Home
http://www.faz.net/-gq9-6mh37
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lage in Libyen Viagra, Skianzüge und Sturmgewehre

28.08.2011 ·  Das alte Regime ist verschwunden. In Gaddafis verlassenem Regierungskomplex bedienen sich jetzt Plünderer. Rebellen patrouillieren in Tripolis auch mit Waffen deutscher Hersteller, die sie angeblich im Hauptquartier des Staatschefs erbeutet haben.

Von Kurt Pelda, Tripolis
Artikel Bilder (9) Video (2) Lesermeinungen (11)

Die Klimaanlage bläst Wind in das halb offene Sanitätszelt. Vier Schwarzafrikaner liegen auf dem Boden. Sie tragen Zivilkleidung, aber um ihr Handgelenk ist eine grüne Armbinde geschlungen – das Erkennungsmerkmal der Kämpfer Gaddafis. Auf dem Teppich liegen Spritzen, Verbandsmaterial und leere Schachteln von Medikamenten. Bald werden die aufgedunsenen Bäuche der Männer platzen. Und der Leichengeruch unerträglich sein.

Das Zelt mit dem Roten Halbmond steht neben einem Verkehrskreisel gleich außerhalb der grünen Mauer, die Bab al-Aziziya umgibt, das ehemalige Hauptquartier Gaddafis in Tripolis. Auf dem weitläufigen Platz stehen große Zelte unter Palmen und im Schatten der Bäume vier Kettenpanzer. Ein fünfter ist ausgebrannt. Sein Turm liegt im Gras – von der explodierten Munition im Fahrzeuginnern weggeschleudert.

Am Straßenrand und auf dem Verkehrskreisel liegen weitere tote Afrikaner, etwa zwei Dutzend Leichname. Über zwei Zelten wehen die Trikoloren von Tschad und Mali – von dort kamen die Söldner Gaddafis. In den Behausungen der Kämpfer sind Kleider, Datteln, Wasserpfeifen, Kämme, Nagellack, Tuben mit Aufhellungscreme und Damenschuhe verteilt. Die Söldner hatten offenbar vor, ihren Frauen Geschenke mit nach Hause zu bringen.

Plünderungen in der Residenz des Gaddafi-Clans

Unser Fahrer Mohammed durchwühlt die Habseligkeiten und ein paar liegengebliebene Fahrzeuge mit platten Reifen, darunter ein gepanzerter BMW. Er nimmt sich eine Wüstenuniform in Originalverpackung, ein rotes Sitzkissen und zwei neue Fußmatten für sein altersschwaches Auto. Die Fahrt geht weiter, vorbei an verlassenen Kontrollposten aus Beton, hinein in die untertunnelte Residenz des Gaddafi-Clans. Bei einem Kampfpanzer vom russischen Typ T-72 bleibt Mohammed stehen und klaubt eine Handvoll hellblauer Viagratabletten aus dem Staub. Gaddafi soll große Mengen des Potenzmittels importiert und an seine Soldaten verteilt haben. Die Rebellen hatten immer behauptet, dass die Pillen die Soldaten dazu animieren sollten, Frauen zu vergewaltigen.

Mohammed stammt aus Benghasi, er lebt aber schon lange in Tripolis. Nach einem kurzen Zwischenhalt bei Gaddafis ehemaligem Zelt fährt er ins Wohnviertel des Militärkomplexes. Obwohl die Wasserversorgung im Rest von Tripolis zusammengebrochen ist, läuft hier immer noch Wasser aus den Hähnen. Und Mohammed plündert weiter. Auf dem Rücksitz ist inzwischen eine Satellitenschüssel verstaut, im Kofferraum verschwinden Decken, Geschirr, Kochtöpfe und ein Skianzug für Kinder.

Gebrauchsanleitungen für den Waffengebrauch

In einer Parallelstraße dienten die Häuser als Waffenlager. Neben ein paar russischen Flammenwerfern befand sich hier fast nur westliches Gerät. Zurückgelassen haben die Plünderer bloß die Verpackungen und die Gebrauchsanweisungen. Neben einer „Gebrauchs- und Pflegeanweisung“ für das finnische Scharfschützengewehr Sako TRG-22/42 liegen Garantiescheine der italienischen Waffenschmieden Beretta und Benelli und ein rotes „Operator’s Manual“ von Heckler & Koch aus Oberndorf. Es ist für das deutsche Sturmgewehr G36 bestimmt. In kürzester Zeit sind in den Häusern sieben dieser Gebrauchsanweisungen zusammengetragen.

