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Andrea Nahles Die Zukünftige

21.06.2008 ·  Sie hat manche Trümpfe in der Hand: Andrea Nahles ist nicht nur die Vorzeige-Linke der Partei, sondern auch die Vorzeige-Junge. Wenn Beck und Steinmeier die Bundestagswahl vergeigen, wird Nahles mit Wowereit die SPD übernehmen. Sie darf jetzt nur keine Fehler machen.

Von Markus Wehner
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Sie darf jetzt nicht überziehen. Alles, was sie sagt, kann gegen sie verwendet werden. Deshalb ist Andrea Nahles mal abgetaucht, hat alle Interviews abgesagt. Denn die medialen Nahles-Festspiele sind auch eine Gefahr für sie. Dass sie zur heimlichen Vorsitzenden, zur kommenden SPD-Chefin hochgeschrieben wurde, das weckt Misstrauen und Widerstand.

Und selbst die Witze von Genossen: „Andrea, du wirst ja jetzt Kanzlerkandidatin!“, findet sie nicht lustig, wenn ein Journalist in der Nähe ist. Dass die Meinungsforscher von Forsa ermittelt haben, dass mehr als ein Viertel der Deutschen sie sich als SPD-Vorsitzende vorstellen kann, hält sie für ein durchsichtiges Spiel, um ihr zu schaden. „Im Moment fliegen Bleikugeln durch die Luft“, sagt sie. Showdown in der SPD.

Die Vorzeige-Linke der Partei

Wie gereizt ihre Gegner auf sie reagieren, hat das vergangene Wochenende gezeigt. Nahles hatte die SPD zum Ende des Schuljahres als „versetzungsgefährdet“ bezeichnet - eine zutreffende, aber wenig hilfreiche Bewertung für eine Partei, die endlich ein wenig Ruhe haben will. Zudem hatte sie sich Kurt Beck als Kanzler gewünscht. In einer Situation, in der sich die Sozialdemokratie gerade einigt, dass es mit Beck als Kandidaten nicht geht, wurde die Bemerkung als Häme empfunden. Dass der SPD-Chef sie dafür gerüffelt habe, das sei erlogen, sagt sie. Denn just an jenem Wochenende sei sie mit ihm einträchtig im heimischen Wahlkreis unterwegs gewesen, habe Feste besucht, Weinköniginnen geküsst.

Wer so böse Feinde hat, muss ganz schön mächtig sein. Andrea Nahles, die vor zwei Tagen 38 Jahre alt geworden ist, hat manche Trümpfe in der Hand: Sie ist nicht nur die Vorzeige-Linke der Partei, sondern sie ist auch die Vorzeige-Junge. Und sie ist die Vorzeige-Frau der Bundes-SPD, weil Heide Simonis oder Heidemarie Wieczorek-Zeul nicht mehr da sind oder am Karriereende stehen und andere junge Partei-Hoffnungen wie Ute Vogt „verbrannt“ sind.

Da ging es rauh zu - eine gute Schule

Der Aufstieg der Andrea Nahles zur Politikerin begann als Juso-Vorsitzende. Auf dem Kongress, auf dem sie 1995 gewählt wurde, hatte sie ursprünglich wohl 15 von 300 Delegierten hinter sich. Aber weil die ganz linken Linken und die weniger linken Linken sich nicht einigen konnten, kam die unabhängige Kandidatin zum Zug. Die ganz linken Linken wählten sie, weil sie den Gewerkschaften nahestand. Als Juso-Vorsitzende schaffte sie es, den zur Bedeutungslosigkeit verkommenen Nachwuchs-Verband aufzumöbeln, indem sie die rituellen Flügelkämpfe unterband und auf straffe Führung setzte. Da ging es rauh zu - eine gute Schule.

Mit den alten Jusos der 68er-Ära, die autoritären und libertären Sozialismuskonzepten nacheiferten, hatte Andrea Nahles nichts mehr am Hut. Und auch mit der folgenden Kohorte der Jungsozialisten, die von Friedens-, Öko- und Frauenbewegung geprägt waren, konnte sie wenig anfangen. Die Grünen waren für sie von jeher eine bürgerliche Gruppierung - Spontis, mit denen keine wirklich linke Politik zu machen war.

Direkt in und nach dem Studium in die Politik

Mit Nahles begann die Ära der gewerkschaftlich orientierten Jusos. Und zugleich die Zeit der jungen Berufspolitiker in der SPD, die direkt in und nach dem Studium, ohne etwas anderes gemacht zu haben, in die Politik einstiegen. Jusos, Hochschule, Gewerkschaft, Parteiapparat, Bundestag - das ist die enge Erfahrungswelt dieser Kohorte. Die Nachfolger von Andrea Nahles als Juso-Vorsitzende sind in dieser Hinsicht ihre Klone.

Benjamin Mikfeld, 35, ist Sozialwissenschaftler und heute Leiter der Abteilung Planung und Kommunikation im Willy-Brandt-Haus; Niels Annen, 35, Bundestagsabgeordneter aus Hamburg, hat gerade nach 14 Jahren sein Studium abgebrochen; Björn Böhning, 30, Linken-Sprecher, hat nach dem Politikstudium einen Job bei Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit als Leiter für politische Planung übernommen. Es ist die Kerntruppe des Netzwerks von Andrea Nahles, Leute, die Politik als ihren Beruf verstanden haben, seit sie Mitte zwanzig gewesen sind.

