrum der Revolution Alt-Ägyptens stand, ranken sich viele Geheimnisse.
Von Dieter BartetzkoSie musste genau zu diesem Zeitpunkt entdeckt werden: Als Ludwig Borchardt am 6. Dezember 1912 die Büste der Nofretete aus dem Wüstensand zog, bahnte sich in Europa und Amerika gerade ein fundamentaler Wandel des weiblichen Schönheitsideals an. Statt sanfter Rundlichkeit begann man Schlankheit zu bevorzugen, statt Grübchen, Stupsnase und Kussmündchen ebenmäßige Gesichtszüge, straffe Nasenrücken und konturierte Lippen. Auf den Bühnen von London, Paris, New York und Berlin triumphierte Oscar Wildes „Salomé“, gespielt vom neuen Typus der „nervösen Schauspielerin“. In der Malerei wurden Gustav Klimts Frauen dünner und sphinxhafter, und Egon Schiele malte seine ersten mageren Lulus.
Borchardts Notizen sprechen eher nüchtern von einer „bunten Königin“, die er mit anderen Büsten und Masken in der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis gefunden habe. Ihre Buntheit war ihm Kennzeichen des Amarna-Stils, benannt nach Tell el Amarna, der einstigen neuen Residenz des Echnaton und Nofretetes. Geprägt ist er von eleganter Linienführung, ausgedünnten Formen und expressiver Stilisierung, die anfangs zu grotesken Übertreibungen, dann aber zu perfekter Idealisierung führte, wie sie die Nofretete-Büste aufweist.
Erst in Berlin, als die Büste sieben Jahre in der Privatsammlung von James Simon, dem Finanzier der Ausgrabung, stand, verfiel auch Borchardt der Nofretete. Wenn nicht als Archäologe, dann als dem aktuellen Schönheitsideal aufgeschlossener Mann. Denn zur selben Zeit begann die Schauspielerin Elisabeth Bergner an Max Reinhardts Deutschem Theater erst Berlin, dann Deutschland, Europa und Amerika zu verhexen. Mit Shakespeares Hosenrollen wurde sie zum „enfant fatale“, zur vergötterten „Knäbin“ – und Wegbereiterin der Nofretete.
1923 wurde Nofretete der Öffentlichkeit vorgestellt
Als dann 1924 Greta Garbos Stern aufging und sie mit Marmorstirn und Schwanenhals ihre Triumphe als androgyne Schwedenkönigin Christine feierte, war Nofretete schon ein Star: 1923, als sie der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, brach eine Massenhysterie aus; „die Schöne ist gekommen“, die wörtliche Übersetzung ihres Namens, ging als Aufschrei durch Berlin – und durch die Modeateliers und Schönheitssalons. Als weitere Bildnisse auftauchten, auf denen sie hauchdünne Gewänder trägt, die ihren Körper erotisieren statt zu verhüllen, war nicht nur eine Mode geboren, sondern auch das Klischee der Femme fatale, zu deren Liebhabern der Bildhauer Thutmosis gezählt habe, der aus enttäuschter Liebe ihrer Büste das linke Auge herausbrach.
Bei Thomas Mann erscheint Nofretete 1931 in den Echnaton-Passagen seiner Josephs-Romane als fragiles Wesen, das „den langen Hals in ängstlicher Lieblichkeit vorgeschoben“ hat. Doch ausgerechnet er, der sonst so empfänglich für das Changieren zwischen den Geschlechtern war, übersah, dass ihr Berliner Porträt seine Magie dem Uneindeutigen verdankt. Und was darin nur androgyner Anflug ist, tritt in vielen anderen Bildnissen der Nofretete und des Echnaton klar zum Vorschein. Das Paar wurde zum Verwechseln ähnlich, oft fast identisch dargestellt. Das wiederum hat mit einer Revolution Alt-Ägyptens zu tun, in deren Zentrum die beiden standen.
Echnaton stilisierte sich zum Mittler zwischen Gott und Menschen
Die Berliner Nofretete ist ein Propagandabild, das in seiner Entstehungszeit sicher viele Ägypter befremdete. Denn es ignoriert die überkommenen Gesetze der altägyptischen Kunst und Religion. Laut ihnen waren Götter und Pharaonen athletisch, jung und anonym schön, alle übrigen Menschen je nach Stand ehrerbietig oder unterwürfig darzustellen. Typisierung war Garant ewiger Ordnung – der Maat –, Individualität ausgeschlossen. Diese Ordnung kehrte Nofretetes Gemahl um. Kaum auf den Thron gelangt, legte er seinen Namen Amenhotep ab und erklärte sich zu Echnaton, wörtlich: der dem Aton dient.
