27.03.2011 · Unterstützt durch die alliierten Luftschläge haben die libyschen Rebellen Adschdabija zurückerobert. Die Stadt ist verwüstet und menschenleer - nur die aufständischen Kämpfer sind noch da. Sie feiern auf zerbombten Panzern und danken Sarkozy, der in Libyen zum Helden geworden ist.
Von Rainer Hermann, Adschdabija / BenghasiAls die Sonne wieder aufging, kamen sie zurück, die jugendlichen Haudegen, um auf dem Schlachtfeld der Nacht ihren Sieg zu feiern. Zum zweiten Mal fällt der Albtraum wie ein Mühlstein von ihnen ab. Das erste Mal war am 17. Februar gewesen, dem Beginn der Erhebung gegen Gaddafi. Dann eroberten vor zwei Wochen Gaddafis Truppen entlang der Küste Richtung Osten Stadt um Stadt zurück. Um die Einwohner von Adschdabija gefügig zu machen, schalteten sie ihnen Strom und Wasser ab. Familien flohen, die Jugendlichen blieben. Unendlich befreit lassen sie an diesem Morgen ihren Gefühlen freien Lauf.
„Thank you Sarkozy, thank you“, schallt es dem Gast entgegen. Issa ist 24 Jahre jung und einer der Haudegen, die nach einem militärischen Kurzlehrgang die Waffen gegen Gaddafi erhoben. Er hält seine Kalaschnikow in die Luft und zieht wie Hunderte andere eine Salve ab. Knatternd zerschneidet sie den ohrenbetäubenden Lärm der Autokorsos. Munition haben diese verwegenen Typen genug, seit sie in den frühen Tagen der Revolution eine Kaserne gestürmt hatten, aus der eine Einheit Gaddafis desertiert war.
Was ihnen fehlt, ist Feuerkraft. Um ein Uhr in der Nacht haben die Kampfflugzeuge der Koalition diesen Mangel ausgeglichen. Sie bombardierten die Stellungen einer Eliteeinheit Gaddafis an den beiden Einfahrten nach Adschdabija, einem der wichtigen Verkehrsknotenpunkte Libyens. Von hier aus teilen sich Straßen und Ölleitungen in alle Richtungen. Wer Adschabija kontrolliert, dem stehen in dem flachen Land alle Richtungen offen. In wenigen Stunden könnten die Panzer zur ägyptischen Grenze ungehindert durchmarschieren und Benghasi, die Hauptstadt der Rebellen, abschnüren.
Dann ging Gaddafis Truppen der Sprit aus. Der Nachschub war über die langen Distanzen nicht gesichert, und keine der Raffinerien in dem Gebiet, das Gaddafi kontrolliert, ist mehr in Betrieb. Gaddafi hatte daher, um Zeit zu gewinnen, ein durchsichtiges Waffenstillstandsangebot verkündet. Die Rebellen nahmen es nicht ernst. Sie fingen aber einen mit Kraftstoff geladenen Tanker aus Griechenland, der für einen Hafen Gaddafis bestimmt war, mit ihren kleinen Marineschiffen im Mittelmeer ab. Nun benutzen sie die 25.000 Tonnen Sprit, und das „Anwar Afrika“ genannte Schiff tauften sie in „17. Februar“ um, den Beginn der Revolution.
Zu Schrott gebombte Panzer
Nun liegen Gaddafis Panzer um das billige eiserne Stadttor von Adschdabija, ausgebrannt und zu Schrott gebombt. Wracks säumen die Straße, immer wieder graben sich tiefe Krater in den Boden, über Kilometer verkohltes Armeegerät, Patronenhülsen, Munitionsreste. Die Rebellen sind nach Brega weitergezogen, der nächsten Stadt an der Küstenlinie entlang Richtung Tripolis. Andere klettern auf die Panzer, bilden Menschentrauben, schwingen die Flagge Libyens aus der Zeit vor Gaddafi und nach Gaddafi, schießen mit ihren Kalaschnikows, formen die Finger der rechten Hand zum Zeichen des Siegs.
Sie alleine und die Haubitzen auf den Pritschenwagen hätten nicht ausgereicht, um die mit schwerem Kriegsgerät ausgestatteten Truppen, die General Bilqassem Ganga befehligt hatte, zu vertreiben. Dazu waren die Schläge aus der Luft nötig. So wurde Sarkozy zum Helden in Libyen. „Du hast in letzter Minute unser Leben gerettet, als Gaddafis Truppen schon Benghasi bombardierten“, sagen die Jugendlichen, die trotz vieler Nächte des Kämpfens nicht übermüdet sind. „Thank you, Sarkozy“, sagt Issa wieder und umarmt den Fremden, der wegen Sarkozy zum Freund wurde.
