31.08.2011 · Viel Geld und Wohnungen hatte Gaddafi den Leuten von Zintan versprochen, um sie auf seine Seite zu ziehen. Sie lehnten ab - und leisteten Widerstand. Er schickte Raketen - und die Menschen zogen in den Untergrund.
Von Christoph Ehrhardt, Zintan / TripolisDer Scheich hat eine wichtige Entscheidung getroffen. Das war am 16. Februar, als die jungen Leute gegen das Gaddafi-Regime demonstrierten. Da beschloss Al Taher al Dschdea, sie weiter anzuspornen. Er ist Imam, hält die Freitagspredigt in der großen Moschee, er ist einer der Stammesältesten, einer, der etwas zu sagen hat in Zintan, der Kleinstadt in den Nafusa-Bergen im Südwesten von Libyen. Heute empfängt er in seinem Haus wieder Leute, die alltägliche Sorgen wie die Vertragsdetails einer Eheschließung haben. Also sind vier Männer zu ihm gekommen, der Onkel der Braut, der Vater des Bräutigams. Er macht Einträge in einer mächtigen Urkunde, es werden Unterschriften geleistet, die Männer sprechen gemeinsam die Fatiha, die erste Sure des Korans. Die Vereinbarung ist besiegelt, und Al Taher al Dschdea beginnt nach dem Abschied, die Geschichte seiner Entscheidung zu erzählen.
Nachdem am 15. Februar die Proteste weit weg von hier im Osten begannen, wurde in Tripolis der Beschluss gefasst, Schlägerbanden in Zintan zu rekrutieren. Gaddafi schickte dafür Emissäre in das hügelige Hochland. Der für den 17. Februar angekündigte Massenprotest sollte auch mit 1000 Mann aus Zintan niedergeschlagen werden. Doch die Stammesältesten, auf deren Hilfe Gaddafi gesetzt hatte, lehnten ab. „Wir wollten keine Libyer verletzen“, sagt der Imam. Am 16. Februar habe er, Al Taher al Dschdea, eine Rede gehalten. Er habe die für seinen Geschmack etwas zu zögerliche Jugend aufgerufen, gegen das Regime zu protestieren. Friedliche Demonstrationen seien das gewesen, sagt der Imam. Da war der Despot auch noch verhandlungsbereit.
Alle kennen ihren Preis
Nicht nur der Imam nennt die Summe, mit der Gaddafi die Unterstützung des Zintan-Stammes kaufen wollte. Militärführer, Rebellenkämpfer, die inzwischen in Tripolis einmarschiert sind – sie alle kennen ihren Preis: 300.000 libysche Dinar, umgerechnet etwa 170.000 Euro, und eine Wohnung in der Flughafenstraße in der Hauptstadt sollte jeder Einwohner im Alter von zwanzig bis vierzig Jahren erhalten, wenn der Ort das Regime unterstütze. Das erste Gebot von 160.000 Dinar hatten die Leute gleich abgelehnt. „Zintan steht nicht zum Verkauf“, steht noch heute an die Wand eines Regierungsgebäudes im Zentrum des Ortes gesprüht.
Gaddafi habe sogar seine Söhne Hannibal und Saif al Islam in die Verhandlungen eingeschaltet, sagt der Imam. Doch nach drei Tagen erfolgloser Verhandlungen kam Amer Mussa, ein Gefährte Gaddafis aus Revolutionszeiten, der aus Zintan stammt. „Er sagte: Bringt die Frauen und die Kinder hier weg, wir werden die Stadt mit Raketen oder Gas beschießen“, berichtet Al Taher al Dschdea. Die Polizeistation und der Sitz der Geheimpolizei waren schon in Flammen aufgegangen. Die Leute hätten hinter der Entscheidung gestanden, dem Regime die Stirn zu bieten, sagt der Scheich. Man sei sich anfangs nur nicht sicher gewesen, ob ein Berberstamm aus der Region seine arabischen Nachbarn unterstützen werde.
In Höhlen verkrochen
Die Truppen Gaddafis schlossen einen Belagerungsring um den Ort, dem sie sich nie weiter als einen knappen Kilometer genähert haben sollen. Sie schnitten Zintan von der Außenwelt ab, kappten die Strom- und Wasserleitungen. Kampfflugzeuge kreisten über der Szenerie. Gaddafi zürnte den Leuten von Zintan. Am 9. März kamen sie in einer seiner Trotz-Reden vor: „Ihr Leute aus Zintan, besinnt euch auf eure Tradition“, zeterte er und beschimpfte die Jugend des Zintan-Stammes als „Verräter“ und „Al-Qaida-Marionetten“. Zintanis, die außerhalb der Stadt in die Fänge der Gaddafi-Kämpfer gerieten, wurden getötet oder verschleppt. Gaddafis Schergen schossen Rakete um Rakete auf die Stadt ab. Die Bevölkerung zog unter die Erde.
Die Höhle, in der sich die Familie des Imams verkroch, ist nicht weit von seinem Haus entfernt. Drei mal vier Meter für zwölf Personen. Überall in den umliegenden Bergen sind Eingänge zu sehen. Die Leute aus Zintan schafften es, die Regimetruppen Stück für Stück zurückzudrängen. Am Ende ihres Kampfes war im Westen eine neue Front entstanden, in der die Rebellenkämpfer die Truppen des Regimes bis in die Hauptstadt zurücktrieben – und weiter bis Sirte, den Geburtsort des Despoten, vor dem die Rebellen jetzt stehen.
