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Arabische Welt Das Brot des Geistes

06.02.2011 ·  Aufruhr, Unruhe, Umbruch, Revolution: Was geschieht zur Zeit in der arabischen Welt? Viele Regierungschefs wissen nicht so recht, an wen sie sich wenden sollen.

Von Wolfgang Günter Lerch
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„Versiegelte Zeit“ nannte Dan Diner sein vor fünf Jahren erschienenes Buch, in dem er den Stillstand in der islamischen Welt analysierte. Das theozentrische Weltbild der Scharia, des unveränderlichen religiösen Gesetzes, von den Muslimen in vielen Jahrhunderten verinnerlicht, habe nicht allein religiösen Führern, sondern auch säkular gesinnten Militärs und Politikern dazu gedient, ihre Herrschaft zu verewigen und tiefgreifende Veränderungen als Teufelswerk erscheinen zu lassen, vor allem westliches. Angesichts der Ereignisse in der Region fragen viele: Wird die Zeit in Arabien jetzt entsiegelt? Ist der Geist, um bei einem orientalischen Bild zu bleiben, endgültig aus der Flasche, oder sind die Herrscher noch immer imstande, ihn in das Gefäß zurückzustoßen?

Die arabische Revolution, von der jetzt die Rede ist, kam vielleicht nicht so überraschend, wie man glauben mag. Schon in den achtziger Jahren erschütterten „Brotunruhen“ einige Länder der Region, allen voran Tunesien und Algerien. Dort folgte bald ein blutiger Bürgerkrieg mit 130.000 Toten. Auch diesmal, im vorigen Dezember, gingen die Demonstranten zunächst in der tunesischen Provinz auf die Straße, weil sie ihre Lebensbedingungen unerträglich fanden. Auch in Algerien und Ägypten war von Beginn an Unzufriedenheit mit den Preisen für Mehl, Brot, Getreide, Zucker eine der Grundlagen für den Protest. Ebenso im Jemen.

Doch die Freiheit ist das Brot des Geistes. Rufe nach weiter gesteckten Zielen, nach einem Regimewechsel, erschollen bald, nach Freiheiten wie in Europa – sein Leben individuell gestalten zu können, sagen und lesen zu können, was man will, ohne in die Fänge der Geheimdienste zu gelangen, nach demokratischer Mitsprache in der Politik. Dies wurde die Essenz der Jasmin-Revolution in Tunis. Dass der seit fast einem Vierteljahrhundert amtierende Autokrat Zine al Abidine Ben Ali so rasch die Waffen streckte, überraschte dann doch viele. Sein Geld war ihm offenbar lieber als die Macht.

Die Ereignisse in Ägypten, die von weit wichtigerer Bedeutung für die arabische Revolution sein werden als die tunesischen, sind das Ergebnis einer Ansteckung. Schon die manipulierten Wahlen im November und Dezember hatten zwar den Unmut vieler verstärkt, und es folgte die Bluttat von Alexandria, der Anschlag auf eine koptische Kirche. Wer jetzt noch nicht wusste, in welchem Zustand das sklerotische Mubarak-Regime war, erfuhr es nun. Doch vor allem die Blogger trugen es weiter.

Domino-Effekt bei den Nachbarn

Wie in Tunis gingen auch in Kairo keine Putschisten in Stellung, um das Staatsoberhaupt abzusetzen, und nicht religiöse Eiferer skandierten „Tod dem Pharao!“ – etwa nach iranischem Muster unter dem Ajatollah Chomeini. Es waren vielmehr zivile, westlich gekleidete Studenten, Angestellte, auch zahlreiche junge Frauen, die, dem tunesischen Beispiel folgend, auf dem zentralen Tahrir-Platz Kairos zusammenkamen und ein Ende des Regimes forderten. Doch sie wollten und wollen mehr: Nach dem Abtritt des Präsidenten soll echte Demokratie einziehen. Und die Ansteckung setzt sich fort. Demonstrationen, zumindest, gab es in Algerien, Sudan, Jordanien und im Jemen. In Syrien und auch in Marokko rechnet man damit, dort haben Oppositionelle dazu aufgerufen. Von einem Domino-Effekt wurde schon gesprochen, der die gesamte Region in den Mahlstrom der Freiheitsbewegung reißen werde.

So unterschiedlich die Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens auch sein mögen, so ähnlich sind jedoch oft ihre Mängel und Defekte. Ihre Herrscher regieren seit Jahrzehnten, ihre Systeme sind starr und nur mit aufgeblähten Polizeiapparaten oder der Armee aufrechtzuerhalten. Die sozialen Probleme und mit ihnen die Spannungen nehmen zu. Die Bevölkerungen wachsen unaufhörlich, der Anteil junger Menschen ebenso. Für sie gibt es zu wenige Wohnungen, Ausbildungs- und Arbeitsplätze.

