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Muslimbruderschaft Über alte Gräben hinweg

06.02.2011 ·  Viele Jahre waren sie Feinde - nun verhandelt die Muslimbruderschaft mit der Regierung in Ägypten. Sie will „die Forderungen des Volkes vortragen“ und an der Neuordnung mitarbeiten.

Von Rainer Hermann
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ABU DHABI, 6. Februar. Beide Seiten sind über die Schatten ihrer Vergangenheit gesprungen und haben am Sonntag zum ersten Mal miteinander geredet. Am Samstag hatte Ägyptens Vizepräsident Omar Suleiman die ersten Gespräche mit Oppositionellen geführt, am Sonntag waren Vertreter der Muslimbruderschaft bei ihm. Über Jahrzehnte hatte das Regime mit einem Fingerzeig auf die Muslimbrüder der Welt Angst eingejagt, und im Innern waren die gut organisierten Islamisten seit dem Putsch der "freien Offiziere" 1952 der Angstgegner. Nun lud sie der frühere Geheimdienstchef Suleiman zum Gespräch, und die Muslimbrüder sind gekommen. Sie nahmen das Angebot zum Dialog an, obwohl ihre Bedingung nicht erfüllt war, dass Husni Mubarak als Staatspräsident zuvor zurücktreten müsse. Man habe den Dialog aufgenommen, um die Forderungen des Volkes vorzutragen, sagte ein Sprecher der Muslimbruderschaft. Man wolle verhandeln, um die Interessen der Nation und ihrer Institutionen zu schützen - und um die Unabhängigkeit Ägyptens zu bewahren.

Eine Einmischung kam sogleich aus Iran. Revolutionsführer Ali Chamenei hatte in seiner Freitagspredigt die Proteste in Tunesien und Ägypten als "islamische Befreiungsbewegung" gepriesen und den Demonstranten geraten, den Pfad der Revolutionäre von 1979 in Iran einzuschlagen. Die Protestbewegung Arabiens solle nicht enden, bevor die neue Ordnung auf dem Islam gründe und die Geistlichkeit eine führende Rolle spiele, rief Chamenei aus.

In Ägypten nahm davon kaum jemand Notiz. Vergleiche zwischen der iranischen Revolution von 1979 und den Ereignissen in Ägypten von heute gehen ins Leere. Damals war der politische Islam in der Zeit des Kalten Kriegs eine kraftvolle Dritte-Welt-Ideologie, die schiitischen Theologen waren vom Staat unabhängig, und die Gläubigen folgten den Großajatollahs als "Quelle der Nachahmung". Die sunnitischen Geistlichen Ägyptens sind hingegen vom Staat abhängig, und für die Gläubigen sind sie weniger wichtig als im schiitischen Islam. Vor allem aber hat sich das Vorbild Iran in mehr als drei Jahrzehnten verbraucht, die Islamische Republik ist zu einer Militärdiktatur verkommen, und im Zeitalter der Globalisierung zieht die Türkei von Erdogans AKP immer mehr Muslime in ihren Bann.

Der Schah hatte versucht, den Islam so weit wie möglich aus der persischen Kultur zu löschen. In Mubaraks Ägypten stellt niemand den islamischen Charakter der Gesellschaft in Frage. Der Islam war stets ein zentraler Teil des arabischen Selbstverständnisses, und die Muslimbruderschaft sorgt dafür, dass sich das nicht ändert. Karitatives Handeln und aktuelle Politik fließen bei ihr ineinander. Sie stand am Beginn des politischen Islams. 1928 hatte sie der Lehrer Hasan al Banna als "Vereinigung der Muslimbrüder" gegründet. Sein Ziel war nicht die Islamisierung der Politik, sondern durch "gute Taten" die Islamisierung der Gesellschaft.

Die Muslimbruderschaft hatte den politischen Islam erst gestaltet, heute ist sie auch ein Abbild seiner Entwicklungen. Mit der zunehmenden Repression unter Präsident Nasser, der bis 1970 regierte, waren ihre Mitglieder zur Überzeugung gelangt, der bewaffnete Konflikt mit einer Regierung, die sich nicht islamisch verhalte, sei unvermeidbar. Ihre Mitglieder füllten die Gefängnisse. Als die Muslimbruderschaft in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dann der Gewalt abschwor, spalteten sich gewaltbereite Islamisten ab und gründeten zwei Terrorgruppen. Eine tötete 1981 Staatspräsident Anwar al Sadat.

