07.12.2003 · Die Untersuchung über den Antisemitismus in Europa, die von ihrem Auftraggeber, einer Wiener EU-Behörde, unter Verschluß gehalten wurde, liefert eine beeindruckende Materialfülle - enthält aber auch etliche Fehler.
Von Konrad SchullerHat Jürgen Möllemann judenfeindlichen Gefühlen Vorschub geleistet, als er seine Angriffe gegen Ariel Scharon und Michel Friedman begann? Hat Norbert Blüm die Sprache des Antisemitismus gesprochen, als er Israels Offensive in den besetzten Gebieten einen "Vernichtungskrieg" nannte? Gibt es, alles in allem, einen neuen Antisemitismus in Deutschland und in Europa?
Ja, sagten der Berliner Soziologe Werner Bergmann und die Historikerin Juliane Wetzel vom Berliner "Zentrum für Antisemitismusforschung". Der Bericht, den sie im Februar im Auftrag der "Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" (EUMC) geschrieben haben, den die Auftraggeber dann aber beanstandeten und bis zur vergangenen Woche fortschlossen, behauptet genau dies: Der europäische Antisemitismus kehrt wieder. Er erscheine dabei allerdings in "neuer Form" - in einer Gestalt, die weniger diskreditiert sei als sein Urbild und eben deshalb um so besser geeignet, "sich immer mehr in den politischen ,Mainstream' hinein auszubreiten". Seine Erkennungsmale aber seien bestimmte typische Bilder und Metaphern der Kritik an Israel.
Untiefe im Diskurs
Dieser Annahme folgend, haben Bergmann und Wetzel ihren Forschungen ein zentrales Problem vorangestellt: "Wann nimmt Kritik an Israel antisemitische Züge an?" Die Frage ist relevant - richtet sie sich doch genau auf jene Untiefe im politischen Diskurs, an welcher vor einem Jahr Möllemann auf Grund lief und die Wahlniederlage des bürgerlichen Lagers in Deutschland mitverschuldete.
Den Gefahren der Zone entsprechend, beginnen die Autoren ihre Untersuchung mit einer Klarstellung. Kritik an Israel sei "natürlich" erlaubt, stellen sie fest - sogar bis hin zu dem Vorwurf, seine Politik sei "aggressiv, imperialistisch und kolonialistisch". Erst nach dieser Vorrede beginnen sie, jenes System von Denkmustern zu beschreiben, das nach ihrer Analyse den neuen Antisemitismus kennzeichnet.
Jüdische „Lobbies“
Zu diesen Topoi gehört als krassestes, evidentestes Beispiel die Leugnung des Holocaust - vor allem, wenn sie mit dem Mythos verbunden ist, "Auschwitz" sei von einer "jüdischen Weltverschwörung" erfunden worden, um Europa zu diskreditieren. In engem Zusammenhang damit stehen zwei weitere, weniger evidente Motive. Erstens die immer wiederkehrende Rede vom allzu großen jüdischen Einfluß (als Echo der Propagandalegende der "Weisen von Zion") und zweitens, abermals damit verbunden, der Hinweis auf die Rolle der jüdischen "Lobbies" in Amerika. Antisemitischer Verschwörungsglaube und linker Antiamerikanismus gehen nach dieser Analyse deshalb vor allem im Milieu der modernen Globalisierungsgegner Hand in Hand. Als weitere Zeichen antisemitischer Haltungen werden die Gegnerschaft zum "Zionismus" genannt, die pauschale Identifikation aller Juden mit der Politik Israels sowie vor allem auch Sprachbilder, welche die Politik Israels mit jener der Nazis gleichsetzen und damit indirekt den Opferstatus der Juden in Frage stellen.
Bestechender Ansatz
Der Ansatz, Europas "neuen Antisemitismus" mit Hilfe seiner Denkmuster und Metaphern auch dort zu orten, wo er sich nicht freiwillig outen will, hat etwas Bestechendes. Gerade in Deutschland haben zwei Generationen gesellschaftlicher Ächtung rechtsradikale oder judenfeindliche Gedanken in den semantischen Untergrund getrieben. Die "Szene" verständigt sich über zahllose Chiffren, von der simplen Zahl 18 (dem Zahlenwert der Initialen Adolf Hitlers) bis zum Terminus "Ostküste" für das "verjudete" Amerika. Zahllose Verfassungsschützer sind bis heute damit beschäftigt, solche Codes zu entdecken, um sie, etwa auf Demonstrationen, verbieten zu können. Es liegt deshalb nahe, auf der Suche nach dem neuen Antisemitismus auch nach seinen Rauchsignalen Ausschau zu halten.
Die Methode ist jedoch nicht unproblematisch. Die Doppeldeutigkeit der Symbole, welche die Szene sich zunutze macht, um mit Unschuldsmiene Propaganda treiben zu können, kann zu Verwechslungen führen. Wer "Ostküste" sagt, kann ein verkappter Antisemit sein - aber er kann auch in aller Harmlosigkeit gesprochen haben. Ähnlich verhält es sich mit Hinweisen auf den "Einfluß der Juden" in Amerika. Sie gehören zwar zum klassischen Repertoire des Antisemiten, aber sie finden sich ebenso als selbstbewußte Tatsachenfeststellung auf der Website des jüdisch-amerikanischen Interessenverbandes Aipac. Da muß präzise unterschieden werden, wenn der Antisemitismus von heute quantifiziert werden soll.
Beispiele, die ins Leere gehen
Hier aber sind Bergmann und Wetzel Fehler unterlaufen, an mehr als nur einer Stelle. Zu Recht brandmarken sie zwar das Hetzmotiv der Gleichsetzung von Israel und dem Dritten Reich. Doch die Beispiele, die sie dafür nennen - die Verwendung von Worten wie "Massaker" oder "Vernichtungskrieg" in der Kritik am jüdischen Staat -, gehen oft ins Leere. "Massaker" hat es in der Geschichte der Menschheit zu viele gegeben, als daß sie als Nazi-Spezifikum gelten könnten. Anders als etwa dem Begriff "Holocaust" wohnt solchen Wörtern keine ausschließliche NS-Assoziation inne, die zwingend genug wäre für eine Antisemitismus-Diagnose.
An mindestens einer Stelle gehen solche Fehldeutungen bis zu jenem Punkt, den man bei Staatsanwälten als den "sich selbst generierenden Verdacht" beschrieben hat. Zur Illustration der - nicht unplausiblen - These von der Konvergenz "antijüdischer" und "antiamerikanischer" Gefühle auf der politischen Linken präsentieren Bergmann und Wetzel ein Flugblatt von einer linken Anti-Bush-Demonstration in Berlin: Es zeige "die wohlbekannte Figur des ,Uncle Sam', aber im Stürmer-Stil und mit ,jüdischer Nase'". Als Zeichen für das antisemitische Klischee der "jüdischen Weltverschwörung" hänge eine Weltkugel an "Uncle Sams" Zeigefinger.
Ein Blick auf das Corpus delicti genügt jedoch, um die Unhaltbarkeit dieser Interpretation zu erkennen. Das Flugblatt zeigt eine karikierte Replik des berühmten "I Want You"-Plakates von James Montgomery Flagg aus dem Jahr 1916. Die Nase ist in der Tat eindrucksvoll. Ihre Interpretation als antisemitische Chiffre jedoch ist ganz falsch. Flagg nämlich hat, wie er Präsident Roosevelt einmal gestand, seinen legendären "Uncle Sam" als Selbstporträt gestaltet, um Kosten für das Modell zu sparen. Seine beträchtliche Nase wurde damit zur amerikanischen Ikone. Da mag Eitelkeit mitgespielt haben. Die Antisemitismus-These dagegen entpuppt sich als schiere Zweckdeutung.
Solche Unschärfen schwächen die Arbeit von Bergmann und Wetzel. Ihr Alarmismus im Einzelfall schadet der großen Linie ihrer Argumente auch dort, wo sie stark sein könnten. Das EUMC hat ihnen schwammige Definitionen, willkürliche Kausalitäten und grobe Verallgemeinerungen vorgeworfen und die Veröffentlichung ihres Berichts abgelehnt - nicht ganz zu Unrecht.
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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