26.02.2011 · Die arabische Welt brennt, die Bürger entledigen sich ihrer Diktatoren. Doch die reichen Länder sorgen sich um das Öl.
Von Hendrik Ankenbrand, Nadine Oberhuber und Winand von PetersdorffDas Zelt steht auf halbem Weg nach Tripolis, mitten in der Wüste. Draußen dösen die Kamele, drinnen drückt der Kanzler dem Despoten die Hand. Gerhard Schröder und Muammar el Gaddafi lächeln, Blitzlicht, dann ist der Weg frei für deutsche Geschäfte in Libyen. Bis zu 400 Millionen Euro will die BASF-Tochter Wintershall in Libyen investieren. Es geht um Öl. Ziel der Kasselaner: das schwarze Gold.
Das war im Jahr 2004. Sieben Jahre später, da der Diktator die Demonstranten in seinem Land hinmetzeln lässt, hätte man gerne saubere Hände gehabt. Stattdessen waren die Geschäftsbeziehungen zwischen Libyen und dem Westen zumindest bis vor wenigen Tagen so gut wie lange nicht mehr. Europa kauft dort Öl. Libyen lieferte der Welt täglich zuverlässig 1,7 Millionen Fass (zu 159 Liter) Öl von den 88 Millionen Fass, die täglich verbraucht werden. Besonders viel bekamen Italien, Frankreich und Deutschland. Wir sind alle abhängig. Das zeigt ein großer globaler Trend, der alle Krisen, Rezessionen und Appelle zur Klimarettung durch Energiesparen überwindet: Die Weltwirtschaft wird mit immer mehr Öl befeuert. Zwar stagniert in den reifen Industrieländern der Verbrauch seit einigen Jahren, doch in den Aufsteigerländern wie China schnellte er rapide nach oben.
Der Hauptgrund für den neuen Ölhunger ist der dortige Strukturwandel von der Agrarwirtschaft zur Industrie: In Schwellenländern geben Hunderte Millionen Menschen ihre energiesparenden Tätigkeiten in der Landwirtschaft auf, um in den energieintensiven Fabriken zu arbeiten. Dazu kommt, dass die meisten ärmeren Länder Öl stark subventionieren, um ihr Wachstum zu stützen.
Versiegt das Öl?
Doch es sind nicht die Schwellenländer allein. Die gesamte neue globale Arbeitsteilung hängt am Öl und an seinem Preis, das Wohl großer Exportnationen wie Deutschland ohnehin. Denn die Globalisierung bedeutet vor allem die Überwindung großer Distanzen. Ohne billiges Öl wäre sie nie passiert. Denn teures Öl wirkt wie ein Zoll: Während ein Ölpreis von 20 Dollar einer Einfuhrverteuerung um drei Prozent gleichkommt, sind es nach aktuellen Ölpreisen schon neun Prozent. Bei plötzlich gar nicht mehr abstrus wirkenden 150 Dollar je Fass wäre ein transportbedingter Aufschlag von 11 Prozent auf alle Güter fällig.
Kein Wunder also, dass die wichtigen Ölkunden sich bisher schon Sorgen machten um den sicheren Nachschub. Doch der Fokus der Öffentlichkeit richtete sich zuletzt eher auf die Geologie: Steckt eigentlich noch genug Brennstoff in den Quellen, damit wir ruhig schlafen können? Die „Peak Oil“-Beschwörer hatten ihre großen Auftritte, bei denen sie verkündeten: Das Öl versiegt.
Das aktuelle Thema heißt allerdings nicht Geologie, sondern Politik. Die Energieversorgung bekommt zunehmend eine neue politstrategische Dimension. „Die Abhängigkeit von politisch und ökonomisch instabilen Förder- und Transitländern wächst. Die Versorgungsrisiken nehmen zu“, heißt es nüchtern in einer Studie des Beratungsunternehmens Prognos von 2009.
Abhängigkeit ist offensichtlich
Wie wahr. Jetzt brennt die arabische Welt, die Bürger entledigen sich ihrer Diktatoren. Gleichzeitig kontrollieren die arabischen Länder mehr als die Hälfte der globalen Ölreserven, dazu kommt Iran, der für weitere knapp zwölf Prozent der Reserven gut ist.