Aton, die Sonne, wurde zum einzigen Gott erhoben, die alten Götter und ihre Priester wurden entmachtet. In einem genialen Schachzug stilisierte sich Echnaton zum Mittler zwischen Gott und Menschen – und steigerte seine Macht ins Unermessliche. Es liegt auf der Hand, darin den Handstreich eines Diktators zu sehen. Doch die Glaubensbekenntnisse des Echnaton bezeugen einen für dieses Zeitalter beispiellosen Humanismus: Als Sonnenlicht, das alles und jeden belebt, waren Aton und der Pharao allen Menschen, allem Leben liebevoll zugewandt.
Die Welt als Schöpfung eines gütigen Gottes: Diesem Prinzip verdankten Kleinbeamte einen zuvor unmöglichen Aufstieg in höchste politische Ämter und Bürger ungeahnte Freiheiten. Gestalt gab dieser Wende die Kunst: Echnatons Maler und Bildhauer stellten Menschen, Tiere und Pflanzen in all ihrer Einzigartigkeit dar, mit aller Schönheit, aber auch allen Mängeln. So ist das zweitschönste, wenn nicht schönste Bildnis der Nofretete eine Statuette, die sie gealtert wiedergibt, mit scharfen Nasalfalten, hängenden Mundwinkeln und schlaffen Brüsten, erschöpft durch das Gebären von sechs Töchtern – und doch würdige Landesmutter.
Was wissen wir wirklich von ihr?
In Zeiten vor und nach Echnaton hätte die Unfähigkeit, einen Thronfolger zur Welt zu bringen, Nofretete den Thron gekostet. Sie aber wurde mit Ehrentiteln überhäuft, hieß „Herrin beider Länder“, „Fürstin und Große im Palast“. Doch was wissen wir wirklich von ihr? Ihre Herkunft ist ungewiss: Manche Forscher erklären sie, ihrem Namen „die Schöne ist gekommen“ gemäß, zur Ausländerin, zur hurritischen Prinzessin, die aus diplomatischen Gründen geheiratet worden sei. Andere sehen in ihr die Tochter des Eje, eines Wesirs. Damit wäre sie bürgerlich gewesen und, nach ihrer Schwiegermutter Teje, die zweite Ausnahme der pharaonischen Regel, als „unkönigliches Geblüt“ zu meiden. So ungeklärt wie ihr Kommen ist Nofretetes Ende: Etwa im vierzehnten Regierungsjahr des Echnaton verschwindet sie plötzlich von der Bildfläche. Es gibt keine Scheidungs- oder Sterbeurkunde, kein Grab. Erhalten sind nur zahllose Bildnisse, die Nofretete als liebende Gemahlin und Mutter zeigen, zärtlich ihren Gatten berührend oder mit ihm dem Aton opfernd, ihre Töchter liebkosend oder darreichend.
Inzwischen sind andere verwirrende Bilder der Nofretete entdeckt worden, die sie nicht nur als Ebenbild des Pharao, sondern ganz und gar identisch mit ihm zeigen. Sie gipfeln in einem Relief, auf dem sie die „Blaue Krone“, die Kriegskrone trägt und mit dem königliche Krummschwert Feinde köpft. Das führte zu der These, Nofretete habe nach dem Tod oder schon während eines dreijährigen Siechtums des Echnaton ihre Identität gewechselt und selbst als Pharao regiert. Damit wäre das Rätsel gelöst, weshalb im vierzehnten Regierungsjahr Echnatons ein Mitregent auftaucht und wer jener Pharao Semenchkare war, von dem nur bekannt ist, dass er zwei Jahre lang regierte, ehe Tutanchamun den Thron übernahm.
War Nofretete auch eine mutige Feldherrin?
Von letzterem wiederum gibt es Darstellungen, die ihn auf einem Streitwagen zeigen, wie er Dutzende von Feinden tötet. Doch wir wissen, dass Tutanchamun als Kind auf den Thron kam und mit neunzehn starb. Dass er Schlachten schlug, halten viele Forscher deshalb für fraglich. Andere, gestützt auf neue Indizien, erklären, Tutanchamun habe nicht nur die alten Götter wieder in Kraft gesetzt, sondern auch Krieg geführt. Schon Nofretete, sollte sie Pharao gewesen sein, hätte allen Grund für Feldzüge gehabt, denn zu ihrer wie zu Tutanchamuns Zeit revoltierten die Nachbarländer Ägyptens. War also Nofretete auch eine mutige Feldherrin? Viele Ägyptologen schließen das kategorisch aus und nennen eine Pestepidemie den Grund für Ägyptens Niedergang unter oder kurz nach Echnaton. Diese Seuche soll auch am vorzeitigen Sterben dreier der Töchter Nofretetes schuld sein, das sie habe verwinden müssen, ehe sie selbst der Pest erlegen sei. Doch das ist nur ein weiteres der zahllosen Rätsel, die sich um das herrliche, geheimnisvoll lächelnde Bildnis auf der Berliner Museumsinsel ranken.
Ist die Nominierung von Gauck der Anfang vom Ende von Schwarz-Gelb?