Verwaltung des Mangels

In Tunesiens Nachbarland Algerien wird darüber schon seit vielen Jahren geklagt. Die Bevölkerung hat sich seit der Unabhängigkeit im Jahre 1962 verdreieinhalbfacht von neun Millionen auf über dreißig Millionen. Seither herrscht ununterbrochen die Nationale Befreiungsfront (FLN), seit 1999 Abdelaziz Bouteflika. Der aber war auch schon im Befreiungskampf dabei, der fünfzig Jahre zurückliegt. Ihn stützt das Militär. Von einem solchen Regime gehen keine Innovationen aus, allenfalls die Verwaltung des Mangels.

In Marokko hilft es dem König Mohamed VI., dass seine alawitische Dynastie den Zusammenhalt des Landes garantiert, insbesondere wegen seiner Stellung als religiöses Oberhaupt, als „Beherrscher der Gläubigen“. Doch die sozialen Probleme sind ganz ähnlich. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch im Königreich wieder Proteste ausbrechen, trotz mancher Bemühungen des Monarchen. War die Krise um die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla im vorigen Jahr nicht schon eines der beliebten Ablenkungsmanöver von inneren Schwierigkeiten?

An Veränderung kein Interesse

In der Monarchie Jordanien, viertausend Kilometer weiter im Osten, findet der Aufruhr schon statt. Auch hier steht der König Abdullah II. noch nicht im Brennpunkt der Kritik, doch aufgrund von Massendemonstrationen musste er schon die Regierung austauschen. Allerdings haben auch in Amman die Demonstranten deutlich gemacht, dass ihnen das nicht genüge. Auch in Jordanien, dessen Königsfamilie von den ostjordanischen Beduinenstämmen getragen und vom Militär gestützt wird, regiert seit Jahrzehnten dieselbe Kaste von gutgestellten Notabeln, die an Veränderungen kein Interesse haben. Die palästinensische Bevölkerungsmehrheit des Landes ist ein zusätzliches Element einer möglichen Destabilisierung, sollte sich die Krise dort verschärfen und sollten die Strukturen ins Rutschen geraten. Unter den Palästinensern im Westjordanland, die enge Beziehungen zu ihren Brüdern in Jordanien unterhalten, herrscht noch Ruhe. Doch könnte sich auch dort die Frustration über den blockierten Friedensprozess mit Israel, über die verewigt scheinende Präsenz von Hunderttausenden in den Flüchtlingslagern in einer Eruption Bahn brechen.

Länger als der Ägypter Husni Mubarak herrscht Ali Abdullah Salih über den Problemstaat Jemen – zweiunddreißig Jahre. Der Jemen gilt schon lange als „gescheiterter Staat“, in dem die Schwäche der Zentralregierung offenkundig ist. Auch ist er das ärmste arabische Land, zerrissen in einen konservativen Norden und einen Süden, der einmal ein eigener, von Marxisten regierter Staat gewesen ist. Stämme beherrschen ganze Landstriche in eigener Regie, und Al Qaida treibt angesichts dieser Umstände ihr terroristisches Spiel. Massendemonstrationen haben Salih dazu gezwungen, auf eine weitere Amtszeit Verzicht zu leisten und auch die Familie nicht zur Nachfolge anzuhalten. Das ähnelt den ägyptischen Verhältnissen. Nun will er nach eigenem Bekunden bis 2013 durchhalten. Ob ihm das gelingen wird, ist fraglich.

Arabische Revolution wirkt weiter

Ein Rätsel auf diesem Tableau bleibt Saudi-Arabien. Dort hat König Abdullah, gegen den Widerstand der traditionellen, wahhabitischen Schriftgelehrten, manche Reform durchgesetzt, die nach westlichen Maßstäben „Reförmchen“ sein mögen, aber für das erzkonservative Reich der Ölprinzen tiefe Einschnitte bedeuten. Aber der König, inzwischen Mitte achtzig, ist schwerkrank. Saudi-Arabien kommt, wie auch den übrigen, viel kleineren arabischen Staaten am Golf, sein (Öl-)Reichtum zugute. Vergleichbare soziale Spannungen wie im Maghreb, in Ägypten oder auch Jordanien gibt es dort nicht. Die autochthone, eingesessene Bevölkerung ist gering. Auch gibt es, etwa in der Einrichtung der Madschlis, der freitäglichen Audienz beim Herrscher, die jedem offensteht, Elemente beduinischer Teilhabe, die (noch) manches mildern. Sein Ölreichtum und eine geringe Bevölkerungszahl kommt übrigens auch dem Oberst Gaddafi zupass, der, seit 1969 herrschend, manche Wohltat mit härtester Repression verbindet. Dieses Fossil der arabischen Politik wäre zuallererst für den Orkus reif.

Gegenwärtig spielt sich die arabische Revolution im mit Abstand volkreichsten Staat, Ägypten, ab – mit ungewissem Ausgang. Zugleich erlebt die Welt ein historisches Ereignis ersten Ranges. Selbst wenn in Ägypten der Regimewechsel nicht völlig gelingen sollte, so wird doch die arabische Revolution weiterwirken. Und wer wusste nach der Erstürmung der Bastille 1789 schon, wie das alles weitergehen würde.

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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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