22.04.2007 · Der Amoklauf von Blacksburg erzählt auch eine Geschichte über das Internet. Es liefert längst nicht nur Informationen, sondern vor allem Emotionen. Junge Leute versuchen hier, ihre Trauer zu verarbeiten - und nutzen dazu soziale Netzwerke.
Von Oliver Trenkamp„Sind wir die Nächsten?“, fragt sich der 21 Jahre alte Student Mark Poblete von der Pennsylvania State University. Er sitzt in seinem Wohnheimzimmer vor dem Computer. Sechs Autostunden von ihm entfernt, in Blacksburg, Virginia, ist gerade ein Unbekannter über den Campus der örtlichen Uni gelaufen und hat um sich geschossen. Das hat Poblete auf der CNN-Internetseite gelesen.
Er spricht ein Gebet für die Opfer, deren Zahl er noch nicht kennt, dann beginnt er mit der Arbeit: Zuerst sammelt er Informationen. Er steuert andere Nachrichtenportale im Netz an, bekommt E-Mails von Freunden, die über die „breaking news“ schreiben. In einem Bericht der Nachrichtenagentur AP heißt es, ein Mensch sei tödlich getroffen. Mark Poblete recherchiert weiter.
Nach zwei Stunden schon drei Wikipedia-Autoren
Der Amoklauf von Blacksburg vom vergangenen Montag erzählt auch eine Geschichte über das Internet - über dessen Geschwindigkeit, dessen Wirkung, dessen Segen und dessen Auswüchse. Er zeigt, wie sich das Netz verwandelt hat von einer Informationsmaschine zum Emotionsmedium, in dem sich jeder mitteilt.
Wie der Amoklauf von Blacksburg im Internet verarbeitet wird: Digitales Beten, Trauern, Fluchen
Mark Poblete weiß nach ein paar Klicks und Meldungen genug, um seine Informationen weiterzugeben. Er ruft die Website der Online-Enzyklopädie Wikipedia auf. Hier darf jeder alles zu jedem Thema schreiben. Einen Artikel zu der Schießerei gibt es schon. Da steht das, was Mark Poblete schon weiß. Nur eine Kleinigkeit fehlt: „und am folgenden Tag“, fügt er ein, denn der Unterricht an der „Virginia Tech“ soll für zwei Tage ausgesetzt werden. Es ist 11.37 Uhr Ortszeit, die Schießerei liegt noch keine zwei Stunden zurück, der Bericht der Nachrichtenagentur ist gerade eine halbe Stunde alt. Und vor Mark Poblete haben schon drei andere Autoren an dem Wikipedia-Eintrag gearbeitet.
Aus „Schießerei“ wurde „Massaker“
Längst ist bekannt, wie schnell das Internet ist. Neu ist, wie viele mitmachen beim „Web 2.0“, zu dessen eifrigsten Nutzern Studenten wie Mark Poblete zählen, und was sie alles von sich preisgeben. Sie schreiben Online-Tagebücher, Weblogs, tauschen Videos auf der Plattform „YouTube“ und treffen sich in Foren. In sozialen Netzwerken wie „Facebook“ und „MySpace“ legen sie mit wenigen Klicks eigene Profile an, laden ein Foto von sich hoch und suchen nach Freunden und Kommilitonen.
Sie sprechen im Netz über ihre Beziehung, den laufenden Mathe-Kurs oder den nächsten Urlaub - normalerweise. In der vergangenen Woche aber drehte sich ein Großteil der digitalen Kommunikation um den Amoklauf, um den Täter und die 32 Opfer (siehe Fotos). Online wird getrauert, gebetet, geflucht.
Nach der Tat verhielt sich ein Großteil der Netzgemeinde wie Mark Poblete - zuerst Informationen sammeln, dann selbst veröffentlichen. Der Artikel, an dem Poblete mitgeschrieben hatte, wurde umbenannt: Aus der „Schießerei“ wurde ein „Massaker“ und der Text laut Wikipedia-Betreiber mehr als 1,3 Millionen Mal abgerufen. Er sprang auf Platz eins der meistgelesenen Artikel des Monats - innerhalb von drei Tagen. Die Woche über ergänzten zahlreiche Autoren den Beitrag fast im Minutentakt.
Mörder hängt Paris Hilton ab
Als die Behörden den Namen des Amokläufers bekanntgaben, avancierte dieser innerhalb kürzester Zeit zur weltweiten Web-Berühmtheit. Vor seinem Amoklauf hatte er kaum Spuren im Netz hinterlassen. Jetzt findet „Google“ über drei Millionen Seiten zu seinem Namen, bei der Blog-Suchmaschine „Technorati“ tippten die Benutzer seinen Namen häufiger ein als den von Paris Hilton, der bisherigen Spitzenreiterin.
Zum Ende der Woche lag er wieder auf Platz drei. Auf den ersten beiden Plätzen standen Suchworte, die ebenfalls mit dem Amoklauf zu tun haben: „Virginia Tech“ und „Ismail Ax“. Letzteres sollen die Worte sein, die sich der Mörder auf den Unterarm hat tätowieren lassen.
Binnen Stunden waren auch zahlreiche neue Internet-Adressen registriert, die sich auf den Amokläufer beziehen. Eine konnte sich die TU Virginia sichern. Dort ist jetzt eine Sonderseite zum Amoklauf zu finden. So kann niemand damit Geschäfte machen. Denn Domains können zur wertvollen Ware werden. Es kostet sechs bis zwölf Euro pro Jahr, sie zu registrieren, der Verkaufswert für eine gute Domain kann in die Tausende gehen.
