31.01.2011 · Die Unruhen in Ägypten behindern die Produktion zahlreicher deutscher Unternehmen. Bei BMW und Daimler in Kairo stehen die Bänder still. ThyssenKrupp rät seinen Mitarbeitern, zu Hause zu bleiben. RWE hat seine Angestellten bereits nach Deutschland zurückgeholt.
Wegen der Unruhen in Ägypten stellen immer mehr deutsche Unternehmen ihre Produktion vor Ort ein. Andere Firmen haben ihre Mitarbeiter bereits zurückgeholt oder treffen entsprechende Vorbereitungen.
„Wir haben uns wegen der unklaren Sicherheitslage entschieden, die entsendeten Mitarbeiter zurückzuholen“, sagte ein Daimler-Sprecher am Montag in Stuttgart. Betroffen sei eine niedrige zweistellige Zahl von Beschäftigten. Die Produktion stehe seit Sonntag still. Noch sei unklar, wann die Automontage wieder aufgenommen werden kann. Die Vertriebsaktivitäten habe der Konzern in dieser Woche komplett eingestellt.
Montage nicht mehr möglich
BMW hat den Betrieb in seinem Montagewerk am Rande Kairos seit vergangener Woche eingestellt. „Eine Montage ist derzeit nicht möglich“, sagte ein Firmensprecher am Montag. In dem Werk arbeiten mehrere hundert Menschen, die zwei deutschen Mitarbeiter und ihre Familien fliegt BMW aus.
BMW baut in Ägypten die Modelle 3er, 5er, 7er sowie die Geländewagen X1 und X3. Die finanziellen Auswirkungen dürften sich vorerst in Grenzen halten: Im vergangenen Jahr rollten dort 3000 BMW und 180 Mini vom Band. Konzernweit verkauften die Münchner 2010 etwa 1,46 Millionen Autos.
Büros bleiben geschlossen
Auch der Chemiekonzern BASF lässt wegen der Unruhen seine Produktion in dem Land vorerst ruhen. Auch die Büros blieben geschlossen, sagte ein BASF-Sprecher am Montag in Ludwigshafen.
Der Konzern hat in Ägypten etwa 100 Beschäftigte. Neben Marketing- und Vertriebsbüros unterhält der Konzern auch eine Produktion in Kairo, die Bauchemikalien für Kunden vor Ort herstellt.
Beschäftigte sollen zu Hause bleiben
„Alle Mitarbeiter sollen bis auf weiteres zu Hause bleiben“, sagte eine Konzernsprecherin von ThyssenKrupp. Das Unternehmen beschäftige vor Ort etwa 1800 lokale Mitarbeiter und rund 70 aus Deutschland.
Von den deutschen Mitarbeitern seien zehn am Wochenende nach Hause geflogen. Weitere 60 befänden sich in Port Said, wo es derzeit ruhig sei. Sollte sich dies ändern, könnten auch sie zurückkehren. ThyssenKrupp ist mit seiner Tochter Uhde im Anlagenbau in Ägypten tätig.
Mitarbeiter können Werk nicht erreichen
Beim Nürnberger Autozulieferers Leoni ist seit Sonntag die Fertigung so gut wie zum Erliegen gekommen. Nur 15 bis 20 Prozent der 4000 Mitarbeiter des Werks in der Hauptstadt Kairo hätten ihren Arbeitsplatz erreichen können, sagte ein Unternehmenssprecher. Leoni habe aber vorproduzierte Kabelsätze und Bordnetzsysteme, mit denen Kunden aus der Autobranche nun beliefert würden. Damit seien die Lieferungen zunächst gesichert. „Das wird etwa ein bis zwei Wochen reichen.“ Leoni werde nun versuchen, eigene Transporte für die Beschäftigten zu organisieren und den Lohn teilweise vor Ort auszuzahlen. Damit sei in den nächsten Tagen mit Besserung zu rechnen.
Volkswagen hat wegen der Unruhen in Ägypten seine Auto-Lieferungen in das nordafrikanische Land gestoppt. Es sei völlig unklar, ob die Wagen ihren Bestimmungsort erreichten, sagte ein Sprecher des Wolfsburger Konzerns am Montag. Zuvor waren auch die Lieferungen nach Tunesien unterbrochen worden, nachdem Fahrzeuge anderer Hersteller nach der Ankunft im Hafen in Brand gesteckt worden seien. Eigene Werke hat Volkswagen in Nordafrika nicht.
RWE schickt Mitarbeiter nach Hause
Der Energiekonzern RWE hat unterdessen einige Mitarbeiter aus dem Land zurückgeholt, will sich dort aber langfristig weiter engagieren. Am Sonntag seien rund 90 Beschäftigte und Angehörige nach Deutschland zurückgekehrt, sagte eine Sprecherin der Öl- und Gasfördertochter Dea. Der Konzern habe den Beschäftigten die Rückkehr angeboten. Die Produktion sei nicht beeinträchtigt. Einen kompletten Rückzug plant RWE nicht. „Wir betrachten unser ägyptisches Engagement als langfristiges Engagement und halten an unseren Investitionen dort fest“, sagte Konzernchef Jürgen Großmann.
Unter den Zurückgekehrten seien Mitarbeiter aus Deutschland, Österreich, Norwegen und Ungarn, sagte die Dea-Sprecherin. Kollegen in Schlüsselfunktionen seien in Ägypten geblieben. Diese befänden sich an einem sicheren Ort. RWE Dea beschäftigt in
dem Land rund 150 Mitarbeiter. Zudem betreibt der Konzern mit der Staatsgesellschaft EGPC ein Joint Venture zur Öl-Produktion im Golf von Suez. Die Suez Oil Company beschäftigt gut 1100 Mitarbeiter.
Die RWE Dea fördert Öl und Gas in Ägypten. Das Unternehmen ist seit 1974 in dem nordafrikanischen Land vertreten. Dea will in den nächsten Jahren die Gasförderung vor der Küste deutlich ausbauen.
Entwicklungshelfer bleiben im Land
Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) plant allerdings derzeit nicht, ihre Mitarbeiter in Ägypten nach Deutschland zu holen. Rund 125 GIZ-Mitarbeiter, darunter knapp 80 einheimische, seien derzeit dort, sagte ein GIZ-Sprecher am Montag in Eschborn bei Frankfurt. Sie arbeiteten in Projekten etwa für die Wasserversorgung, Stadtentwicklung oder berufliche Bildung. Auftraggeber sind neben der Bundesregierung die Europäische Union oder die Weltbank sowie einheimische Träger, darunter die ägyptische Regierung. Die bundeseigene GIZ ist seit 1956 in Ägypten tätig.