04.01.2009 · Auch nachdem Thüringens Ministerpräsident aus dem Koma erwacht ist, gibt es noch keine Klarheit über den Skiunfall, bei dem eine Frau ums Leben kam. Gegen Althaus laufen jetzt Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, mehrere Gutachter wurden eingeschaltet. In Erfurt atmet man derweil auf.
Von Erna Lackner und Claus Peter Müller, Wien / ErfurtDie Nachricht ist gut: Der beim Skifahren in der Obersteiermark verunglückte thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus ist im Krankenhaus Schwarzach im Pongau aus dem künstlichen Tiefschlaf erwacht. „Herr Ministerpräsident Althaus zeigte in den Nachtstunden erste Bewegungen“, habe morgens wenige Worte mit seiner Frau Katharina gewechselt, wusste auch seinen Namen und sein Geburtsdatum zu sagen, wurde im „Ärztlichen Bulletin Nummer 3“ am Samstagmorgen mitgeteilt. Wann Althaus wieder „voll mobil“ sein werde, sei derzeit jedoch nicht abschätzbar. (Siehe auch: Althaus aus künstlichem Koma erwacht)
An den tragischen Skiunfall auf der Riesneralm kann sich Althaus nach einem Bericht des ORF bisher aber nicht erinnern – was laut Ärzten auch verletzungstypisch ist. Bei einem Zusammenstoß mit einer Skifahrerin hatte der Politiker am Neujahrstag ein schweres Schädelhirntrauma erlitten. Die 41 Jahre alte Slowakin erlag ihren Kopfverletzungen im Rettungshubschrauber. Sie war Mutter von vier Kindern und mit einem Oberst des österreichischen Bundesheeres verheiratet, der über die Nato gerade in Amerika stationiert ist. Ihre jüngste Tochter feierte am Samstag ihren ersten Geburtstag.
„Es gibt keine Erklärung“
Gegen den Ministerpräsidenten laufen jetzt Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, ein Delikt, bei dem in Österreich eine Freiheitsstrafe von maximal zwei Jahren droht. Bei einem Unfall mit Todesfolgen sind die Behörden gesetzlich verpflichtet, Ermittlungen einzuleiten, was der zuständige Leobner Staatsanwalt Walter Plöbst auch sofort tat. Eine Vernehmung des gerade aus dem Koma erwachten deutschen Politikers Althaus erachtete der Staatsanwalt aber als „nicht dringend“, auch gegen eine Ausreise habe er nichts einzuwenden. Gleichwohl wurden schon mehrere Gutachter eingeschaltet, um den Hergang des Unglücks herauszufinden. Noch immer haben sich keine Augenzeugen gemeldet.
Der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus ist nach seinem schweren Skiunfall in Österreich offenbar auf dem Weg der Besserung. Er sei „sehr hoffnungsvoll, dass es gut ausgeht“, sagte der Leiter des Krankenhauses in Schwarzach, Reinhard Lenzhofer, am Freitag. Die Ärzte haben unterdessen damit begonnen, Althaus langsam aus seinem künstlichen Koma zu wecken, in das er wegen seines Schädel-Hirn-Traumas versetzt worden war.
„Es gibt keine Erklärung“, wie es zu dem tödlichen Unfall gekommen ist, sagte Siegmund Schnabl, Chef der steirischen Alpinpolizei, bei einer Pressekonferenz, an der auch der sichtlich mitgenommene Chef der Bergbahnen und Bürgermeister von Donnersbachwald, Erwin Petz, teilnahm. Die Riesneralm ist ein ruhiges, familiäres und gar nicht mondänes Skigebiet mit hauptsächlich leichteren Pisten. Beide Unfallopfer galten als geübte Skifahrer; die tödlich verunglückte Frau war Sportlehrerin, Althaus war auch immer wieder zum Wintersport in Österreich. Beide sollen laut Ermittlungen mit gemäßigtem Tempo unterwegs gewesen sein, da sie beide vor der mit Warn- und Achtung-Tafeln bezeichneten Pistenkreuzung noch einen Zwischenstopp eingelegt hatten.
