04.09.2002 · Wie steht es um die Demokratie in Amerika ein Jahr nach dem 11. September? Welchen Einfluss hatte der Angriff auf die Freiheit auf die offene Gesellschaft? Die Analyse.
Von Majid SattarWenn in diesen Tagen Menschen zusammen sitzen, ganz gleich ob in New York, Frankfurt oder Sydney, dann eint sie oft eine Frage: Was hast du am 11. September getan? Wie der 8. Mai ist das Datum längst eine Zeitikone. Die Kriegserklärung, die entzweien sollte, ließ die meisten Menschen zusammenrücken. Jeder einzelne kann eine Geschichte darüber erzählen, wie er aus seinem Alltag gerissen wurde, als die ersten Bilder der brennenden Türme des World Trade Center zu sehen waren. Noch am selben Tag stand für viele fest: Nichts wird mehr so sein, wie es war.
Die Terrorangriffe, die über 3.000 Menschen das Leben kosteten, trafen Amerika ins Herz: Mit den Twin Towers und dem Pentagon wurden das Symbol des Kapitalismus und der Inbegriff amerikanischer Militärmacht getroffen. Das vierte Flugzeug, das dank des Widerstandes der entführten Passagiere nur auf einem Feld in Pennsylvania zerbarst, sollte wohl das Kapitol oder das Weiße Haus treffen - so oder so: das Wahrzeichen politischer Stärke. In der perversen Perfektion der Attentäter fehlte im Grunde nur ein Angriff auf ein Filmstudio in Hollywood - auf eine Ikone amerikanischer (für Islamisten: amerikanisch-jüdischer) Kulturhegemonie. Der Terror galt nicht nur den Vereinigten Staaten, sondern der Idee Amerikas, dem Lebensgefühl der Moderne und den Prinzipien der offenen Weltgesellschaft.
Amerikas Selbstbehauptungswillen
Wie steht es um die offene Gesellschaft ein Jahr nach der Zeitenwende? Wie steht es um die Demokratie in Amerika am 11. September 2002? Sie ist immer noch dabei, einen dialektischen Prozess zu durchlaufen. Um die Sicherheit der freiesten Nation der Erde zu gewährleisten, wurde eben diese Freiheit eingeschränkt. Zeitweise und kontrolliert. Gewiss auch begleitet von so mancher Aufgeregtheit, rechtstaatlichen Fragwürdigkeiten und zuweilen unbotmäßigem Patriotismus. Aber doch vor allem getragen von einem Selbstbehauptungswillen der Amerikaner, von einer kraftvollen Zivilgesellschaft, die Amerika trotz alteuropäischer Zerrbilder eines Landes des zelebrierten Individualismus und schnöden Materialismus tatsächlich ausmacht.
Rückkehr zur Normalität
Die politische Elite der Vereinigten Staaten ist längst wieder zu einem normalen Diskurs zurückgekehrt: George W. Bush sieht sich der üblichen Kritik in wirtschaftspolitischen, aber auch sicherheitspolitischen Fragen ausgesetzt. In Amerika herrscht Wahlkampf: Da wird die Außenpolitik gerne innenpolitisch ausgeschlachtet - nach dem 11. September so wie davor. Bei den Nachrichtensendungen der Networks flattern keine „Stars and Stripes“ mehr über den Bildschirm und Journalisten stellen wieder kritische Fragen. Zwar gehen den Amerikanern Witze über intellektuelle Peinlichkeiten des Präsidenten nicht mehr so leicht über die Lippen, doch Bushs Schwindel erregende Beliebtheitswerte in der Bevölkerung pendeln sich wieder auf ein Normalmaß ein. Wirtschaftsflaute und Bilanzfälschungsskandale sind für viele Amerikaner momentan spürbarer als eine scheinbar abstrakte Sicherheitsgefahr - zumal Anthrax, das im Herbst vergangenen Jahres nahezu eine Hysterie ausgelöst hatte, offenbar nicht auf das Konto der Islamisten ging.
