21.05.2009 · Die Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach auf dem Evangelischen Kirchentag über die doppelte Vergangenheit Deutschlands. Sie mahnte eine Entkrampfung der Debatte über den Unrechtscharakter der DDR an.
Von Reinhard Bingener, BremenSüß sind die Früchte der Widerwärtigkeit, zitiert Angela Merkels Gesprächspartner auf dem Evangelischen Kirchentag Shakespeare. Die Qualität der Frucht hängt ab vom Baum, der diese trägt - das gelte auch für die vermeintlichen Segnungen des Sozialismus, sagt der Historiker Timothy Garton Ash aus Oxford.
Die Kanzlerin selbst antwortet auf die Frage, was von der DDR in das vereinte Deutschland eingeflossen sei, nur knapp: „Die Menschen.“ Ampelmännchen, Ärztezentren und Kitas - „ich warne davor so zu tun, als ob der Kindergarten im Osten dasselbe wie ein Kindergarten im Westen gewesen sei“, sagt Frau Merkel. „Kinder, heute zeichnen wir einen Soldaten“, habe es am 1. Mai in der DDR geheißen.
Kinder seien die Fernsehgewohnheiten ihrer Familie abgelauscht worden. „Ich finde es traurig, dass es so gleichgesetzt wird“, sagt Frau Merkel. „Dann heißt es: Aber die Straßenverkehrsordnung war doch in Ordnung in der DDR? Natürlich war sie das“, sagt die Kanzlerin. Auch der Weihnachtsbaum sei im Osten genauso schön wie im Westen gewesen - „aber wenn ich zehn Minuten vor einer Schulklasse hätte, würde ich schon über das System sprechen“. Man solle dabei nur nicht meinen, menschliches Leben sei nur Staat. „Es ist viel mehr als Staat - Gott sei Dank.“
Export der Demokratie
Eine Entkrampfung der Debatte über den Unrechtscharakter der DDR mahnt Angela Merkel an. „Und wen es nicht interessiert, der muss nicht darüber sprechen.“ Einen Mangel an Aufarbeitung will auch Garton Ash in Deutschland nicht ausmachen. Deutschland „ist ein sehr gutes Land, als System eines der besten überhaupt“. Der Historiker, als „Alexander von Humboldt des Ostens“ eingeführt, der seinen Blick bereits auf Mittel- und Osteuropa gewendet habe, als alle noch nach Westen blickten, lobt den Umgang Deutschlands mit seiner schwierigen Geschichte als exzeptionell. „Vielleicht hat sich Deutschland auch auf eine besonders protestantische Weise mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt“, sagt Ash.
Die tausenden Kirchentagsbesucher, die in die größte Halle Bremens gekommen sind, wollen das Thema des Podiums „Menschenwürde und Demokratie“ nicht auf die Vergangenheitsbewältigung beschränkt sehen. Ihr Interesse gilt den künftigen Herausforderungen. Auf Zetteln können sie ihre Fragen einreichen. Ein Besucher erhebt sich von seinem Kirchentagshocker, verlässt das bewährte Schriftprinzip und setzt voll auf die Kraft des Wortes: „Ich will einen Milchgipfel“ ruft er. „Pass auf, ich lad Sie ein, nachher fahr ich zu einem Bauernhof“, besänftigt die Kanzlerin und widmet sich wieder den welthistorischen Maßstäben - dem Export der Demokratie.
Gedanke an die Sendung eines Landes
Sie wirbt für Verständnis dafür, dass Demokratie zumeist nicht von jetzt auf gleich eingeführt werden kann, etwa in Russland. Jahrhunderte hätten dort breite Schichten Eigentum nicht gekannt, eine zentralistische Tradition habe nicht zugelassen, dass die für eine Demokratie notwendige Zivilgesellschaft entstehe. „Wir müssen Ländern auch Spielraum geben“, fordert Merkel. „Es ist leicht, ein Aquarium in eine Fischsuppe zu verwandeln - viel schwerer ist es, aus einer Fischsuppe ein Aquarium zu machen“, sagt Garton Ash.
Frau Merkel weiß, dass es in Polen Angst auslöst, wenn ein deutscher Kanzler um Verständnis für Russland wirbt. Die Angst der Polen, Deutschland und Russland könnten wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen, nehme sie ernst, sagt sie. Dem Ruf Garton Ashs, Deutschland möchte das „Ausnahmeland“ im Zurückstellen eigener Interessen bleiben, das es nach 1945 geworden sei, will die Kanzlerin aber nicht folgen. „Sobald Deutschland Pflichten übernimmt, wird es auch ein komplizierterer Partner.“ Der Gedanke an eine Sendung eines Landes, und sei sie noch so hehr, ist der Protestantin Merkel sichtlich ebenso fremd wie es ihr das ostentative Bekenntnis in den Dingen der Religion ist.
Mensch, wo bist Du?
Volker Rockel (audio001)
- 22.05.2009, 10:36 Uhr
Eine Blinde beschreibt die DDR
Hans-Joachim Müller (Hans0488)
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@hans joachim müller
Helmut Teichmann (teichh1)
- 24.05.2009, 19:39 Uhr