Ein Profil für den Amokläufer
Der Webdesigner Richard Rein aus Thüringen betreibt eine Ein-Mann-Agentur. Er hat sich einen Tag nach dem Amoklauf und wenige Stunden nach Bekanntgabe des Täters zwei deutsche Adressen registrieren lassen, sie enden mit „.de“. Er sagt: „Ich will damit kein Geld verdienen, ich wollte den Geschäftemachern zuvorkommen.“ Deshalb habe er nur eine Weiterleitung zur TU Virginia und einen Trauer-Film auf die Seite gestellt. „Ich arbeite noch an einem Online-Kondolenzbuch“, sagt Rein. Andere Besitzer von Seiten über den Mörder bieten ihre Domains zum Kauf an.
Der Amokläufer wurde zur meistbeschimpften Person im Netz. Ein Video mit rassistischem Inhalt kursiert bei „YouTube“, darin wird behauptet, dass Amokläufer häufig asiatischer Abstammung seien. In den Netzwerken wie „Facebook“ und „MySpace“ tauchten gefälschte Profile des Täters auf, in denen er postum angefeindet wird. Sogar im deutschen Studenten-Netzwerk „StudiVZ“ legte zwei Tage nach dem Amoklauf jemand ein Profil unter dem Namen des Mörders an, einziger Eintrag von einem anderen Studenten: „Du Spacken“. Mittlerweile ist er gelöscht.
Trauerforum im „StudiVZ“
Diese Netzwerke, ein zentraler Teil des interaktiven „Web 2.0“, waren aber vor allem Orte des Trauerns und Betens. In den Profilen der Opfer häufen sich Beileidsbekundungen, Hunderte Kondolenzforen gibt es mit Tausenden Benutzern. Zum Markenzeichen des Gedenkens ist eine schwarze Schleife geworden, vor der in großen Lettern „VT“ prangt, für „Virginia Tech“. Viele haben ihr Foto gegen dieses Logo getauscht, um ihr Mitgefühl auszudrücken. Offenbar hilft das Internet jungen Leuten, das Geschehene zu verarbeiten.
Die 18 Jahre alte Anna Wambach studiert Politikwissenschaft an der TU Darmstadt, einer Partneruniversität von Blacksburg. Sie hat ein Trauerforum im „StudiVZ“ eröffnet, das Ende der Woche 172 Mitglieder hatte. „Es sind meistens Leute mit Auslandserfahrung“, sagt sie, „Leute, die jemanden in den Vereinigten Staaten kennen.“ Sie hat bis vor zwei Jahren in Amerika gelebt: „Das hätte überall passieren können.“
Das Internet erklärte den Falschen für schuldig
Die digitale Trauer birgt die Gefahr neuer Tragödien: Angehörige etwa könnten erst aus dem Netz erfahren, dass ihre Tochter oder ihr Sohn gestorben ist. „Hat jemand von Euch Informationen über Reema Samaha?“, fragte eine Studentin aus Blacksburg am Tag des Massakers. Die Antwort kam wenige Stunden später: „Ich habe gerade eine E-Mail bekommen, dass sie tot ist.“ Offiziell wurde der Tod der Studentin Samaha erst später bestätigt, Eltern oder Freunde hätten die tragische Nachricht also per Mail bekommen können.
Außer dem Schützen brachte das Internet noch andere Kurzzeit-Prominente hervor. Ein asiatischer Student und Gewehrliebhaber aus Blacksburg, der ein Foto von sich und seiner Waffensammlung ins Netz gestellt hatte, wurde vorübergehend der Tat verdächtigt. Er bekam Morddrohungen und Hass-Mails. „Das Internet hat entschieden, dass ich schuldig bin“, sagte er laut Medienberichten. Auch der Student Jamal Albarghouti, der den Polizei-Einsatz in Blacksburg mit seinem Mobiltelefon filmte, erhielt einige Stunden lang viel Aufmerksamkeit.
Bekenntnis über den klassischen Postweg
Auf den ruckeligen Bildern sind ein paar Polizisten zu sehen, ein Parkplatz, ein weißer Kleinlaster, sonst nicht viel. Doch es sind Schüsse zu hören, 27 insgesamt. Bei „YouTube“ wurde der Film Millionen Mal angeklickt. Auch alle Nachrichtensender zeigten die Bilder und interviewten den Spontan-Dokumentarfilmer. Es folgten Hunderte weitere Videos: Zusammenschnitte, Pressekonferenzen, Videos über die Opfer und über den Täter. Auch Obskures war dabei und Geschmackloses.
Ein YouTube-Nutzer unterlegte die Bilder aus Blacksburg mit Tönen aus Ballerspielen. „Prepare to fight“ hört man zu Beginn des Films, später sagt eine Stimme: „Head shot“ und „Monster Kill!“. Viele Nutzer reagierten empört: „Verdammter Idiot“, gehörte zu den harmloseren Kommentaren.
Während Aufregung und Anteilnahme durch das Netz rasten, war ein Paket des Täters gemächlich unterwegs zum Fernsehsender NBC. Er hatte es während seines Amoklaufs zur Post gebracht, darin: eine DVD mit Filmaufnahmen von ihm, ein paar Fotos, auf denen er Pistolen in die Kamera hält, und hasserfüllte Texte. All das veröffentlichte er nicht im Internet - er suchte sich einen renommierten Sender aus und wählte den klassischen Postweg. Offenbar wollte der Massenmörder sichergehen, dass sein „Multimedia-Manifest“ nicht in den Weiten des Netzes verklingt. Und dass jeder seinen Namen kennt - nicht die seiner Opfer.