Die Muslimbruderschaft bewegte sich langsam zur Mitte, nahm 1984 erstmals an Wahlen teil. Ayman al Zawahiri, Bin Ladins Stellvertreter und selbst Ägypter, wetterte gegen seine ehemaligen Weggefährten und warf ihnen vor, dem Westen einen Erfolg zu bescheren, indem sie den Dschihad gegen das Ausland aufgäben und sich stattdessen am demokratischen Prozess beteiligten. Dem hielt Issam al Eryan, der Sprecher der Reformer der Muslimbruderschaft, entgegen, Zawahiri verhalte sich wie das ägyptische Regime, das ebenso versuche, die Muslimbruderschaft auszuschließen.

In den neunziger Jahren hatten die ägyptischen Muslimbrüder den damaligen türkischen Islamistenführer Necmettin Erbakan noch als einen der ihren gesehen, ein Jahrzehnt später verfolgten sie aufmerksam den Aufstieg des muslimischen Demokraten Tayyip Erdogan und lernten von ihm. Wann immer sich Muslimbrüder nun an Kundgebungen beteiligten, hielten sie nicht den Koran in der Hand und riefen nach der Scharia, sondern forderten, wenn auch in islamische Formulierungen gekleidet, was auch andere oppositionelle Reformer wollen: Menschenrechte, das Ende der Korruption, die Unabhängigkeit der Justiz, Reform des Erziehungswesens, Rechenschaftspflicht der Mächtigen, ergänzt um die Forderung, dass Gesetze nicht im Widerspruch zum Islam stehen dürften. Die 88 Mitglieder der Muslimbruderschaft, die von 2005 bis 2010 im ägyptischen Parlament saßen - sie waren als Einzelkandidaten zur Wahl angetreten, da sie es als Partei nicht durften - arbeiteten vorwiegend konstruktiv mit.

Nach Schätzungen gehören der Muslimbruderschaft 300 000 Mitglieder an, geprägt wird sie von zwei Flügeln: Es gibt die konservative ältere Generation, die weniger an aktueller Politik und mehr an religiöser Arbeit interessiert ist, und die mittlere Generation, die Reformer. Sie fordern eine aktivere Rolle in der Politik und dringen auf eine Trennung der karitativen und politischen Aktivitäten der Gemeinschaft. Als Folge der zunehmenden staatlichen Repression und der ausbleibenden Früchte aus der parlamentarischen Arbeit verlor der Reformflügel aber zunehmend an Gewicht. Gar nicht vertreten ist die ganz junge Generation.

Der Konflikt zwischen der alten Generation und den Reformern nahm im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Parlamentswahl zu. Die alte Generation wollte sich wieder mit unabhängigen Kandidaten an der Wahl beteiligen, um als verbotene, aber geduldete Bewegung im Wahlkampf Mitglieder zu mobilisieren. Dagegen wandte sich eine Gruppe, die sich öffentlich als "Reformisten" bezeichnete - sie zog damit die Lehren aus den aus ihrer Sicht recht erfolglosen Jahren im Parlament und warb für einen Boykott der Wahlen, wie ihn auch schon andere Oppositionsparteien angekündigt hatten. Erstmals versuchte die Muslimbruderschaft nicht mehr, einen Konsens vorzutäuschen.

Jenseits der Politik ist die Muslimbruderschaft in der Gesellschaft mit ihrem sozialen Engagement fest verankert. Sie betreibt Kindergärten, Krankenhäuser und Einrichtungen für Behinderte und fördert Geschäftsgründungen. Ihre Mitglieder sind in den Berufsverbänden, etwa für Ärzte und Ingenieure, vertreten.

Die Kritik an Israel und an den Vereinigten Staaten fällt bei den Muslimbrüdern nicht viel anders aus als bei der großen Mehrheit der Ägypter. In der vergangenen Woche hat Issam al Eryan, einer der führenden Muslimbrüder, erstmals dem israelischen Fernsehen ein Interview gegeben. Muhammad Mursi, einer seiner Kollegen, sagte der Nachrichtenagentur AP zur Außenpolitik, die Muslimbruderschaft lebe "nicht in einem Traumland", würde also die Verträge Ägyptens etwa mit Israel nicht antasten.

Nun haben die Gespräche von Omar Suleiman mit der Opposition aber erst begonnen. Auch die gut organisierte Muslimbruderschaft war von der Protestbewegung überrascht worden und musste erkennen, dass sie nur ein Teil der Opposition ist. Bei der Neuordnung Ägyptens will sie aber gehört werden und konstruktiv mitsprechen. Suleimans Einladung konnte sie daher nicht ausschlagen.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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