Es ist so gekommen, wie es in den Umfragen vorhergesagt worden war und wie es sich in den langen Schlangen vor den Wahllokalen angedeutet hatte: Barack Obama hat die amerikanische Präsidentenwahl mit deutlicher Mehrheit gewonnen. Wenn das Wort „historisch“ jetzt beinahe im Übermaß gebraucht wird, um die Bedeutung dieses Wahlsiegs zu beschreiben, so ist es doch, ohne jede Einschränkung, angebracht. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten zieht ein „African-American“ in das Weiße Haus ein. Im Triumph, aber ohne jeden Triumphalismus.
Um diesen Triumph zu ermessen und einzuordnen, reicht ein Rückblick auf die amerikanische Geschichte in all ihrer Tragik völlig aus. Oder man blickt über die Grenzen hinweg: In welchem anderen Staat wäre die Geschichte des Barack Obama möglich? Der Sohn einer weißen Amerikanerin und eines Kenianers, vor fünf Jahren noch weitgehend unbekannt, wird in einem Augenblick, da die Vereinigten Staaten vor immensen inneren und äußeren Bewährungsproben stehen, mit dem höchsten Amt im Staate betraut.
Amerikanischer Traum des 21. Jahrhunderts
Das ist der „amerikanische Traum“ im 21. Jahrhundert - und Obama selbst ist es gewesen, der die Kraft dieses zukunftsgewandten Optimismus beschworen hat. An keinem anderen Ort wäre eine Karriere wie die des Barack Obama möglich gewesen. Das sagt,allen gegenwärtigen (Selbst-)Zweifeln zum Trotz, unendlich viel über die Vitalität des amerikanischen Gemeinwesens.
Diese Vitalität drückte sich aus in der enormen Mobilisierung des Wählerinteresses, in der Begeisterung, die von Anfang an die Obama-Kampagne umgab und die, später, auch den Wahlkampf seines republikanischen Gegners entzündete. McCain übrigens akzeptierte seine Niederlage mit nobler Würde und großem Gespür für den Augenblick. Das war ebenso beeindruckend wie die elektrisierende Botschaft des Siegers und bestätigte, generell und darüber hinaus, die Lebendigkeit des demokratischen Gemeinwesens.
Vielleicht gerade weil so viele Wähler das Land auf dem falschen Weg sehen, war die Beteiligung so beispiellos hoch, war die Begeisterungsfähigkeit so groß. Diese Wahl in kritischer Zeit war in jeder Hinsicht - historisch. Derjenige, der Amerika durch das Tal der Krise und die bedrückende Wirklichkeit zweier Kriege führen soll, ist der 47 Jahre alte Barack Obama, Mitglied des Senats in Washington seit vier Jahren. Das nennt man Mut, Aufbruch und, eben, Wandel.
Enorme Erwartungen
Wenn der Rausch dieses unzweifelhaft nationalen Sieges verflogen ist, wird sich Obama mit seiner Mannschaft ein Bild über den Ernst der Lage gemacht haben. Seine Dankesrede, welche die Ernsthaftigkeit, die er schon in den vergangenen Wochen gezeigt hatte, auf eine beinahe düstere Art wiedergab, war eine einzige Vergewisserung dieses Ernstes. Jetzt kommt es natürlich darauf an, vernünftige Antworten auf die inneren und äußeren Herausforderungen zu entwickeln, ein Regierungsprogramm zu erarbeiten und ein Personaltableau zu erstellen.
Aber nicht nur das. Wenn Obama am 20. Januar 2009 den Eid auf die Verfassung ablegen wird, muss ihm klar sein, wie er regieren will - hoffentlich von der Mitte aus; wie er die Spaltung im Lande, die es nach wie vor gibt - schließlich hat ihn knapp die Hälfte der Wähler nicht gewählt -, überwinden und wie er seine Botschaft der Versöhnung politisch übersetzen will. Sollte er dabei den Instinkten der demokratischen Mehrheit im Kongress folgen oder den politischen Präferenzen des „frühen“ Obama, täte er sich und dem Land keinen Gefallen. Wenn er es in Stil, Ton und Inhalt aber schaffte, den politischen Grabenkampf in Washington zu überwinden, dann hätte sein Versprechen auf Neuanfang schon erste Früchte abgeworfen. Das zu tun, hatte auch sein Vorgänger versprochen - und alles noch schlimmer gemacht.
Auf dem 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten lasten enorme Erwartungen: der Amerikaner wie des Weltpublikums, welches das Ende der Ära Bush nicht erwarten kann. Der gesunde Menschenverstand und die historische Erfahrung lehren, dass Obama nicht alle Erwartungen erfüllen und die Menschheit nicht von allen Übeln erlösen wird. Was Amerika betrifft, so wird es nicht zuletzt von seinem Regierungsstil abhängen und seinem Talent, Optimismus zu verbreiten, damit das Land in die Spur zurückfindet.
Ein unbeschriebenes Blatt
Was die Welt anbelangt, so haben es, bis zu einem gewissen Punkt, auch die Partner und Verbündeten Amerikas in der Hand, ob Obama erfolgreich sein wird. Er wird auf sie zugehen, ihnen zuhören und erfahren, was ihre Prioritäten und Anliegen sind; er wird sie über seine Prioritäten nicht im Unklaren lassen. Dann wird man erkennen, ob es neben dem Willen zum Neubeginn auch ein belastbares, Dissens verkraftendes Programm für eine Gemeinschaft in einer Welt gibt, bei der in den vergangenen Jahren und noch in den vergangenen Monaten vieles aus den Fugen geraten ist.
Barack Obama ist trotz des langen Wahlkampfes für viele Amerikaner noch immer ein unbeschriebenes Blatt. Eine Mehrheit hat für ihn gestimmt, weil sie das Risiko, das damit verbunden ist, für weniger gravierend hielt als die Zukunftsperspektive, die er verkörpert. Es ist das Zukunftsversprechen Amerikas.
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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