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Iran Die Last der Gegenwart

12.07.2011 ·  Vor zwei Jahren schien es, als könnten die Iraner das Feuer der Freiheit entfachen und ihre Nachbarn anstecken. Nun rebellieren die Araber, in Teheran herrscht Stillstand. Die in Deutschland lebende Künstlerin Parastou Forouhar hat in ihrer Heimat nach Gründen gesucht.

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Es war kein Tag des Aufruhrs. Wer sich in Teheran auf die Straße wagte am zweiten Jahrestag der „Grünen Revolution“, schrieb später über den sanften Regen, über die solidarischen Blicke und die Flüstertöne der Passanten. Auf einer Internetseite erschien eine kurze Satire: „,Warst du nicht spazieren?‘ fragt ein Mann eine Freundin, die um keinen Preis die Märsche vor zwei Jahren verpasst hätte. – ,Ach nein! Mein Sohn musste sich auf seine Prüfungen vorbereiten.‘“

Der Alltag hat das Leben zurückerobert. Er kommt mir manchmal geerdet und schön, ein andermal scheinheilig vor. Die Machthaber ringen um eine Fassade, die Stabilität vorgibt. Das zeigt sich zuerst im Stadtbild Teherans: Alle Freiflächen auf den Betonwänden entlang der mehrspurigen Straßen sind mit Landschaftsbildern bemalt. Eine überdimensionierte Postkartensammlung kaschiert die Wirklichkeit. Hier und da sind Tafeln aufgestellt, die die Bürger dazu anhalten, ihre Stadt wie ihr Zuhause zu umsorgen. Die Bürger spotten: „Meine Stadt, mein Kindergarten.“

Unzufriedenheit ist überall

Kaum wird über den Wahlbetrug gesprochen, der im Sommer 2009 Anlass der Rebellion wurde. Man spricht über Inflation und Korruption, über die Gasrechnungen, die sprunghaft gestiegen sind. Man bespricht rechtliche Schritte und tauscht die neusten Tipps zur Manipulation der Zähler aus. Es ist die Wirtschaftsmisere, die die alltägliche Wut entfacht. Soziale Ungerechtigkeit führt zur Anklage gegen das Regime.

Überall ist Unzufriedenheit zu spüren, ständig wird sie zum Ausdruck gebracht: Die Herrscher werden beschuldigt, verflucht, beschimpft und verhöhnt. Doch der Würgegriff der Kontrollorgane verhindert gemeinschaftlichen Protest, der die allgegenwärtige Unzufriedenheit in eine Bewegung überführen könnte. Die Sieger haben große Angst vor den Besiegten.

Der innere Widerstand wird trotz aller Repression bewahrt und in kleinen Runden geteilt: wenn Familien und Freunde zusammenkommen, in Cafés, bei Ausstellungen, Konzerten, in Fußballstadien, in Taxis und Geschäften, im Internet. Die grünen Stofffetzen, die viele noch als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur Rebellion am Handgelenk tragen, sind verblasst und doch heiß geliebt.

Rebellion bei Nacht

Die Jugend, die vor zwei Jahren den Aufstand trug, ist bemüht, sich im Alltag zurechtzufinden und ihm eigene Merkmale aufzudrücken: enge Klamotten, geschminkte Gesichter, laute Musik. Der Funken ihrer Rebellion leuchtet in der Nacht. Wer zu später Stunde in Teheran unterwegs ist, sieht junge Motorradfahrer Wettrennen fahren und hört ihre Schreie. Es sind keine Wörter – nur nackte Schreie, die urig und hemmungslos die herrschende Ruhe zerschneiden. Auch die Berge am Nordrand von Teheran sind weiterhin ein Zufluchtsort. Nachts trifft sich hier die Jugend, säuft, kifft, tanzt zu lauter Musik und gibt sich der Illusion von Freiheit hin. Hier übt das Regime taktische Toleranz.

Es sind eher die Älteren, die unter der Last der Gegenwart zerbrechen. Die politischen Weggefährten meiner Eltern stehen nun an der Schwelle des Todes, ihre Rückblicke sind voller Wehmut und Anklage. Fragil und dünnhäutig, können sie es nicht fassen und nicht ertragen, dass noch einmal eine Zeit so brutaler Repression angebrochen ist. Ende April stürzte sich der 79 Jahre alte Siamak Pourzand vom Dach seines Hauses in den Tod. Jahrelang war der Journalist und Intellektuelle streng observiert worden, seine Ehefrau, die Menschenrechtsanwältin Mehrangis Kar, lebt im amerikanischen Exil. Der Selbstmord Pourzands zeigt die Schizophrenie, die der Würgegriff der Repression hervorbringt: Man trägt einen Aufschrei in der Brust und eine stumme Maske auf dem Gesicht. Die Trauerfeier für Pourzand wurde verboten, kein Protest folgte diesem Verbot.