General Ganga war besonders gefürchtet
Drei Stunden hatte diese Schlacht gedauert. Dann hatten einige tausend Rebellen und übergelaufene Soldaten mehrere hundert Kriegsgefangene unter den Regierungstruppen gemacht, unter ihnen den verhassten General Ganga. Er, seit den siebziger Jahren ein enger Vertrauter Gaddafis, war wegen seiner Grausamkeit besonders gefürchtet. Ganga hatte das Anwerben afrikanischer Söldner organisiert, hat sie mit der libyschen und auch der algerischen Fluggesellschaft aus dem Inneren Afrikas bringen lassen, aus Tschad und aus Niger, aus Mali und auch aus Somalia.
Nun sind viele von ihnen tot. Ein tiefes Loch ist in einer Ecke des weiten Friedhofs ausgegraben, daneben steht ein Bulldozer, davor liegen Leichen von libyschen Soldaten und von schwarzen Söldnern, im Krieg gestorben für Gaddafi und ein paar tausend Dollar. Zerfetzte Körper, zerschossene Schädel, ein schwarzer Arm ragt wie ein Mahnmal in die Luft. Gleich setzt sich der Bulldozer in Bewegung.
So verlassen wie der Friedhof ist die Stadt, die flach ist wie die Ebene, in der sie liegt, und braun wie die Wüste, die sie umgibt. Adschdabija ist nun menschenleer, die Rollläden der Geschäfte sind heruntergelassen, die Fensterläden der Häuser sind geschlossen. In einigen Straßen fanden Häuserkämpfe statt, Häuser sind ausgebrannt, andere von Gaddafis Truppen ausgebombt. Die Stadt ist bloß noch eine Kulisse. Nur die jungen Haudegen hatten ausgeharrt. Jetzt ziehen sie durch die Gassen, feiern ihren Sieg, rattern mit ihren Kalaschnikows. Oben auf dem Minarett der Moschee weht wieder die Flagge des freien Libyens.
In Libyen ist Revolution Männersache
In Ägypten hatte eine friedliche Revolution Männer und Frauen zu Kundgebungen auf die Straße gebracht. In Libyen bedeutet Revolution Krieg, damit ist sie Männersache. Männer sind auch die Opfer. Der Arzt im zentralen Krankenhaus von Adschdabija gibt zu, dass er keinen Überblick mehr über das Geschehen hat. Mit einem Generator hatten sie den Stromausfall überbrückt, die Medikamente waren ausgegangen, auch medizinische Geräte. Die weit mehr als hundert Schwerverletzten hatten die Kapazität des Krankenhauses gesprengt. Mehr als 50 Tote hat der Arzt während der letzten 24 Stunden der Schlacht gesehen. Wer überlebte, wurde bereits in Krankenhäuser größerer Städte gebracht, nach Benghasi und Tobruk.
In Benghasi, der Rebellenhochburg 160 Kilometer nördlich von Adschdabija, wird ein schlichter Sarg, drapiert mit der Flagge Libyens, über den Platz vor dem Gerichtsgebäude getragen. Einer der getöteten Kämpfer, in der Sprache der Rebellen ein Märtyrer, wird zu Grabe getragen. Auch hier zerfetzen Salven die Luft, diesmal sind sie Ausdruck des Zorns auf den Diktator.
Dann rast mit quietschenden Reifen ein Pritschenwagen um die Ecke und in die Menge hinein. Vermummte auf dem Wagen schwingen Macheten, knattern mit ihren Kalaschnikows. Jeder auf dem Platz sucht ängstlich Deckung, glaubt, Anhänger Gaddafis seien aufgetaucht, um ein Blutbad anzurichten. Dann werfen die Vermummten zwei Kaderleute Gaddafis von der Ladefläche, die in irgendwelchen Verstecken gefunden wurden. Dass die Jugendlichen dabei ihre eigenen Leute in Angst und Schrecken versetzen, ficht sie nicht an.
Menschenleben retten?
Lüko Willms (l.willms)
- 27.03.2011, 23:39 Uhr
wer noch einen Beweis braucht
Mirko Lorenz (Knubbelnase)
- 27.03.2011, 23:46 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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