„Himmlische Hilfe“
Al Taher al Dschdea sagt, sie hätten die Elitesoldaten des Regimes mit alten Flinten und zwei Panzerfäusten zurückgeschlagen – und mit der Hilfe Gottes und der Engel. Die himmlische Hilfe, von der er spricht, kam aber wohl vor allem in Form von Flugzeugen aus dem Westen, die Bomben auf Gaddafis Truppen und Waffen für die Rebellen abwarfen. Auch der Scheich sagt, es habe ihnen neue Zuversicht gegeben, als diese Hilfe eintraf. Im März müsse das gewesen sein. Leute, die an den Abenden in den Cafés und Geschäften des Stadtzentrums die neue Freiheit genießen, empfehlen, die Legende mit den alten Flinten nicht ganz ernst zu nehmen. Hier gehört es zur guten Tradition, eine Waffe zu haben. Die Halbstarken, die sich während ihres abendlichen Vergnügens auf der Straße um eine Pistole zanken, zeugen davon.
Das ist nicht die Welt, aus der Mohammed kommt. Ein Mittdreißiger mit akkurat gestutztem Vollbart und Akademiker-Brille spricht mit britischem Akzent, der nicht so recht passen will zu seinen Kampfstiefeln und Tarnhosen. Mohammed ist ein frommer Muslim. Mohammed legt Wert darauf, zwischen den verschiedenen historischen Dschihad-Konzepten zu unterscheiden. Mohammed hat zu Beginn der Revolution entschieden, seine Welt zurückzulassen, seine schwangere Frau, sein sicheres Leben. „Sie hat mich ermutigt zu gehen“, sagt der Ingenieur. Es habe ihn irgendwann einfach nicht mehr gehalten in Großbritannien. Und so reihen sich an die Bilder seines zivilen Lebens in Bristol die Erinnerungsbilder seiner Zeit als Rebellenkämpfer, der sich über die östliche Rebellenhochburg Benghasi auf den langen Weg in die Hauptstadt gemacht hat. Er hat ungläubig gelacht, als in Großbritannien Randalierer marodierend durch die Straßen zogen. „Die Revolution ist in Großbritannien angekommen“, habe er damals mit seinen Freunden gewitzelt. Er hat sich darüber geärgert, dass in der Presse immer wieder von einem libyschen Bürgerkrieg die Rede gewesen sei – wo sich doch lediglich ein unterdrücktes Volk seines Schreckensregimes entledige.
Neuanfang nach der Revolution
„Wir kämpfen einen guten Kampf“, sagt er. Wie viele andere ist er nach Libyen gekommen, um das Land der Eltern für sich zu erobern. Studenten aus Amerika und Kanada, junge Geschäftsleute aus Großbritannien waren dabei, als in der Hauptstadt die Widerstandsnester der Gaddafi-Getreuen ausgeräuchert wurden. „Es gibt schon Unterschiede zwischen uns und denen, die etwas anderes als das Gaddafi-Libyen erleben konnten“, sagt einer von ihnen.
Mohammeds Lieblingssouvenir ist der Ausweis, den der „König der Könige von Afrika“ einem Söldner aus Ghana zum Kampf gegen „Kreuzfahrer und Kolonialisten“ ausgestellt hat. Er hat ihn in einem Hinterhof von Tripolis gefunden. Den habe der fliehende Mann wohl hastig weggeworfen. Auch der Typ der Waffe ist darauf festgehalten: Der Afrikaner wurde mit einer Kalaschnikow ausgerüstet. Mohammed sagt, es sei eine große Chance, dass das befreite Libyen nach der Revolution bei Null anfangen könnte, wenn es um den Wiederaufbau geht. „Was passiert, wenn man nur den Kopf des Monsters abschlägt, sieht man ja in Ägypten“, sagt er. Dort regiert noch immer ein Militärrat, der sich nicht in die Karten gucken lässt. Doch auch die Geschichte des befreiten Libyens dürfte nicht auf einem weißen Blatt Papier geschrieben werden.
Auch Al Taher al Dschdea wünscht sich ein demokratisches Land mit Pressefreiheit und Rechtssicherheit. Er ist stolz auf seine Tochter, die Mathematikerin ist und im Ausland lebt. Er will für ein solches neues Libyen eintreten, und in der Moschee wird man ihm zuhören. Doch in seiner Heimat gibt es Leute, die nicht vergessen wollten, welcher Stamm in der Nachbarschaft zögerte, sich vom Regime abzuwenden, und welcher es unterstützte. Da gibt es immer noch tiefes Misstrauen. In dieser Welt sind noch alte Rechnungen zu begleichen. Dafür hat der Despot gesorgt, der mit Zuwendungen und Kollektivstrafen die Stämme immer gegeneinander ausgespielt hatte.
Die Entscheidungen, die die Leute aus Zintan fällten oder die Heimkehrer wie Mohammed trafen – es waren nur die ersten.
Nato und Rebellen haben keine Ahnung wo Gaddafi steckt
frank frei (EuroTanic)
- 31.08.2011, 12:42 Uhr
Wir haben an diesem Krieg nicht teilgenommen.
Luc Lebras (Kurt-Horst)
- 31.08.2011, 11:40 Uhr
@ frank frei
Isabel Arent (Cedro)
- 31.08.2011, 15:19 Uhr