Gewusst hat man es natürlich schon immer im Geheimen. Doch plötzlich wird den großen Abnehmerländern offenbar, wie sie sich von Schurken abhängig machen. Die Abhängigkeit ist in den letzten Jahren sogar größer geworden.
Die globale Arbeitsteilung der Erdölexploration sieht inzwischen so aus: Dort, wo Öl leicht zu fördern ist, haben sich staatliche Gesellschaften selbst die Schürfrechte angeeignet. Zumeist wurden und werden dafür ausländische Firmen vertrieben oder verstaatlicht. Das gilt für den gesamten arabischen Raum und in den Ländern des Persischen Golfes. Dort holen Staatsgesellschaften das Öl aus der Tiefe, die von Herrscher-Kasten der jeweiligen Länder kontrolliert werden. Das Ölgeld stillt ihre Wünsche nach Luxus, es finanziert ihre Unterdrückungsapparate und einige Wohltaten für Bürger, damit sie stillhalten. Für den Westen waren die Regime zuverlässige Lieferanten.
Die von der westlichen Öffentlichkeit so kritisch gesehenen privaten, zumeist börsennotierten Aktiengesellschaften wie BP, Exxon oder Shell dürfen ran, wenn die Ausbeutung der Vorkommen technisch schwierig ist, zugleich hohen Kapitalbedarf und gutes Management erfordert.
Angst vor Katastrophen
In der tiefen See, unter festem Gestein und im ewigen Eis dürfen sich die Multis beweisen. Und manchmal scheitern sie, wie die Deepwater-Horizon-Katastrophe im Golf von Mexiko gezeigt hat. „Wir meistern die wirklich schwierigen Herausforderungen. Das sind Herausforderungen, die andere nicht meistern können oder nicht meistern wollen, weil sie ihnen zu riskant sind. Das heißt, wir arbeiten im Grenzland“, sagte der glücklose und später abgelöste BP-Chef Tony Hayward noch so stolz, ein paar Monate bevor seine Plattform Feuer fing.
Die Ölbeschaffung stürzt die Menschheit in ein Dilemma: Entweder droht eine ökologische Katastrophe als Folge der Förderung in unwegsamen Gebieten, oder es droht eine politische Katastrophe. In Libyen droht sogar beides, wenn der fanatische Herrscher Gaddafi verbrannte Erde hinterlässt. Ein berühmtes Vorbild gibt es: Irakische Soldaten haben 1991 in Kuweit Hunderte Ölfelder angezündet.
Dabei ist Libyen noch das kleinere Problem. Was ist, wenn der Flächenbrand in den arabischen Staaten auch Saudi-Arabien erfasst, den wichtigsten Ölproduzenten der Erde?
Diese Angst lässt an den Märkten die Preise durch die Decke gehen und die Pessimisten en vogue werden. Einen Kursanstieg auf 150 Dollar hält das Analysehaus Creditsights für möglich. Die japanische Bank Nomura sieht den Kurs sogar schon auf 220 Dollar steigen. Dann drohte der Welt eine neue Rezession, die mit jener nach der Finanzkrise vergleichbar wäre.
Geschäfte mit Schurken
In dem Wüstensand der saudischen Scheichs schlummern nicht nur die größten Reserven, das Land ist auch das einzige, das die Produktion von heute auf morgen ausdehnen kann. Saudi-Arabiens Fähigkeit als „Swing-Produzent“ gibt dem Land eine strategische Rolle: Weil die Scheichs so viel Öl haben, können sie nach Lust und Laune die Fördermengen so weit rauf- und runterfahren, dass sich der weltweite Ölpreis entsprechend bewegt. Erste Unruhen gibt es im Land, das Regime ist autoritär, es gibt viele arbeitslose junge Männer. Das sind brisante Zutaten. Die saudi-arabische Regierung investiert Milliarden in Bildung, Infrastruktur und neue Arbeitsplätze. Und warf in dieser Woche eilfertig zusätzliche 27 Milliarden Euro unters Volk, in Form von Gehaltserhöhungen für Staatsdiener und Arbeitslosengeld. Doch wer wagt noch Prognosen, dass das reicht, um die Stabilität zu wahren?
