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Amokläufer Tim K. Der Unauffällige

Einen Tag nach dem Blutbad von Winnenden wird immer mehr bekannt über den Amokläufer Tim K., der 15 Menschen tötete. Das einzige Auffällige an ihm sei gewesen, dass er gezeigt habe, viel Geld zu haben. Es gibt Hinweise, dass er gemobbt wurde und sich seine Freundin vor kurzem von ihm getrennt hat.

© dpa Vergrößern „Warum tickt der nur so aus?”

Er habe doch keinen Grund gehabt, sagen die beiden Mädchen, die während des Amoklaufs von Tim K. in Winnenden vier Stunden in ihrem Klassenzimmer unter den Tischen hockend zugebracht haben. Er habe doch alles gehabt, sagen sie. „Er hatte seinen Abschluss, viel Geld. Alles, was man im Leben gerne hätte.“ Sie hätten ihn zwar nicht gut gekannt, aber ab und zu auf dem Schulhof gesehen. Er sei nicht weiter aufgefallen.

„Nicht aufgefallen“: das hört man nach dem Amoklauf des 17 Jahre alte Tim K. immer wieder. 2008 hatte er seine Mittlere Reife an der Albertville-Realschule abgelegt. Nicht wirklich gut sei er in der Schule gewesen, sagen Schüler der Realschule, „eben unauffällig“. Einer, der immer in den hinteren Reihen gesessen habe.

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Der Vater ein Patriarch?

Das einzige Auffällige an ihm: Er habe gezeigt, dass er Geld habe. Tim K. stammte aus Weiler zum Stein, zwölf Kilometer von der Realschule entfernt. Die Familie K. lebt in einem schmucken weißen Einfamilienhaus. Tims Vater ist Geschäftsführer einer Firma für Lohnverpackungen, Montage- und Nacharbeiten in Affalterbach. Als Patriarch wird er beschrieben. Ein Patriarch, der im Schützenverein war, 16 Waffen in seinem Haus hatte, darunter die Beretta, mit der sein Sohn in die Realschule ging.

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© reuters Vergrößern Video: Trauergottesdienst nach Amoklauf

Die Eltern des 17 Jahre alten Amokläufers von Winnenden haben ihren Wohnort zunächst verlassen. „Auf eigene Initiative“, sagte Polizeisprecher Klaus Hinderer. Der Ort ihres Verbleibs werde nicht bekanntgegeben. Sie wollten in Ruhe gelassen werden. „Sie werden nicht von der Polizei geschützt.“ Das Haus der Eltern liegt in einer Sackgasse in Leutenbach rund 25 Kilometer nordöstlich von Stuttgart.

Gegen Tims Vater wird wegen Verstoßes gegen das Waffenrecht ermittelt. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte sein Sohn die Tatwaffe aus dem Schlafzimmer der Eltern entwendet. Alle anderen Waffen des Vaters lagen sicher in einem Tresor. „Es deutet alles darauf hin, dass der Vater hier nachlässig war, was das Verwahren dieser einen Waffe anbelangt“, sagte der Polizeisprecher.

„Der hatte ja keine Freunde“

Tim K. spielte in seiner Freizeit Tischtennis. In Erdmannhausen spielte er mit der ersten Herrenmannschaft in der Oberliga, zuletzt spielte er beim TV Öffingen. Einer seiner Trainer sagte einem Fernsehsender: „Tischtennis, was anderes hat er nicht im Kopf gehabt … .Er war ein bisschen abgehoben, weil er besser war als die anderen. Aber auch nicht so, dass man dachte, der ist jetzt `n Superstar.“ Vier Tage in der Woche soll Tim K. Tischtennis gespielt haben. Bei der letzten Bezirksmeisterschaft wurde er Dritter.

In dem Schützenverein seines Vaters soll er nicht geschossen haben. Nach der Realschule ging Tim K. auf ein Berufskolleg in Waiblingen. „Seine Klasse war drei Zimmer von meiner entfernt“, sagt ein Junge am Abend nach der Tat. „Einen Tag vorher war er noch in der Schule, ganz normal.“ Er habe mal mit Tim K. gepokert, ansonsten aber wenig mit ihm zu tun gehabt. „Der hatte ja keine Freunde. Aber beim Pokern hat er uns alle durchschaut, echt.“ Er wisse einfach nicht, warum Tim K. so etwas gemacht habe. „Warum tickt der nur so aus?“

Über die Gründe kann bislang nur spekuliert werden. Tim K. hat seine Tat nicht angekündigt, kein Video auf Youtube gestellt, wie manch ein Amokläufer vor ihm. Nachbarsjungen berichten, Tim K. habe seit Jahren Softairwaffen besessen und aus Spaß auf sie geschossen. Er soll Horrorfilme geschaut haben. Und der Junge aus seiner Schule sagt, er habe wie ein Süchtiger Counterstrike gespielt.

Die Polizei hat bestätigt, dass sich das Spiel auf dem Computer von Tim K. befunden hat. Es gebe „erste Ansatzpunkte für ein Motiv“, sagte der Waiblinger Polizeichef Ralf Michelfelder am Donnerstagmorgen (Siehe auch: Amoklauf von Winnenden: „Erste Ansatzpunkte für ein Motiv“) „Was bringt das, am Bildschirm Leute abzuknallen“, fragt sein Schulkamerad. Nach kurzen Schweigen gesteht der Junge ein, er spiele ja auch ab und zu das Ballerspiel.

Rache für eine Trennung?

Weiter wird spekuliert, dass sich Tim K. bis vor kurzem eine Freundin gehabt habe. Es sei zu einer Trennung gekommen. Auffällig ist für Ermittler, dass Tim K. fast nur Mädchen und Frauen in der Schule erschossen hat: sieben Schülerinnen und drei Lehrerinnen. Tim K. habe seine Opfer vor allem durch Schüsse in den Kopf getötet, dass heißt, er habe nicht wahllos um sich geschossen. „Rache“, sagen Jugendliche vor der Schule, während sie Kerzen anzünden. Deshalb sei Tim K. auch in die Klasse 10 D gegangen. „Er war ja selbst in der 10 D.“ Aber Rache wofür? Achselzucken.

Einen Tag nach dem Amoklauf gibt es Hinweise darauf, dass Tim K. von seinen Mitschülern gemobbt worden sein soll. Er habe in einen Brief an seine Eltern geschrieben, dass er leide. Die Polizei konnte diese Gerüchte bislang nicht bestätigen.

Anne (Name geändert) ist eine Schülerin der 10 D. Sie sprang aus dem dritten Stock, um Tim K. zu entkommen. Tim K. sei in den Raum gekommen, sagt sie, habe kein Wort gesprochen und sofort geschossen. „Wahllos.“ Er sei wieder raus, zweimal wiedergekommen. Beim dritten Mal habe er gesagt: „Warum seid ihr denn noch immer nicht tot?“

Quelle: FAZ.NET

 
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