Repressalien gegen Freiheitskämpfer

„Die Herrschaften haben den Kelch der Macht geleert und sind jetzt im hässlichen Vollsuff“, sagt Ahmad Sadr Hadjseyedjavadi, der älteste Freiheitskämpfer Irans. Bettlägerig und abgemagert, aber wach im Geist, berichtet er über die Repressalien, denen er und seine Weggefährten ausgesetzt sind: tägliche Anrufe der Geheimagenten, die sie davor warnen, sich kritisch zu äußern. Die verschärfte Überwachung ihrer Häuser führt in eine aufgezwungene Isolation. Falls sie sich den „Anordnungen“ widersetzen, laufen ihre Kinder und Enkel Gefahr, verhaftet zu werden.

Ezzatollah Sahabi, ein anderer namhafter Oppositioneller, starb Ende Mai. Bis zuletzt hatten Sicherheitsbeamte im Krankenhaus kontrolliert, wer ihn besuchte. Der 80 Jahre alte Dissident war müde; so viele Jahre lang hat er die Machthaber zur Toleranz aufgerufen. Bei seiner Beerdigung, auf Anordnung der Kontrollorgane auf einem kleinen Friedhof weit entfernt von Teheran, wurde seine Tochter Haleh von Milizen und Agenten brutal zusammengeschlagen. Haleh, eine Aktivistin der „Grünen Bewegung“, saß seit März im Gefängnis, für die Beisetzung hatte sie Hafturlaub bekommen. Augenzeugen berichten, dass die Männer noch auf sie einschlugen, als sie reglos am Boden lag. Zu später Stunde wurde sie „zwangsbeerdigt“.

Zwei inhaftierte Mitstreiter von Haleh Sahabi traten in Hungerstreik und verlangten, dass die Umstände ihres Todes untersucht werden. Der 52 Jahre alte Hoda Saber starb am 11. Juni. Eine Gruppe von Mitgefangenen bezeugt in einem offenen Brief, dass dem Hungerstreikenden nicht die nötige medizinische Hilfe geleistet wurde.

Abwarten aber nicht aufgeben

Die Empörung und Verletzung hat längst das Maß des Erträglichen überschritten, aber der Volksaufstand wie in so vielen anderen muslimischen Staaten lässt auf sich warten. Eigentlich blicken die Iraner mit einem gewissen Dünkel auf die Araber herab. Nun aber kommt angesichts von deren Standhaftigkeit und Opferbereitschaft Selbstkritik auf, sogar Selbsthass. „Wir sind nicht so ehrenvoll wie die Araber“, heißt es, und: „Wir sind alle Duckmäuser, wir haben es verdient, so behandelt zu werden.“ Ein anderer Aktivist sagt: „Wir hätten das Regime vor zwei Jahren besiegen können, als wir so zahlreich auf der Straße waren. Es war unser eigener Fehler, wir hätten auf der Straße bleiben müssen, wie die Ägypter!“

Viele Oppositionelle wollen „abwarten“, sich „in Geduld üben“, aber nicht aufgeben. Ihre unnachgiebige Zuversicht erinnert mich an meine Eltern. Das Regime habe seine Legitimation gänzlich verloren, es werde sich langfristig nicht halten können, behaupten sie mit großer Überzeugung seit zehn Jahren. Sie richten ihre Blicke auf eine Zukunft, die von der geknebelten Gegenwart losgelöst scheint. Sie sprechen vom unausweichlichen Gang der Geschichte, der in die Freiheit führt. Der Frage, wie dieser Wandel zu vollbringen wäre, weichen sie aus.

Manchmal erscheint es mir wie ein Déjà-vu: eine Gesellschaft, die ihre Vergangenheit noch einmal durchlebt, die wieder versucht, aus dem Teufelskreis der ständigen Repression auszubrechen und sich aus der Falle der Diktatur zu befreien. Wieder wird der Gang markiert mit den Daten, Namen und Bildern der Opfer. Wieder bieten sie Anlass zu erinnern, Haltung zu zeigen und die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

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