Ende der Solidarität
Auch Amerikas Bündnispartner üben sich nicht mehr in uneingeschränkter Solidarität. Russland, der vermeintlich neue Partner im Kampf gegen den Terror, schmiedet zurzeit Wirtschaftspakte mit dem Irak, den Bush zur Achse des Bösen zählt. Auch die Regierungen in Deutschland und Frankreich wollen wegen Washingtons Drohungen gegen Bagdad keine Amerikaner mehr sein, wie sie vor einem Jahr noch bekundeten. Fast vergessen ist der Umstand, dass sich internationale Militäreinheiten am Horn von Afrika, im Pazifik und am Golf im Krieg gegen den Terror befinden. Die fortdauernden Kämpfe in Zentralasien sind kaum noch eine Nachricht wert. Und wie heißt eigentlich noch der neue Präsident Afghanistans? Nichts ist mehr so, wie es war. Wirklich?
Sicherheitsempfinden erschüttert
Gewiss, das subjektive Sicherheitsempfinden der Amerikaner ist nachhaltig erschüttert. Auf eigenem Boden durch eine neue Form des Terrorismus angegriffen worden zu sein, hat neben außenpolitischen Fragen auch solche nach der inneren Sicherheit aufgeworfen. Polizeiliche und geheimdienstliche Institutionen wurden umstrukturiert und ein neues Ministerium für Innere Sicherheit eingerichtet. Doch der Versuch des Weißen Hauses, die Bevölkerung selbst quasi als Laienspione einzusetzen, die ihre Nachbarschaft im Auge behalten sollten, wurde im Kongress verhindert. Auch die dritte Gewalt gewinnt wieder an Selbstbewusstsein: Gerichte rügten zuletzt den Umgang mit den rund 1200 Inhaftierten, die nach dem 11. September festgesetzt wurden, ohne dass diese Anwälte kontaktieren durften. Die Grenzziehung der offenen Gesellschaft ist psychologisch nachvollziehbar, rechtsstaatlich indes falsch gewesen. Offenbar ist sie aber vor allem eines: nicht endgültig.
Stärker denn je
Das innere Gefüge der amerikanischen Demokratie wurde nicht erschüttert. Und auch jene Zeitgenossen, die meinten, der 11. September sei der Anfang vom Ende eines Weltreiches, werden Lügen gestraft. Schon einmal, nach der Zeitenwende 1989/90, verkündeten Auguren das nahe Ende der allein gelassenen Supermacht, da ihr mit dem Gegenentwurf auch die Selbstrechtfertigung abhanden gekommen sei. Was folgte, war in sicherheitspolitischer und wirtschaftspolitischer Hinsicht eine unipolare Weltordnung. Heute, auch nach dem 11. September und trotz kapitalismuskritischer Debatten, ist das Imperium Americanum stärker denn je.
Amerikanisches Jahrhundert dauert an
Dafür spricht nicht nur die gesellschaftliche Selbstbehauptung nach der Katastrophe. Wichtiger Indikator dafür ist die militärische Macht - das amerikanische Rüstungsbudget umfasst 40 Prozent der Verteidigungsausgaben aller anderen Staaten zusammen genommen und die Vereinigten Staaten besitzen Militärbasen auf allen Kontinenten dieses Globus. Die Wirtschaftskraft Amerikas zeigt sich gerade in einer stagnativen Zeit: Weder das krisenhafte Asien noch der zurzeit einzig ernstzunehmende Konkurrent Europa können an der weltgrößten Volkswirtschaft vorbeiziehen. Im Gegenteil, die Wirtschaftblöcke der Welt warten auf den Aufschwung aus Amerika. Doch neben den klassischen Machtindikatoren signalisiert ein anderer Faktor vielleicht noch deutlicher, dass die globale Konstellation auch künftig Bestand haben wird: Als einzige postindustrielle Gesellschaft weist das Einwanderungsland positive Geburtenraten auf. Das amerikanische Jahrhundert wurde mit dem neuen Millennium nicht beendet.