20.12.2011 · Libanesischer Drusenführer Dschumblatt rückt trotz Koalition mit Hizbullah von Syrien ab
Von Markus Bickel, BeirutDer libanesische Drusenführer Walid Dschumblatt hat Iran und Russland aufgefordert, Syriens Präsidenten Baschar al Assad zum Rücktritt zu bewegen. „Er kann so nicht weitermachen“, sagte der Vorsitzende der Sozialistischen Fortschrittspartei (PSP) der F.A.Z.. Angesichts von mehr als 5000 Toten habe Assad offenbar „jeden Kontakt zur Realität verloren“.
Die Übergangslösung, welche die jemenitische Opposition mit Jemens Präsidenten Ali Abdullah Salih Ende November vereinbart hatte, bezeichnete Dschumblatt als mögliches Szenario für ein Abtreten Assads, der sich seit zehn Monaten Massenprotesten ausgesetzt sieht. Salih und seinen Angehörigen war Straffreiheit zugesichert worden. Die Einrichtung einer Schutzzone, wie sie Teile der syrischen Opposition fordern, lehnte Dschumblatt dagegen ab: „Innerhalb Syriens könnte das zu einer ausländischen Militärintervention führen, was die Lage für die Bevölkerung nur weiter komplizieren würde.“
Dschumblatt hatte Assad zuletzt im Juni in Damaskus besucht und vergeblich versucht, ihn zu Reformen zu bewegen. „Ich glaube, wir haben eine Phase erreicht, in der es unmöglich geworden ist, Reformen umzusetzen“, sagte der libanesische Politiker jetzt. Ziel müsse es nun sein, mithilfe von „Syriens letzten Freunden Russland und Iran“ einen „friedlichen Kompromiss“ zu finden, „durch den ein Mehrparteiensystem errichtet wird“. Er könne sich nicht vorstellen, dass das unter Führung des Baath-Regimes möglich sei: „Das Schicksal Syriens ist viel wichtiger als das Schicksal Assads.“
Bis 2008 war Dschumblatt einer der schärfsten libanesischen Kritiker Assads; sein Vater Kamal Dschumblatt war 1977 mutmaßlich auf syrischen Befehl hin ermordet worden. Nach dem Sieg der von Syrien und Iran unterstützten Hizbullah im Kleinkrieg um Beirut im Mai 2008 leitete der Drusenführer einen Seitenwechsel ein, der im Januar dieses Jahres zum Sturz der Regierung des sunnitischen Ministerpräsidenten Saad Hariris führte.
Seitdem unterhält er ein Bündnis mit dem Generalsekretär der schiitischen Hizbullah, Hassan Nasrallah, und dem christlichen Vorsitzenden der Freien Patriotischen Bewegung (FPM), Michel Aoun. Mit den Stimmen von deren Parlamentsabgeordneten wurde der sunnitische Hariri-Rivale Nadschib Miqati Ende Januar zum Regierungschef gewählt. Mit Beginn des Aufstands gegen Assad in Syrien im März rückte Dschumblatt jedoch langsam wieder vom Regime in Damaskus ab.
Gegenüber der F.A.Z. kritisierte er die anhaltende Unterstützung für Assad durch Aoun und Nasrallah. „Es ist ein Fehler, weil sie die Mehrheit der Syrer vor den Kopf stoßen.“ Zuletzt habe er im November versucht, Nasrallah dazu zu bewegen, mäßigend auf Assad einzuwirken, jedoch ohne Erfolg. Dschumblatt forderte die syrische Opposition auf, auf die alawitische Minderheit im Lande zuzugehen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Rund zehn Prozent der syrischen Bevölkerung sind Alawiten, auch Assad und die meisten Mitglieder seiner Führungsriege gehören zu der im neunten Jahrhundert vom Mehrheits-Schiitentum abgespaltenen Konfessionsgruppe.
Dschumblatt zeigte sich besorgt, dass der zunehmend bewaffnet ausgetragene Konflikt stärker konfessionelle Züge annehmen könnte: „Wir wollen nicht, dass Syrien ein neuer Libanon wird.“ Das lange von Syrien kontrollierte Land war 1975 in einen 15 Jahre dauernden Bürgerkrieg gerutscht, in dem sich christliche Milizen und mit den Einheiten der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) Jassir Arafats verbündete linke sowie sunnitische Gruppierungen gegenüberstanden.
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