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Anglikanische Kirche „Nazis gegen Heiden“

11.04.2007 ·  Die amerikanische Episkopalkirche entzweit sich über Homosexualität und weibliche Bischöfe. Im Internet beschimpfen sich Liberale und Konservative. Der Streit dreht sich um die weltanschauliche Ausrichtung der Kirche - und Hunderte von Millionen Dollar.

Von Matthias Rüb, Washington
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Alle Aufrufe zum Burgfrieden während der Fastenzeit vor der Karwoche waren umsonst. In Virginia, Colorado und anderen Bundesstaaten fechten verfeindete Gemeinden der amerikanischen Episkopalkirche Rechtsstreitigkeiten aus, in denen es um Liegenschaften und Kirchenbeiträge im Wert von Hunderten von Millionen Dollar geht.

Im Internet haben sich Blogger der beiden Fraktionen des amerikanischen Zweigs der Anglikanischen Weltkirche in einen weltanschaulichen Kampf verbissen, in dem die Konservativen von den Liberalen als Nazis und die Liberalen von den Konservativen als Heiden beschimpft werden. Während einige Bischöfe händeringend die Vertiefung des Risses aufzuhalten und die Einheit der Kirche zu bewahren suchen, kann anderen die Spaltung gar nicht rasch und tief und lautstark genug vonstatten gehen.

Die unaufhaltbare Dynamik des Streits

Der Dissens in der Episkopalkirche ist nicht neu, doch seit der Jahrestagung der Primasse, der Vorsitzenden Bischöfe der 38 Kirchenprovinzen der Anglikanischen Weltkirche, vom Februar in Tansania hat der Streit eine Dynamik bekommen, die nicht aufzuhalten scheint. Die Primasse stellten der Episkopalkirche ein Ultimatum, die konservativen Gemeinden des amerikanischen Zweigs der Anglikaner bis Ende September unter die Autorität der Primasse der Weltkirche zu stellen. Bei einem Treffen im texanischen Houston wiesen die amerikanischen Bischöfe die Forderung schroff zurück, weil damit die Prinzipien der Einheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Episkopalkirche verletzt würden.

Zwischen der konservativen Anglikanischen Weltkirche, die 77 Millionen Seelen zählt, und der liberalen amerikanischen Episkopalkirche mit 2,4 Millionen Mitgliedern schwelt seit Jahren ein theologischer und politischer Streit, der zuletzt wegen der Weihe des offen homosexuellen Priesters Gene Robinson zum Bischof von New Hampshire im Jahre 2003 eskalierte.

Ein Gegenbischof wird gefordert

Zudem wählten die Bischöfe der Episkopalkirche im Juni 2006 Katharine Jefferts Schori zum ersten weiblichen Oberhaupt (Primas) der Kirche, während 13 konservative Kirchenprovinzen der Anglikanischen Weltkirche etwa in Afrika die Priester- oder gar Bischofsweihe von Frauen ablehnen, geschweige denn die von Homosexuellen.

Mindestens sieben der 110 amerikanischen Diözesen verweigern Bischöfin Jefferts Schori die Anerkennung und fordern den Ehrenprimas der Anglikaner, Erzbischof Rowan Williams von Canterbury, zur Einsetzung eines amerikanischen Gegenbischofs auf. Mehrere Dutzend der insgesamt 7600 Gemeinden - die Angaben reichen von knapp 50 bis zu mehr als 100 - haben in den vergangenen Jahren die Episkopalkirche verlassen.

Kaum Aussicht auf Erfolg

Die abtrünnigen Gemeinden, die sich als Hüterinnen des wahren Glaubens der Episkopalkirche und der Anglikaner in aller Welt verstehen, wollen ihre oft jahrhundertealten Kirchen und sonstigen Liegenschaften behalten. Doch bei den anstehenden Gerichtsprozessen dürften sie nach bisheriger Rechtsprechung kaum Aussicht auf Erfolg haben.

Erzbischof Williams bezeichnete die Zurückweisung des Ultimatums der Anglikanischen Weltkirche durch die Episkopalkirche als „entmutigend“ und sprach von „großen Herausforderungen“ für die Anglikanische Kirche, die sich im 16. Jahrhundert vom Vatikan abgespalten hatte und heute - nach der Römisch-Katholischen und der Orthodoxen Kirche - die drittgrößte christliche Kirchengemeinschaft der Welt ist.

