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Giftanschlag von Salisbury : „Nichtstaatliche Akteure scheiden aus“

Ermittler stehen in ihren Schutzanzüge vor dem Maltings Einkaufszentrum in Salisbury, um die Ermittlungen zum Anschlag auf Sergej Skripal und seine Tochter fortzusetzen. Bild: dpa

Obwohl Chemiewaffen geächtet sind, kommen sie noch immer zum Einsatz. Nicht nur bei Anschlägen. Wer tut so etwas, und warum? Ein Gespräch mit Chemiewaffenexpertin Una Becker-Jakob.

          Frau Becker-Jakob, beim Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia wurde Nowitschok verwendet. Der chemische Kampfstoff wurde in der Sowjetunion entwickelt. Wer könnte heute über ihn verfügen?

          Einige Formeln sind mittlerweile veröffentlicht, so dass Nowitschok theoretisch unter bestimmten Voraussetzungen in anderen Staaten nachgebaut werden könnte. In jedem Fall bräuchte man dafür aber sehr gut ausgebildete Wissenschaftler und speziell ausgestattete Labore. Wenn wir über die Produktion von Nowitschok für den offensiven Einsatz reden, müsste auch noch die Motivation dazukommen, gegen das Chemiewaffenübereinkommen (CWÜ) zu verstoßen. Das alles stellt hohe Hürden für die Entwicklung und den Besitz von Nowitschok durch Staaten dar.

          Das klingt so, als ob eine Terrorgruppe oder eine kriminelle Vereinigung als Täter nicht infrage kommen?

          Nichtstaatliche Akteure dürften aus den genannten Gründen nicht in der Lage sein, Nowitschok selbständig herzustellen. Inwieweit es möglich wäre, dass Einzeltäter aus staatlichen Labors fertige Nowitschok-Portionen – so diese denn überhaupt existieren! – entwenden, ist so pauschal und hypothetisch kaum zu beurteilen. Auch hier stünden aber technische Hürden beim Handling im Wege.

          Was braucht man, diesen Stoff erfolgreich einzusetzen?

          Man muss mit dem anspruchsvollen Handling vertraut und in der Lage sein, sich selbst bei Herstellung, Transport und Ausbringung zu schützen und auch noch den Stoff sicher ans Ziel bringen. Dazu braucht man geeignete Geräte, Vorrichtungen und Munition. Auch Umwelt- und Witterungsbedingungen müssen berücksichtigt werden.

          Nochmal: Wer könnte das schaffen?

          Nur diejenigen, die die oben genannten Voraussetzungen erfüllen: Sie benötigen Knowhow, spezialisierte Ausrüstung und Infrastruktur sowie natürlich ganz grundlegend den Zugang zum Kampfstoff. Nicht zu vergessen ist auch hier eine entsprechende Motivation: Der Chemiewaffeneinsatz ist geächtet; die Akteure müssen also bereit und willens sein, einen entsprechenden Tabubruch zu begehen.

          Nowitschok ist nur ein chemischer Kampfstoff unter vielen. Wer besitzt diese Waffen heute überhaupt noch?

          Man geht davon aus, dass Nordkorea wohl über einsatzfähige Chemiewaffen verfügt, zumal sich das Land nie zu ihrer weltweiten Ächtung bekannt hat. Auch in Syrien sind offenbar noch Bestände vorhanden, auch wenn Syrien mittlerweile dem CWÜ beigetreten ist und sämtliche deklarierten Bestände abgerüstet hat.

          Es gibt also undeklarierte  Bestände und Anlagen?

          Offenbar ja. Verbrieft ist ein Sarin-Einsatz in Khan Scheikhoun, im Frühjahr 2017.

          Und Russland?

          Russland hat alle deklarierten Bestände 2017 abgerüstet, aber die Vereinigten Staaten haben Zweifel an der Vollständigkeit russischer Angaben geäußert. Ob es außerhalb der gemeldeten Bestände noch weitere gibt, die nicht nachweisbar vernichtet wurden, lässt sich von außen nicht beurteilen.

          Die Amerikaner haben selbst im Vietnamkrieg große Mengen chemischer Kampfstoffe eingesetzt. Wie weit sind sie ihren Abrüstungsverpflichtungen nachgekommen?

          Una Becker-Jakob arbeitet für die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Sie ist Ko-Organisatorin des Arbeitskreises „Abrüstung und Nichtverbreitung von biologischen und chemischen Waffen“.

          Die Vereinigten Staaten selbst haben noch nicht alle deklarierten Bestände vernichtet, aber die Vernichtung läuft, und die noch vorhandenen Reste stehen unter Aufsicht der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW).

          Seit ihrem Aufkommen im Ersten Weltkrieg haben Chemiewaffen die Hoffnungen der Militärs und Politiker nie erfüllt. Vielmehr erwiesen sie sich häufig als tödlicher Bumerang. Warum werden sie von manchen Staaten dennoch nach wie vor vorgehalten?

          Für Nordkorea dient sein Arsenal vermutlich der Abschreckung. In Syrien dürfte der Einsatz von Chemiewaffen vor allem der Terrorisierung der Zivilbevölkerung, der Abschreckung von Gegnern und der eigenen Machtdemonstration dienen.

          Welches Kalkül steckt dahinter?

          Der Nutzen, wenn man ihn so nennen will, besteht vor allem in der starken psychologischen Wirkung sowie in der hohen Opferzahl auch unter Zivilisten, falls das gewollt ist. Dem steht gegenüber, dass Produktion und Einsatz je nach Stoff schwierig und mit hohen Kosten verbunden sind (materiell und politisch). Dass mit Chemiewaffeneinsätzen nach wie vor – trotz fehlender harter internationaler Reaktionen – potentielle politische Kosten verknüpft werden, sieht man daran, dass kein Staat bisher einen Chemiewaffeneinsatz zugegeben oder als legitim verteidigt hat, auch Syrien und Russland nicht.

          Weltweit hat das Gros aller Staaten Chemiewaffen abgeschworen. Wie groß wäre der Aufwand, neue zu produzieren?

          Wenn wirklich vollständig abgerüstet wurde, würde es je nach Art der Chemiewaffen einigen Aufwand erfordern. Die Chemiewaffenvernichtung nach dem Chemiewaffenübereinkommen schließt auch die Produktionsanlagen ein. Es müsste also ein komplett neues Programm aufgebaut werden, ohne dass es jemand merkt – was in der heutigen Zeit  ungleich schwieriger wäre als zu den Zeiten, in denen die früheren Programme gestartet wurden. Die Produktion von Chemiewaffen schließt ja nicht nur die Herstellung der entsprechenden Chemikalien ein, sondern auch weitere Schritte wie Tests, die Anschaffung von geeigneten Ausbringungsmitteln, die Schaffung von Lagerungsmöglichkeiten, die Bevorratung von Schutzausrüstung und Gegenmitteln für die eigenen Truppen und so weiter. Das alles dürfte heute kaum unbemerkt zu bewerkstelligen sein.

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