Die alte moralische Frage heißt: darf man mit Schurken Geschäfte machen? Die einfache Antwort lautet ja, aber sie ist gar nicht so einfach. Denn arabische Despoten finanzieren ihre Polizei- und Geheimdienstapparate mit dem Geld aus den Ölverkäufen, sagt Volker Perthes, Direktor des wichtigsten deutschen außenpolitischen Think Tanks, der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik: „Generell können große Volkswirtschaften nicht einfach sagen: Wir kaufen keine Rohstoffe aus Ländern, die nicht demokratisch regiert sind wie etwa Saudi-Arabien.“ Oder Russland. Dann könne der Westen so gut wie nirgendwo mehr her Öl und Gas importieren. Dabei macht ein Boykott aus autokratisch regierten Gesellschaften nicht automatisch Demokratien.
Moralische Schuld durch Ölkäufe aus Libyen
Eindeutiger lässt sich wohl die Frage beantworten, ob der Rückfluss des Ölgelds in den Westen die libysche Diktatur gefördert hat. Für weit über 300 Millionen Euro haben die Mitgliedstaaten der EU in den vergangenen Jahren Waffen an Gaddafi geliefert. Nach Italien kommt Deutschland kurz dahinter als eine der exportfreudigsten Nationen. Für mehr als 50 Millionen Euro erhielten die Libyer deutsche Technik, mit denen sich Mobiltelefonnetze, Internet und der Ortungsdienst GPS manipulieren und ausschalten lassen. „Hier ist die moralische Schuld des Westens eindeutig“, sagt Perthes. Waffengeschäfte mit Diktatoren seien nicht zu akzeptieren.
Und Ölgeschäfte? Die will Perthes nach wie vor nicht verurteilen, und genauso wenig will er den zweiten Grund dafür ausdrücklich verschweigen: „Wir im Westen sind schlichtweg auf Öl angewiesen.“
Neben der moralischen Frage stellt sich aber jetzt auch eine strategische: Wenn Diktaturen fragil sind, ist es überhaupt günstig, auf sie zu bauen? Die Demokratiebewegungen, die sich gerade im arabischen Raum ihrer Despoten entledigen, erteilen dem Westen ja gerade eine Lektion. Die Annahme, die Autokratien sorgten für Sicherheit, Ruhe und Öl, stellt sich jetzt als Irrtum heraus. Es spricht einiges dafür, dass Ölreichtum an sich für politische Unruhen sorgt. In Nigeria herrscht seit Jahren Bürgerkrieg, der letztlich ein Kampf um Ölquellen ist. In Angola speisten die Einnahmen aus Öl jahrelang Bürgerkrieg.
Keine Struktur in Öllieferländern
Es klebt schon Blut am Ölgeschäft. Und es hilft Diktaturen zu bauen, aber es scheint auch den Keim des Niedergang dieser Regime mit sich zu bringen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen haben es jene Länder, die überwiegend vom Rohölexport leben, nicht geschafft, eine gesunde Wirtschaftsstruktur auf die Beine zu stellen, die allen Menschen Brot, Arbeit und eine Perspektive gibt. Statt dessen wird das Volk mit Unterdrückung und Korruption konfrontiert. Die autoritären Ölländer nehmen auf dem Transparency-International-Index, der global die Korruption misst, regelmäßig führende Plätze ein.
So muss man sich nicht wundern, wenn die Aufstände Schule machen jenseits des arabischen Raums. Doch auch hier sind Prognosen riskant. Denn die Unruhen führen zu hohen Ölpreisen, die den Lieferanten zusätzliche Einnahmen verschaffen. Gerade ein Land wie Venezuela, das trotz Ölreichtums mit gewaltigen Staatsschulden kämpft, bekommt durch die Marktentwicklung wieder etwas Luft.
Die großen ölschluckenden Länder kennen schon genügend Gründe, sich vom Öl abzuwenden. Täglich kommen neue hinzu.
Wenn Demokratien den Ölreichtum verwalten, dann wird es immer teurer
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 26.02.2011, 23:19 Uhr
Die "Westliche" Welt !!! schaut zu, keiner hat den MUT
Reiner Luecker (Reinerluecker)
- 27.02.2011, 00:12 Uhr
Super
Daniel Grün (danielgruen)
- 27.02.2011, 01:25 Uhr
Diese Unruhen im Nahen Osten
karin stutz (strohausen)
- 27.02.2011, 03:00 Uhr
Und warum
heinz herzing (heinz48)
- 27.02.2011, 10:00 Uhr
Hendrik Ankenbrand Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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