Millonenschwere Kirchenprovinz

Zwar gehört die amerikanische Episkopalkirche zu den kleinsten unter den Kirchenprovinzen der Anglikanischen Weltkirche, aber sie ist reich und unterstützt mit ihren Dollarmillionen die seelsorgerische, karitative und soziale Arbeit der viel größeren und zudem dynamisch wachsenden Kirchen in Afrika und auch in Asien. Die Überweisungen vom Hauptquartier der Episkopalkirche der Vereinigten Staaten in New York in Höhe von jährlich mindestens 18 Millionen Dollar machen ein gutes Drittel des operativen Jahresbudgets der Anglikanischen Weltkirche aus.

Hinzu kommen weitere Millionen, die direkt von den amerikanischen Diözesen zu deren Schwesterdiözesen in der Dritten Welt für deren Kirchen, Schulen, Krankenhäuser und Missionarsstationen fließen. Bisher hat allein die Ugandische Kirchenprovinz das Geld aus Amerika zurückgewiesen.

Begräbnisfeiern für verstorbene Präsidenten

Die Episkopalkirche hat in der politisch-gesellschaftlichen Geschichte der Vereinigten Staaten eine bedeutende Rolle gespielt, die sie freilich allmählich zu verlieren droht. Fast jeder vierte amerikanische Präsident gehörte der Episkopalkirche an. Die „National Cathedral“ in der Hauptstadt Washington, die als „Nationales Haus des Gebets“ allen Konfessionen offensteht und auch als Ort von Begräbnisfeiern für verstorbene Präsidenten dient, ist zugleich und zuvörderst der Sitz des Primas der Episkopalkirche und des Bischofs der Diözese Washington.

Doch die Episkopalkirche - wie auch die anderen traditionellen protestantischen Kirchen wie Unierte, Methodisten und Lutheraner - stagniert seit Jahren oder verliert gar Seelen, während in den Vereinigten Staaten die freikirchlichen Megakirchen sowie Pfingstler, Mormonen und selbst die Katholische Kirche wachsen. Auch die afrikanischen Diözesen der Anglikaner gewinnen an Zulauf, etwa die inzwischen 17 Millionen Seelen starke Anglikanische Kirche in Nigeria unter dem führenden konservativen Bischof Peter Akinola, der sich als geistlicher Hirte für die abtrünnigen Gemeinden und Diözesen der Episkopalkirche angeboten hat.

Antikolonialistischer Impuls aus Afrika und Asien

Das geistliche Gravitationszentrum des Anglikanismus hat sich im vergangenen halben Jahrhundert vom Norden in den Süden verlagert, was dem Aufbegehren der ärmeren und „schrifttreuen“ Kirchen in Afrika und Asien gegen die reiche und „aufgeklärte“ Episkopalkirche in Nordamerika einen antikolonialistischen Impuls verleiht.

Obwohl Ehrenprimas Williams, der anders als der Papst nicht über doktrinäre Autorität in der Anglikanischen Weltkirche verfügt, und auch Bischöfin Jefferts Schori nach dem Treffen von Tansania eine Zeit der Einkehr während der Fastenzeit vor Ostern forderten, eskaliert der Streit innerhalb der Episkopalkirche weiter. Ende März verließ die „Grace Church St. Stephens“ in Colorado Springs, die größte anglikanische Gemeinde im Bundesstaat Colorado, die Episkopalkirche und schloss sich - wie die meisten abtrünnigen Gemeinden in anderen Bundesstaaten - der vom nigerianischen Erzbischof Akinola gegründeten und geführten Missionsdiözese „Versammlung der Anglikaner Nordamerikas“ an.

Wie im Bundesstaat Virginia, wo einige der ältesten und größten Gemeinden sich seit Jahresbeginn von der Episkopalkirche getrennt und Bischof Akinola angeschlossen haben, werden Gerichte den Streit ums Geld und um Immobilien in bester Stadtlage zu regeln haben.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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