04.11.2003 · Neben amerikanischen Soldaten geraten im Irak zunehmend auch Zivilisten, die mit der von Washington eingesetzten Übergangsverwaltung zusammenarbeiten, in die Schußlinie.
Die Guerilla-Kampagne gegen die alliierten Truppen in Irak hinterläßt ihre Spuren nicht nur bei den alliierten Soldaten. Die Angst wächst auch bei irakischen Bürgern, die direkt oder indirekt mit der von den Vereinigten Staaten eingesetzten Übergangsverwaltung zusammenarbeiten.
Die Furcht vor Vergeltung aus dem Hinterhalt greift um sich - sie hält bei Polizei, Angehörigen des Regierungsrates, unter Richtern und anderen Beamten Einzug. Auch Dolmetscher und Ladenbesitzer, selbst Wäschereien, die Uniformen reinigen, sind nicht davor sicher, als Amerika-freundlich attackiert zu werden. Wer nicht unmittelbar als „Verräter“ gilt, könnte trotzdem noch in die Kategorie der Gegner von Saddam Hussein geraten und müßte dann um Leib und Leben bangen.
Liste der Anschläge wird länger
So wurde am Montag in der Nähe von Nadschaf ein Richter ermordet, der eine Kommission für Ermittlungen gegen Funktionsträger der gestürzten Regierung mitgegründet hatte. Richter Muhan Dschabr el Schuaili wurde gemeinsam mit einem Staatsanwalt entführt. Unmittelbar vor der Hinrichtung teilten seine Mörder mit: „Saddam hat deine Verfolgung befohlen.“ Nur Stunden zuvor war der örtliche Stadtratspräsident nur knapp einem Attentat entkommen.
Auf den Vize-Gouverneur der Region Muaskar Saad nahe Baakuba nordöstlich von Bagdad hatten es die irakischen Widerständler ebenfalls abgesehen. Als am Montag neben dem Konvoi von Akil Hamed ein Sprengsatz detonierte, entkam der Lokalpolitiker nur mit Glück der Druckwelle, die ein entgegenkommender Lastwagen zufällig abschirmte. Dennoch starb ein Zivilist, 15 weitere wurden verletzt. Hamed weiß, daß er auf einer Todesliste steht - schon am 23. Oktober sei ein Attentat auf ihn gescheitert, sagt er.
Die Liste der Anschläge und Anschlagsversuche wird ständig länger. Der stellvertretende Bagdader Bürgermeister starb Ende Oktober in der Nähe seines Hauses. Zwei Wochen vorher kam der Gouverneur der Provinz Dijala unter ähnlichen Umständen nur knapp mit dem Leben davon. Schon Ende August wurde der prominente Schiitenführer Ajatollah Mohammed Bakr el Hakim von einer Autobombe in Nadschaf getötet, 82 weitere Menschen starben. Der angesehene Geistliche, gewiß kein Amerika-Freund, hatte einen bewaffneten Widerstand gegen die amerikanischen Truppen abgelehnt.
Anschläge vermeidbar
Wenngleich die amerikanischen Soldaten unmöglich jeden einzelnen örtlichen Amts- oder Würdenträger schützen können, halten mögliche Betroffene weitere Anschläge zumindest für vermeidbar. Muaffak el Rubai, ein Mitglied des Regierungsrats, der selbst schon bei einem Anschlag Verletzungen erlitt, beklagt sich bitter über die Untätigkeit der Koalitionstruppen. „Wir haben um gepanzerte Fahrzeuge, schußsichere Westen, Funkgeräte und andere Sicherheitsausstattung gebeten, aber nichts ist passiert“, sagt Muaffak el Rubai.
Schon vor dem tödlichen Attentat auf die Regierungsrätin Akila el Haschimi am 20. September seien bei den Koalitionstruppen entsprechende Anträge gestellt worden. Alaa el Tahan, ein weiteres Mitglied des Nachbarschaftsrats im Bagdader Stadtteil Karrada, will sich weder durch schriftliche noch durch mündliche Drohungen von seiner Arbeit abhalten lassen.
Doch vor dem Ratsgebäude stehen seit neuestem nur noch zwei statt vier Polizisten. „Zwei der Wachleute sind heute nicht mehr zur Arbeit gekommen, weil sie gehört haben, daß die Übergangsverwaltung ihr Monatsgehalt von 120 auf 60 Dollar halbiert hat“, erklärt einer der Polizisten. „Ich möchte ja gerne zur Sicherheit beitragen, aber Gehaltskürzungen sind nicht gerade die Motivation, die wir jetzt brauchen.“ Sein Kollege pflichtet bei: „Wir fühlen uns schon tot. Unseren Totenschein gibt es schon, es fehlt nur noch das Datum.“