Tatsächlich war schon im März ein Video aufgetaucht, das Gaddafis Sohn Seif al-Islam mit einer G36 zeigte. Damals hatten deutsche Rüstungskritiker der Bundesregierung eine Mitschuld am blutigen Vorgehen der libyschen Sicherheitskräfte gegen die Bevölkerung vorgeworfen. Heckler & Koch versicherte, dass die Firma niemals G36-Gewehre nach Libyen geliefert habe. Als mögliche Erklärung für das Video sah die Waffenschmiede zwei Möglichkeiten: Entweder handele es sich bei dem Schnellfeuergewehr in Seif al-Islams Hand um ein der G36 ähnelndes Luftgewehr, oder die Waffe sei auf illegalem Weg nach Libyen gelangt.

Die roten Gebrauchsanleitungen mit dem schwarzen aufgedruckten „HK“ in Bab al-Aziziya sind nicht für Luftgewehre gedacht. Und wer in Tripolis umherfährt, sieht dann und wann ein G36. Die Waffen – es ist sowohl die Normal- als auch die Kurzversion in Umlauf – wirken brandneu, und ihre Träger behaupten, dass sie die Schnellfeuergewehre in Bab al-Aziziya erbeutet hätten.

Eine Geisterstadt

In vielen Vierteln ist Tripolis eine Geisterstadt. Die Bewohner halten sich in den Häusern auf oder sind geflüchtet. Ein älterer Mann mit einem kleinen Mädchen an der Hand erzählt, dass in seinem Viertel zwei von drei Bewohnern geflohen seien – vor allem die Frauen und Kinder. Geplündert aber wird fast ausschließlich im Regierungskomplex von Bab al-Aziziya. Überall sonst sind die Schaufenster der Geschäfte verrammelt, und es sind keine Spuren gewaltsamer Einbrüche zu sehen. Kaum ein Lebensmittelladen hat offen. Vor Häusern mit einem Brunnen und einer Wasserpumpe bilden sich lange Schlangen von Menschen mit leeren Kanistern.

Über Tripolis fliegen Kampfflugzeuge der Nato. Am Nachmittag greifen sie Ziele in der Nähe des Flughafens von Qaser Ben Ghashir an, rund 25 Kilometer südlich des Stadtzentrums. Dort haben Gaddafis Truppen Raketen auf das Rollfeld abgefeuert und dabei mindestens zwei Verkehrsmaschinen zerstört. Nun werfen die Flugzeuge fünf Bomben auf die Überbleibsel der Regierungstruppen ab. Schwarzer Rauch steigt in den Himmel.

Es ist nicht ganz einfach, zum Flughafen zu gelangen. Benzin muss aus dem Nachbarland Tunesien nach Tripolis geschmuggelt werden, wodurch sich der Preis vervielfacht. Ein Liter kostet zwischen fünf und sechs Euro. Für eine dreistündige Fahrt verlangt ein Taxifahrer in der Nähe des Radisson-Hotels 200 Dollar; dort wohnen die meisten ausländischen Journalisten. Je weiter man sich jedoch von den Unterkünften der großen Fernsehketten, vom Zentrum der westlichen Aufmerksamkeit, entfernt, desto gastfreundlicher und hilfsbereiter werden die Einheimischen. Am besten bewegt man sich per Autostopp und bittet die Rebellen an den Straßensperren, einen zuverlässigen Fahrer ausfindig zu machen.

Auf der Autobahn zum Flughafen bringen Männer abgemagerte Pferde, die sie aus einem verlassenen Stall befreit haben, auf den Ladeflächen von Kleinlastwagen in ihr neues Heim. Ein Libyer versucht, ein Pferd vom Führersitz seines Wagens aus am Zügel zu führen. Das Pferd bockt.

Der Flughafen als Gefängnis für afrikanische Söldner und libysche Soldaten

Am Flughafen ist eine größere Einheit von Rebellen stationiert, die aus den Nafusah-Bergen südwestlich von Tripolis stammen. Sie sind viel besser ausgerüstet als die bewaffneten Einheimischen an den Straßensperren. Neben Flugabwehrkanonen, Uniformen und Stiefeln haben sie auch Handfunkgeräte und einen großen Funkwagen, der direkt vor dem Terminal geparkt ist. In der Abflughalle riecht es nach Urin. An der Bar geben Rebellen Getränkeflaschen aus. Auf dem Rollfeld stehen zwei ausgebrannte Flugzeuge, daneben ein Dutzend weiterer Verkehrs- und Transportmaschinen – zumindest äußerlich unversehrt.

Der Abend nähert sich. Zeit, ins Quartier zurückzukehren: ein Klassenzimmer im ersten Stockwerk einer Schule. Das Erdgeschoss dient als Gefängnis für afrikanische Söldner und libysche Soldaten. Einer der Männer gibt an, aus Ghana zu stammen, doch die Rebellen unterbinden sofort jede weitere Frage. Verglichen mit den Schwarzafrikanern beim Verkehrskreisel von Bab al-Aziziya, hatten die Gefangenen Glück. Immerhin sind sie noch am Leben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr