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Ägypten Der provisorische Held der Politisierten

01.02.2011 ·  Selbst die Muslimbrüder teilen mit, Mohamed El Baradei solle mit dem Regime über einen Neuanfang verhandeln. Doch der Diplomat aus der Kairoer Oberschicht ist noch lange nicht die Ikone des ägyptischen Aufbruchs.

Von Christoph Ehrhardt und Rainer Hermann, Kairo/Abu Dhabi
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Humor haben sie immer noch. „Husni bietet der Langeweile die Stirn“, steht auf einem der Plakate der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. Auch am Montag strömten wieder Tausende von Demonstranten dorthin. Müll ist zusammengekehrt worden, die Leute versorgen sich gegenseitig mit Wasser und Essen. Ausgangssperre? Husni Mubaraks Anordnung scheint hier niemanden zu kümmern. Es ist der siebte Tag der Proteste gegen den Präsidenten. Doch der macht keine Anstalten, auf die Forderungen der Bevölkerung einzugehen und abzutreten. „Das Regime spielt auf Zeit, wir setzen auf die Leute“ sagt Nagwa Hassan, beruflich Radiojournalistin, dieser Tage aber Vollzeit-Aktivistin. Viel anderes, als den öffentlichen Druck aufrechtzuerhalten, bleibt ihnen auch nicht übrig. Doch wie lange werden die Demonstranten durchhalten? Mancher sagt schon, er sei gar nicht mehr für oder gegen Mubarak, sondern nur noch dafür, etwas zu essen zu bekommen.

Doch die Führer der Protestbewegung vertrauen dem Durchhaltewillen der Bevölkerung. „Es ist vielleicht unsere letzte Chance“, sagt Ahmed Salah, der sich selbst als Aktivistenveteran bezeichnet: Er ist Mitgründer der „Kifaya“-Bewegung und war auch in der Führung der „Bewegung des 6. April“. Sein Kopfverband zeugt davon, dass er auch ein Veteran der jüngsten Proteste ist. Salah vertraut wie seine Mitstreiterin Nagwa Hassan darauf, dass die Wut über all die Jahre der Ungerechtigkeit und Unterdrückung und über die starre Haltung Mubaraks ihr Übriges tun wird. Die Dynamik müsse unbedingt erhalten bleiben, sagt Salah. An diesem Dienstag sollen Hunderttausende für einen Protestmarsch mobilisiert werden.

„Keine El-Baradei-for-President-Stimmung“

Der Präsident hat zwar noch keine Gesprächsbereitschaft signalisiert. Doch die Protestbewegung hat den Gesprächspartner des Präsidenten (beziehungsweise der Armee) benannt: Mohamed El Baradei soll dem Regime einen „geordneten Übergang“ zur Demokratie abtrotzen. Am Sonntagabend stieß der altgediente Diplomat zu den Demonstranten auf dem „Platz der Befreiung“. Sollte er geglaubt haben, dort zur Ikone der ägyptischen Revolution zu avancieren, hat er sich getäuscht. Die Massen lagen ihm nicht zu Füßen – vermutlich haben am Samstagabend nicht einmal alle auf dem Platz mitbekommen, dass er gekommen war. Das Megafon trug seine Worte nicht weit über den Kordon der in- und ausländischen Reporter und Kameraleute hinweg. „Es gibt keine Baradei-for-President-Stimmung“, bestätigt Nagwa Hassan. Der Karrierediplomat sei gewiss fähig – aber die meiste Zeit sei er gar nicht im Land gewesen. „El Baradei hat sich noch nicht bewiesen“, bilanziert die Aktivistin nüchtern.

Doch haben selbst die Muslimbrüder öffentlich kundgetan, dass El Baradei fürs Erste die Führung übernehmen solle. Abd al Munem Abu al Fotouh, der zum inneren Zirkel der Organisation gehört, hält sich im Gespräch mit dieser Zeitung allerdings mit weitergehenden Zuneigungsbekundungen zurück. Angesprochen auf die Führung der Opposition sagt er, es gebe ein Komitee der Oppositionsgruppen und Parteien, das sich in regelmäßigen Abständen träfe – das führe die Bewegung, sagte er. „El Baradei ist ein Teil davon.“ Ist er der Chef? „Das kann man so sagen.“ Einen Präsidentschaftskandidaten El Baradei würde die Muslimbruderschaft aber nicht zwangsläufig unterstützen. „Bis jetzt ist es El Baradei“, sagt Fotouh nur. Man werde sehen.

Kandidat aus der Kairoer Oberschicht

Dass die Unterstützung der Muslimbrüder nicht mehr als ein taktisches Manöver sein kann, dürfte El Baradei klar sein. Doch für sein Ansehen in der breiten Bevölkerung rächt sich nun, dass er die Protestbewegung in ihrer Zusammensetzung und in ihrer Wucht zu lange falsch eingeschätzt hat. Den ersten „Tag des Zorns“, den vorigen Dienstag, hatte er noch aus allzu sicherer Entfernung beobachtet – aus Wien nämlich, wo er mit seiner Frau lebt, seit er 1984 seinen ersten UN-Posten in New York verließ und zur Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) wechselte, als deren Generaldirektor er seine Diplomatenkarriere zwischen 1997 und 2009 abschloss. Noch zwei Tage vor dem Tag, der den großen Aufruhr einleitete, hatte er sich darauf beschränkt, sein Fernbleiben mitzuteilen und seine Hoffnung auszudrücken, dass sich Mubarak im Herbst nicht mehr um eine sechste Amtszeit bewerben werde. El Baradei war zu dem Schluss gekommen, dass es in Ägypten nicht sein werde, wie es in Tunesien war: Nicht eine neue Mittelklasse werde sich gegen den Diktator erheben, sondern allenfalls die Armen Ägyptens ihre Wut herausschreien. Die Bewohner der Elendsviertel und der Dörfer aber kennen den weltläufigen Karrierediplomaten aus der Kairoer Oberschicht nicht.

Als er sah, dass er sich geirrt hatte, zauderte El Baradei aber nicht mehr. Als die Revolte gegen Mubarak am Freitag ihren Höhepunkt erreichte, war er zur Stelle. Seine Ankunft am Flughafen wurde von Fernsehsendern aus aller Welt übertragen. Einen jubelnden Helden-Empfang wie vor knapp einem Jahr, als der heute Achtundsechzigjährige erstmals nach Kairo geflogen war, um Mubarak herauszufordern, bekam er diesmal aber nicht. Dafür wurde er von Wasserwerfern ins Visier genommen und unter Hausarrest gestellt, kaum dass er sich nach dem Freitagsgebet angeschickt hatte, einen Protestzug anzuführen.

Bei der Jugend anerkannt

Seit Sonntag bewegt El Baradei sich wieder frei. Das Rad der letzten Tage lasse sich nicht zurückdrehen, rief er nun auf dem Tahrir-Platz und verriet den wenigen, die ihn hören konnten, dass „alle“ politische Kräfte der Opposition ihm den Auftrag erteilt hätten, eine „Regierung der nationalen Einheit“ zu bilden. Dass Mubarak „noch heute“ zurücktreten müsse, hatte El Baradei schon vorher in einem ausführlichen Interview mit dem amerikanischen Sender CNN verlangt.

Der Sohn eines angesehenen Juristen, welcher lange der Kairoer Anwaltskammer vorstand, spielt Golf, hört Opern, besitzt ein Anwesen in Südfrankreich – und hat auch sonst wenig mit Ägyptens arbeitslosen Jugendlichen gemein. Doch weil er der erste Ägypter aus dem Establishment war, der sich – mit der Sicherheit eines Friedensnobelpreisträgers – öffentlich gegen Mubarak aussprach, wurde er in der politisierten Klasse des Landes gleichsam über Nacht zum Helden. Am 6. Dezember 2009 hatte er, noch aus der Ferne, seine Bedingungen für eine Kandidatur gegen Mubarak formuliert und damit die Ägypter verblüfft. Seither billigte kaum noch einer Mubaraks Sohn Gamal echte Chancen zu, seinem Vater im Amt nachzufolgen. Bei der Jugend erwarb El Baradei sich Anerkennung, als er im vorigen Juni in Alexandria an der Beerdigung des Bloggers Chaled Said teilnahm, den die Polizei zu Tode geprügelt hatte. Der Trauermarsch war seinerzeit zu einer regimefeindlichen Kundgebung angeschwollen.

Die neue Galionsfigur

Am Sonntag also richteten Führer von zehn Oppositionsgruppen ein Komitee ein, das El Baradei zu ihrer Galionsfigur bestimmte. So gedämpft die Begeisterung der Muslimbrüder für den verwestlichten Mann aus Wien ausfällt, so deutlich machen sie doch, dass sie ihm in der – ersehnten – Übergangszeit nicht mit einem eigenen Präsidentschaftskandidaten in die Quere kommen wollen. Sie, die bestorganisierte Oppositionsbewegung Ägyptens, hält sich demonstrativ zurück. „Wir wollen einfach weiter eine starke gesellschaftliche Kraft sein“, sagt Fotouh. Und sollte es eines Tages doch um eine Regierungsbeteiligung der Muslimbruderschaft gehen, dann sei der Welt versichert: „Wir werden die Abkommen Ägyptens mit der internationalen Gemeinschaft respektieren.“

Wenn es nach Fotouh geht, dann sollen die Streitkräfte in den Verhandlungen über eine Übergangsregierung eine tragende Rolle spielen. „Das Land ist jetzt unter der Kontrolle der Armee“, sagt er. „Die Leute wären unter einer Übergangsregierung unter Aufsicht der Armee zufrieden“, sagt auch Nagwa Hassan. Fast könnte man vergessen, dass die Regierung, die dieser Tage zusammengestellt wird, allein von Mubaraks Gnaden ist.

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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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