Home
http://www.faz.net/-gq9-6xe90
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausschreitungen in Fußballstadion Forderung nach Entmachtung der Militärführung in Ägypten

02.02.2012 ·  Führende ägyptische Politiker haben das Parlament aufgefordert, der Militärregierung das Vertrauen zu entziehen. Die Muslimbruderschaft spricht von einem „regimegesteuerten Massaker“ im Stadion von Port Said, wo am Mittwochabend mindestens 71 Menschen getötet wurden.

Von Rainer Hermann
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)
© dapd Das Stadion von Port Said nach dem „Massaker“

Führende Politiker in Ägypten haben nach den blutigen Ausschreitungen im Fußballstadion von Port Said das neu gewählte Parlament aufgefordert, der vom Militär eingesetzten Regierung das Vertrauen zu entziehen. Nach einem dreistündigen Treffen mit Vertretern von acht säkularen und islamischen Parteien verlas der Vorsitzende der liberalen Wafd-Partei, al Sayyid al Badawi, eine Erklärung, welche die Einsetzung einer „revolutionären Regierung“ fordert.

Ferner solle die Präsidentenwahl vorgezogen werden. Mehrere führende Politiker der islamistischen Muslimbruderschaft, die das Parlament dominiert, machten den Hohen Militärrat und das Innenministerium für das „Massaker“ verantwortlich, wie der Generalsekretär der Organisation, Mahmud Hussein, die Zusammenstöße in Port Said bezeichnete.

Aufrufe zum „zivilen Ungehorsam“

In der Hauptstadt Kairo setzten unmittelbar nach dem Spiel Proteste vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehsenders und vor dem Innenministerium ein, das in der Nähe des Tahrir-Platzes liegt. Die Proteste, die am Donnerstag andauerten, richteten sich gegen die Untätigkeit der Sicherheitskräfte. Einwohner von Port Said sagten ägyptischen Medien, die Gewalt sei nicht von lokalen Fußballfans begangen worden, sondern von Fremden, die das Sicherheitsvakuum ausgenutzt hätten.

Aktivisten der „Bewegung des 6. April“ und Anhänger des Oppositionspolitikers Muhammad El Baradei riefen zu zivilem Ungehorsam auf, der bis zum 11. Februar dauern solle und das Ziel habe, den Militärrat dazu zu zwingen, die Macht abzugeben. Die Militärführung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Bei den Ausschreitungen waren nach einem Ligaspiel nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 71 Menschen getötet und mehr als 300 weitere verletzt worden.

Der Militärrat, der das Land seit dem Sturz des früheren Machthabers Husni Mubarak regiert, kündigte an, es werde eine Kommission zur Aufklärung der Tragödie eingesetzt. Generalstaatsanwalt Abdalmagid Mahmud ordnete die Festnahme der beiden wichtigsten Sicherheitschefs in Port Said an. Die Fernsehbilder aus dem Stadion zeigten, dass die anwesenden Polizisten nicht versucht hatten, die Gewalt zu stoppen.

Aussetzzung aller Ligaspiele

Der nationale Fußballverband ordnete noch in der Nacht auf Donnerstag für unbestimmte Zeit die Aussetzung aller Ligaspiele an. Ministerpräsident Kamal Ganzouri sagte in einer Sondersitzung des Parlaments, an der auch Innenminister Muhammad Ibrahim teilnahm, seine Regierung habe den Rücktritt des Gouverneurs von Port Said angenommen. Die Regierung habe zudem die beiden wichtigsten Sicherheitschefs von Port Said suspendiert.

Ermittlungen über ihr Verhalten vor dem Spiel seien eingeleitet worden. Nach Darlegung Ganzouris wurden alle Vorstandsmitglieder des ägyptischen Fußballverbands suspendiert, da sie das Spiel trotz der zu erwartenden Gefahren angesetzt hätten. Der Fußballverband hatte in der vergangenen Woche alle Fußballspiele, die am Jahrestag der Revolution vom 25. Januar hätten stattfinden sollen, verschoben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr