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Sicherheitsfachmann Neumann : „Wer jetzt polarisiert, spielt mit im Spiel der Terroristen“

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Am Morgen danach:Trauer in Berlin Bild: AP

Der Terrorismusfachmann Peter Neumann kritisiert im Interview mit FAZ.NET das Sicherheitskonzept in Berlin. Die Terrorgefahr müsse bei der Planung von Veranstaltungen stärker berücksichtigt werden. Weihnachtsmärkte zu meiden, hält Neumann für falsch.

          Nach dem Anschlag in Berlin rückt die Sicherheit von Weihnachtsmärkten und öffentlichen Plätzen in deutschen Städten in den Mittelpunkt: Wie viel Sicherheit kann man garantieren und wie viel Einschränkung hinnehmen? „Wir wollen Frankfurt nicht in eine Festung verwandeln“, sagt etwa am Dienstagmorgen der Frankfurter Sicherheitsdezent Markus Frank. Der Terrorismusfachmann Peter Neumann über weitere Bedrohungen und wieso es ein grundsätzliches Umdenken bei der Planung von Veranstaltungen braucht.

          Herr Neumann, in den letzten Wochen haben wir mehrfach von vereitelten Anschlägen gehört und der Innenminister spricht schon seit längerem von einer „erhöhten Gefährdungslage“ – gab es Vorzeichen für einen solchen Anschlag?

          Peter Neumann: Ich habe keine Einblicke zur konkreten Frage, ob sich die Hinweise eines Anschlags am Breitscheidplatz im Vorfeld verdichtet hatten. Aber wir wussten auch vor dem Anschlag im Sommer in Nizza, dass der „Islamische Staat“ versucht, Lastwagen oder Autos für Terroranschläge einzusetzen. Schon Ende 2014 hatten Islamisten in Frankreich versucht, mit Autos auf Weihnachtsmärkten Anschläge zu verüben. Außerdem hatten amerikanische Geheimdienste die deutschen Behörden vor ein paar Wochen explizit vor dieser Gefahr gewarnt. Man kann also schon von einer Verdichtung der Hinweise sprechen.

          Das heißt, Sie gehen fest von einem islamistischen Terroranschlag in Berlin aus? Warum ist der mutmaßliche Täter dann geflohen, statt vor Ort den „Märtyrertod“ zu suchen?

          Ich wäre nicht überrascht, wenn die aktuellen Ermittlungen einen islamistischen Hintergrund feststellen. Vor zehn bis 15 Jahren hätte ich bei Al Qaida noch erwartet, dass ein Attentäter den Tod anstrebt. Aber der „Islamische Staat“ stellt bei seinen Rekrutierungen teils nur geringe Anforderungen. Das heißt, der Täter hat sich vielleicht durch Propaganda der Terrormiliz inspirieren lassen, aber nicht total radikalisiert. Zum aktuellen Zeitpunkt kann man das aber nicht endgültig sagen.

          Haben die Behörden aus Ihrer Sicht bei den Sicherheitsvorkehrungen in Berlin aus den Erfahrungen von Nizza die richtigen Schlüsse gezogen?

          Ich bin schon überrascht, dass man nicht verstärkt sogenannte natürliche Barrieren oder Betonpoller an Weihnachtsmärkten in Deutschland aufgestellt hat. Wir kennen die Gefahr für Weihnachtsmärkte seit langem.

          Wenn es ausreichend Barrieren am Breitscheidplatz gegeben hätte, hätte ein Terrorist wahrscheinlich einen anderen Ort in Berlin gefunden.

          Man kann nicht alles verhindern. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Aber man kann mehr Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, die recht leicht umzusetzen sind und keine Zumutung für die Bevölkerung wären. In einzelnen Fällen wäre schon viel getan, eine wichtige Zufahrt mit einem Polizeiauto zu blockieren. Auch bislang gibt es in ganz Deutschland verstärkte Polizeistreifen auf Weihnachtsmärkten. Es wäre viel weniger Aufwand gewesen, Zufahrten mit natürlichen Barrieren oder Beton zu versperren. Zudem verringern Sicherheitsmaßnahmen die Zahl der Vorfälle: Durch Röntgen-Kontrollen am Flughafen ist die Zahl der Entführungen stark zurückgegangen.

          Peter Neumann ist Fachmann für islamistischen Terrorismus und Professor für Sicherheitspolitik und Radikalisierung am King’s College London. Zuletzt erschien von ihm „Der Terror ist unter uns: Dschihadismus und Radikalisierung in Europa“.

          Warum haben die Behörden dann aus ihrer Sicht nicht mehr Sicherheitsmaßnahmen getroffen?

          Das deutet auf ein generelles Problem in Deutschland hin: In anderen Ländern wie Großbritannien oder Israel plant man die Möglichkeit von Terroranschlägen routinemäßig bei jedem Sicherheitskonzept für öffentliche Plätze mit. In Deutschland fehlt dieses strategische Denken. Wir bräuchten eine umfassende Strategie gegen den Terrorismus, die eine kohärente und effiziente Zusammenarbeit verschiedener Bereiche  – von der Sozialpolitik bis zu Polizei- und Geheimdienstarbeit – ermöglicht. Als Reaktion auf solche Vorfälle hören wir oft populäre Einzelforderungen, z.B. nach den sogenannten „Nacktscannern“ an Flughäfen. Doch statt einzelner Maßnahmen und Forderungen, müsste man fragen, ob wir insgesamt richtig aufgestellt sind. Das Thema wird uns noch viele Jahre beschäftigen.

          Erhöht der mutmaßliche Anschlag in Berlin abermals die Gefährdungslage in Deutschland?

          Die Politik muss jetzt alles tun, um Nachahmung und weitere Anschläge zu verhindern. Denn die Terroristen wollen auch einen Impuls für weitere Taten geben. Unser individuelles Verhalten sollten wir so wenig wie möglich ändern. Denn Terrorismus will terrorisieren. Das klingt banal, aber darin besteht die größte Gefahr. Der „Islamische Staat“ ist natürlich weit davon entfernt, Deutschland einzunehmen oder insgesamt zu gefährden. Es steht in seiner Macht das Land zu spalten. Das heißt, wer polarisiert, spielt mit im Spiel der Terroristen.

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