In Bagdad wurden bei einem Selbstmordanschlag vor dem Haupttor zum militärischen und zivilen Hauptquarttier der Amerikaner mindestens 25 Menschen getötet und etwa hundert verletzt. Nach Angaben des amerikanischen Militärsprechers hatte ein Selbstmordattentäter einen Kleinlastwagen mit 500 Kilogramm Sprengstoff zur Detonation gebracht. Der Anschlag war der blutigste, seit am 27. Oktober bei einem Selbstmordanschlag auf das Gebäude des Roten Kreuzes in Bagdad mehr als 30 Personen getötet worden waren.
Der amerikanische Zivilverwalter im Irak, Bremer, teilte mit, der Anschlag werde nichts am Zeitplan ändern, die Macht am 1. Juli den Irakern zu übergeben. Bremer bezeichnete den Anschlag als „ein weiteres klares Zeichen für die mörderische und zynische Ansicht der Terroristen, Freiheit, Demokratie und Fortschritt im Irak zu unterlaufen“. Damit würden sie jedoch, so Bremer, keinen Erfolg haben.
Gewaltige Detonation
Der irakische Übergangsrat wies darauf hin, daß bei dem Anschlag überwiegend Iraker getötet worden seien. Der arabische Nachrichtensender al Dschazira berichtete, ein Kleinlastwagen, wie ihn die Amerikaner und Gäste der Besatzungsmacht benutzen würden, habe sich vor dem Haupttor im Norden langsam dem schwer bewachten amerikanischen Hauptquartiers genähert. Mutmaßlich habe er versucht, auf das Gelände des Komplexes zu gelangen, das einst der größte Palast von Saddam gewesen war. Als sich ein Soldat dem Wagen genähert habe, habe der Selbstmordattentäter den Sprengstoff bereits 16 Meter vor dem Tor gezündet.
Nach der Explosion gingen in einem weiten Umkreis Personenwagen und Busse in Flammen auf. Viele Menschen verbrannten in ihren Autos. Schwarze Rauchschaden standen über dem Unglücksort. Ein amerikanischer Offizier sagte, die Druckwellenbarrieren, die das Hauptquartier schützten, hätten 90 Prozent der Wucht der Detonation abgefangen. Die gewaltige Explosion schleuderte jedoch Autos bis zu hundert Meter weg und zerstörte Fensterscheiben bis zu einer Entfernung von 600 Metern.
Vor allem Iraker unter den Opfern
Zum Zeitpunkt der Detonation am frühen Sonntagmorgen hatten mehrere Hundert Iraker in einer Warteschlage vor dem ehemaligen Palast Saddam Husseins gestanden, um ihre Arbeit in der amerikanischen Zivilverwaltung aufzunehmen oder sich um Arbeit zu bewerben. Die Warteschlange war nach Angabe von Augenzeugen hundert Meter lang. Der Sonntag ist im Irak ein gewöhnlicher Arbeitstag. In der Nähe des Unglücksorts haben zudem viele irakische Automobile vor einer amerikanischen Straßenkontrolle gewartet. Die meisten Toten sind Iraker. Unter den Opfern befinden sich nach Angaben des amerikanischen Generals Kimmit mutmaßlich zwei amerikanische Staatsbürger. Sprecher der amerikanischen Armee meinten, es könnten es zwei Beschäftigte des Pentagon sein. Zudem sind auch zwei irakische Polizisten getötet worden. Verletzt wurden drei amerikanische Zivilisten und drei Soldaten.
Unmittelbar nach dem Anschlag blockierten amerikanische Panzer die beiden nächstgelegenen Brücken über den Tigris. Helikopter kreisten über den Anschlagsort. Einer der Militärexperten von Al Dschazira sagte, die Tatsache, daß der Anschlag in einem der am besten bewachten Teile von Bagdad habe erfolgen können, lasse Rückschlüsse darauf zu, daß die Attentäter nun besser organisiert und selbstbewußter geworden seien. Auch würden die Anschläge heftiger.
Tat islamistischer Terroristen
Bereits in den vergangenen Wochen war immer offensichtlicher geworden, daß sich die Struktur der Angriffe im Irak verschiebt. Die Zahl der Angriffe, die direkt gegen amerikanische militärische Ziele gerichtet sind und etwa mit Autobomben erfolgen, nimmt ab. Andererseits nehmen die Selbstmordattentate zu, die auf zivile Ziele gerichtet sind und eine hohe Zahl ziviler irakischer Opfer in Kauf nehmen.
Selbstmordanschläge in der Art des Attentats am Sonntagmorgen in Bagdad sind ein Erkennungszeichen islamistischer Terroristen und nicht der militanten irakischen Nationalisten. Mit dem Selbstmordanschlag kehrt die Gewalt nach Bagdad zurück. Zuletzt waren an Silvester bei einem Anschlag auf ein Restaurant in Bagdad acht Personen getötet und 30 verletzt werden. Mit der Ausnahme dieses Attentats hatten in den vergangenen Wochen die meisten Anschläge im Großraum außerhalb von Bagdad stattgefunden, überwiegend in der Region von Bagdad bis Falludscha und Ramadi. Ausschließlich waren bei ihnen die Techniken der militanten irakischen Nationalisten und nicht der islamistischen Terroristen angewandt worden.