http://www.faz.net/-gpf-8onal
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Aktualisiert: 22.12.2016, 11:22 Uhr

Verdächtiger Tunesier Amris Vater: Mein Sohn hat sich in Europa radikalisiert

Der verdächtige Anis Amri soll nach einer Aussage seines Vaters erst im Gefängnis in Italien in Kontakt mit radikalen Islamisten gekommen sein. In Tunesien sei er zwar bereits gewalttätig, aber nicht „intolerant“ gegenüber anderen Religionen gewesen.

© dpa Wird in ganz Europa gesucht: der verdächtige Tunesier Anis Amri

Drei Tage nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin hat der Vater des verdächtigen Tunesiers Anis Amri angegeben, dass sein Sohn bereits lange vor seiner Ausreise nach Europa ein „gewalttätiger“ Mann gewesen sei, sich aber erst in Europa radikalisiert habe. In einem Interview mit der britischen Zeitung „Times“ sagte der Vater, sein Sohn sei schon in Schwierigkeiten gewesen, bevor er Tunesien im März 2011 in Richtung Italien verlassen habe. „Er brach die Schule ab und reiste nach Italien, wo er in einen Diebstahl und einen Brandstiftung an einer Schule verwickelt war“, sagte er. Amri habe vier Jahre im Gefängnis in Italien verbracht. Erst dort sei er in Kontakt mit extremistischen Gruppen gekommen, die ihn angezogen hätten. Vor seiner Abreise nach Europa sei sein Sohn „nie religiös“ oder intolerant gegenüber anderen Religionen gewesen, sagte sein Vater.

Amri stammt aus der Stadt Oueslatia in der nordöstlichen tunesischen Provinz Kairouan, die als Islamistenhochburg gilt. Sein Vater sagte der „Times“ weiter, er habe seinen Sohn seit dessen Abreise aus Tunesien vor sechs Jahren nicht mehr gesehen. Bis die Sicherheitsbehörden ihn nach dem Anschlag in Berlin aufgesucht hätten, habe er sich um Anis aber keine Gedanken gemacht. Die Eltern des Verdächtigen leben demnach offenbar getrennt.

Mehr zum Thema

Medienberichten zufolge sollen an der Tür des bei dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt eingesetzten Lkw die Fingerabdrücke Amris gefunden worden sein. Das berichteten „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR am Donnerstag unter Berufung auf eigene Informationen. Eine offizielle Bestätigung lag zunächst nicht vor. Den deutschen Sicherheitsbehörden ist Amri offenbar bereits vor Monaten durch alarmierende Äußerungen aufgefallen. Nach Informationen des „Spiegel“ tauchten bei Ermittlungen gegen mehrere Hassprediger Ergebnisse aus der Telekommunikationsüberwachung auf, in der sich Amri offenbar als Selbstmordattentäter anbot. Allerdings seien die Äußerungen so verklausuliert gewesen, dass sie nicht für eine Festnahme gereicht hätten.

Der 23 Jahre alte Anis Amri war am Mittwoch vom Bundeskriminalamt öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben worden; in ganz Europa wird seither nach ihm gesucht. Er wird dringend verdächtigt, am Montagabend den Lkw gesteuert zu haben, der auf dem Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche in eine Menschenmenge raste und dabei zwölf Menschen tötete und rund 50 weitere verletzte. Die Ermittler hatten unter dem Fahrersitz des Lastwagens nach Angaben aus Sicherheitskreisen eine Duldungsbescheinigung aus Nordrhein-Westfalen gefunden, die auf den Namen Anis Amri ausgestellt ist.

© AFP, reuters BKA fahndet nach Tatverdächtigem mit 100.000 Euro Belohnung

Tunesische Ermittler hatten Amris Familie bereits am Mittwoch in Oueslatia befragt, wie die tunesische Zeitung „Al-Chourouk“ berichtete. Die Familie versicherte den Beamten demnach, dass sie keinen ständigen Kontakt zu Amri habe, seit dieser das Haus während der arabischen Aufstände Ende 2010 verlassen habe. Amris Bruder Abdelkader Amri sagte am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP, er könne nicht glauben, dass sein Bruder solch ein Verbrechen begangen habe. „Als ich das Foto meines Bruders in den Medien gesehen habe, habe ich meinen Augen nicht getraut“, wurde er zitiert. Falls sich wider Erwarten aber doch herausstellen sollte, dass sein Bruder für den Anschlag verantwortlich sei, verdiene er „jede Strafe“.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Das zieht einem die Schuhe aus

Von Berthold Kohler

Rosneft ist kein Unternehmen wie Volkswagen. Der Konzern dient den Interessen des Kremls. Und der ehemalige Bundeskanzler Schröder künftig auch. Mehr 98

Quelle: wahlrecht.de
Alle Umfragen