Das Tor zur Linkspartei weit aufstoßen

Natürlich ist das Phänomen des erfahrungsarmen Nur-Politikers nicht auf die SPD beschränkt. Doch bei den Sozialdemokraten sind die Jungen, die allein in Partei und Gewerkschaft sozialisiert sind, besonders schnell nach oben gekommen. Sie denken, wie Nahles, nicht in gesellschaftlichen, sondern in linken Mehrheiten. Sie machen Politik für „die da unten“, aber nicht für die vielen, die man als linke Mitte bezeichnen könnte.

Deswegen will Andrea Nahles das Tor zur Linkspartei weit aufstoßen. Sie pflegt regen Austausch mit Abgeordneten der „Linken“, wie Werner Dreibus, Bodo Ramelow oder Dietmar Bartsch. Sie knüpft Gesprächsfäden und zieht an ihnen. Nahles ist immer „im Film“, bestreicht ihre Vertrauten mit SMS, wie es sonst nur die Kanzlerin tut, erspürt die Stimmung der Funktionärs-SPD. Das kann sie wie kaum eine andere, besser als alle Strucks, Steinmeiers, Steinbrücks und Becks. Doch das Gefühl für das große Ganze, für die Reichweite ihrer Entscheidungen fehlt ihr. So war es zuletzt bei ihrem Votum für die Präsidentschaftskandidatur von Gesine Schwan. Das entsprach zwar der Stimmung der SPD-Funktionäre, doch der Partei wird die Kandidatur kaum weiterhelfen.

„Ich bin ein Dorfmensch“

Eine bornierte Ideologin, eine verkniffene Funktionärin ist Nahles indes nicht. Sie ist impulsiv, selbstironisch, frech, herzlich. Sie stammt aus einem Eifeldorf, wo sie den Hof ihrer Urgroßeltern besitzt, die katholische Dorfkirche besucht, in der ihr Vater den Kirchenchor leitet. Sonntags reitet sie den schwarzen Friesen, den sie im Nachbardorf erworben hat. „Ich bin ein Dorfmensch“, kokettiert sie mit dieser Heimatverbundenheit. Doch als sie 2002 aus dem Bundestag flog, weil ihr der rheinland-pfälzische SPD-Vorsitzende Kurt Beck keinen besseren Listenplatz beschafft hatte, ging sie nicht ins Dorf, sondern kroch als Referentin bei der IG Metall unter, wo ehemalige Juso-Vorsitzende sitzen und ihr einstiger langjähriger Lebensgefährte zu Hause war.

Dass sie mit diesem schmalspurigen Lebenslauf in die SPD-Spitze vorgestoßen ist, könnte sich als tragisch erweisen - für Andrea Nahles und für die SPD. Denn eine Nahles-SPD wäre nur die achte Einzelgewerkschaft im DGB-Verbund. Ob sie erfolgreicher wäre als die Linke von Oskar Lafontaine, der das aufmüpfige Mädchen aus der Eifel einst förderte und das heute als Fehler bezeichnet, ist fraglich.

Andrea Nahles kann sich zurücklehnen

Für den konservativen SPD-Chef Beck ist Andrea Nahles heute die größte Stütze. Ihr Verhältnis zu ihm, das von ihren Vertrauten als vertraut beschrieben wird, ist in Wirklichkeit zweckmäßig. Die SPD-Linke stützt Beck, weil er ihren Forderungen nachgibt, weil sie den Einfluss der Parteirechten schmälern und Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidaten verhindern will.

Nahles legt allerdings Wert darauf, dass sie ihr Amt als Linken-Sprecherin aufgegeben hat, dass sie nun ins Zentrum der Partei rücke. Die Linken-Führerin will sie offiziell nicht mehr sein. Das ist der Taktik geschuldet. Die lautet: Die Linke in der SPD macht heute gar keine linke Politik mehr, sie steht vielmehr in der Mitte der Partei. Die knallharten Ideologen, die Abweichler, sind vielmehr die, die von der Agenda 2010 nicht lassen wollten.

Das alles wäre nicht schlimm, wenn Andrea Nahles nur eine von vielen in der Parteiführung wäre. In einer gesunden SPD, die immer verschiedene Strömungen vereinigen muss, wäre sie die gewinnbringende Flügelfrau. Doch in einer von Personalverlusten ausgezehrten Volkspartei, in der es keinen starken Chef und keinen klaren Kanzlerkandidaten gibt, ist die Lage anders. Wenn Kurt Beck und der voraussichtliche Kanzlerkandidat Steinmeier die kommende Bundestagswahl vergeigen sollten, dann werden Klaus Wowereit und Andrea Nahles die SPD übernehmen. Niemand wird sie daran hindern können. Andrea Nahles kann sich zurücklehnen. Sie hat Zeit. Sie darf jetzt nur keine Fehler machen.

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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