04.11.2004 · Nicht alle Demokraten sind bereit, ihre Niederlage zu analysieren und nicht alle sind bereit so weiter zu machen wie bisher. Eine in doppelter Hinsicht beunruhigende Tendenz gibt Anstoß zum Umdenken.
Von Matthias Rüb, WashingtonDie Ursachensuche bei den Verlierern beginnt nur zögerlich, vor allem herrscht Uneinigkeit darüber, wie tief man bohren soll. Nancy Pelosi, Minderheitsführerin der Demokraten im Repräsentantenhaus, will jetzt bloß „keine Seelensuche“ betreiben, sondern an der Agenda festhalten, „das amerikanische Volk zu erziehen, damit es die Unterschiede zwischen Demokraten und Republikanern besser erkennt“.
Denn daran, was die „Seele der Demokratischen Partei“ sei, könne es keinen Zweifel geben: „Es geht um Wohlstand und Gemeinschaft, um Gelegenheiten und Fairness. Und es geht um Verantwortlichkeit und um den Schutz unseres Landes.“ Wahrscheinlich würde Frau Pelosi bei der Eignungsprüfung für den Posten eines führenden Schulrates mit Einlassungen wie diesen eine Belobigung bekommen.
Beunruhigende Tendenz für die Demokraten
Doch gibt es bei den Demokraten durchaus andere Politiker von Gewicht, die gerade nicht so weitermachen wollen wie bisher - schließlich waren die Wahlen vom Dienstag nach den Präsidentenwahlen von 2000 und den Kongreßwahlen 2002 die dritten in Folge, bei denen die Demokraten den Sieg vor Augen glaubten und sich hernach als immer weiter abgeschlagene Verlierer sahen. Senator Christopher Dodd (Connecticut) sprach denn auch am Mittwoch von einer „entscheidenden Niederlage“ und konstatierte die alarmierende Tatsache, daß die Republikaner „gerade in jenen Gebieten gewinnen, die historisch Gebiete der Demokraten waren“.
Diese Tendenz muß in doppelter Hinsicht beunruhigend sein für die Demokraten: Der Verlust des Südens, der bis in die siebziger Jahre hinein ein Bollwerk der konservativen, teils sogar nicht einmal gegen den Rassismus immunisierten „Dixiecrat“-Demokraten war, ist eine vorerst unumstößliche Tatsache. Dort haben die Republikaner - gerade mit den Siegen bei den Senatorenwahlen in North Carolina, South Carolina, Georgia, Florida und Louisiana, in denen demokratische Amtsinhaber nicht mehr zur Wiederwahl antraten - einerseits die traditionell-konservativen Wählerschichten, zumal die vielleicht wahlentscheidenden evangelikalen Christen an sich gebunden.
„Young professionals“ für die Republikaner
Noch eine weitere Klientel im Süden neigt eher den Republikanern zu: Die wirtschaftlich aufsteigenden Bewohner der Vorstädte, die Inhaber kleiner und mittlerer Betriebe. Viele Staaten im Süden wie Arizona, Nevada oder New Mexico sind heute die „Wachstumsmaschinen“ der Nation, dort ist das Bevölkerungswachstum und auch das Wirtschaftswachstum höher als im Landesdurchschnitt - und schon gar als in den Staaten der traditionellen Industrie wie Illinois oder Ohio im früheren „Rostgürtel“. Moral und Prosperität im Süden wählen tendenziell republikanisch - und diese Tendenz dürfte wachsen, und das politische und wirtschaftliche Gewicht dieser Region wird größer.
Die zweite, eigentlich alarmierende Entwicklung, die Senator Dodd ansprach, springt weniger deutlich ins Auge: In traditionell demokratisch geprägten Staaten wie Wisconsin und Minnesota, sogar in Pennsylvania und New Jersey, kam Bush bei den Wahlen Kerry bedrohlich nahe. Der ökonomische Strukturwandel bringt es dort mit sich, daß Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie, auch in den Bergwerken von Wisconsin verlorengehen, daß also weniger gewerkschaftlich organisierte Arbeiter für die Demokraten stimmen - und dafür mehr „young professionals“ aus der wachsenden Dienstleistungssparte in den Vorstädten der Metropolen für die Republikaner.
Prozeß des Umdenkens und der Ursachensuche
Generationen von „Malochern“ stimmten traditionell für die Demokraten, doch der gesellschaftliche Aufstieg der besser ausgebildeten Arbeiterkinder schwächt die Bindung an die „Partei der Väter“ und der Gewerkschaftsfunktionäre. Im ganzen war der Abstand zwischen Bush und Kerry in den Staaten im Nordosten, die letztlich doch an Kerry fielen, geringer als zwischen Kerry und Bush in jenen Staaten im Süden und Mittleren Westen, die dem Präsidenten die entscheidenden Wahlmännerstimmen brachten.
Für Bush war ein Sieg in Minnesota, Wisconsin und sogar Michigan an den Großen Seen in Reichweite, während John Edwards, prospektiver Vizepräsident unter John Kerry, nicht einmal seinen Heimatstaat North Carolina für Kerry gewinnen konnte. Mit Harry Reid aus Nevada, der die Nachfolge des in South Dakota geschlagenen Tom Daschle als demokratischer Minderheitsführer im Senat antritt, könnte der Prozeß des Umdenkens und der Ursachensuche der Demokraten beschleunigt werden. Bleibt bei den Demokraten alles beim alten, könnte die Vision der Republikaner vom Beginn einer „republikanischen Epoche“ in den Vereinigten Staaten Wirklichkeit werden.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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