Die Skifahrerin war mit ihrem Ehemann unterwegs, Althaus mit einem Leibwächter. Doch die beiden hinterherfahrenden Begleiter haben nicht gesehen, wie die beiden zusammenprallten. Sie kamen erst danach zu der Stelle. Dieter Althaus war die rotmarkierte, eine steilere Piste namens „Die Sonnige“ herabgekommen, die Slowakin die blaue, flachere Familienpiste „Panoramaabfahrt“. Gemäß FIS-Pistenregeln lag die rote Piste auf der rechten Seite, allerdings soll der Zusammenstoß am linken Rand der Pistenkreuzung passiert sein.
Diskussion über Sicherheit auf den Pisten
Dass Althaus einen Helm getragen hat, habe ihm vermutlich das Leben gerettet, schreiben auch österreichische Zeitungen, in denen nun vor allem über die Helmpflicht diskutiert wird. Auch dass es dreieinhalb Stunden lang dauerte, bis der deutsche Politiker im Krankenhaus war, wird erörtert. Und dass Althaus die Retter zu der verletzten Touristin schickte – er selbst konnte nach dem Unfall noch sitzen, war voll ansprechbar und wurde zu diesem Zeitpunkt nicht als Notfall eingestuft, wie der Bezirksrettungskommandant sagte. Althaus habe nur über Schmerzen in der Schulter geklagt, das kurze Stück bis zur Talstation wurde er mit dem Rettungsschlitten gefahren, ehe er mit einem Wagen des Roten Kreuzes zur Untersuchung weitertransportiert wurde.
Doch die Sanitäter riefen unterwegs dann doch einen Notarzt an; und die Notärztin des Landeskrankenhauses Rottenmann forderte schließlich einen Rettungshubschrauber an. Der Skiunfall hatte sich um 14.43 Uhr ereignet, inzwischen war es dunkel geworden, die Witterung ließ Flüge in die neurochirurgischen Abteilungen der großen Landeskrankenhäuser in Graz oder Salzburg nicht mehr zu. So wurde Dieter Althaus – der während des Flugs bewusstlos wurde – um 18.15 Uhr in das Kardinal Schwarzenberg’sche Krankenhaus in Schwarzach im Pongau gebracht.
In dieser großen Klinik im südlichen Bundesland Salzburg ist man auch für schwere Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen eingerichtet – im vorigen Winter wurden allein in Schwarzach 5000 Wintersportverletzte behandelt. In der vergangenen Woche kamen in Österreich sieben Wintersportler ums Leben. In der letzten Skisaison gab es insgesamt 34 Tote, in der davor 42 – bei jährlich 60.000 bis 70.000 Skiunfällen. Nach dem Zusammenstoß auf der Riesneralm wird in Österreich einmal mehr über die Sicherheit auf den Pisten diskutiert: über gefährliche Pistenkreuzungen, über perfekt präparierte, breite Pisten, die zum Schnellfahren verleiten, über Carving-Skier, über Skilifte und Sesselbahnen, die zu viele Wintersportler auf überfüllte Pisten bringen. Freilich, der Skibetrieb auf der Riesneralm war am Neujahrstag überschaubar.
Erleichterung in Erfurt
Mit Erleichterung ist derweil die Nachricht vom Erwachen des Ministerpräsidenten aus dem künstlichen Koma in Erfurt aufgenommen worden. Er freue sich, dass es Althaus wieder besser gehe, sagte Klaus Zeh (CDU), Minister in der Staatskanzlei. Regierungssprecher Fried Dahmen sprach von „wirklich guten Nachrichten“. Voraussichtlich im Lauf der nächsten Woche werde entschieden, ob und wann Althaus in eine Thüringer Klinik verlegt werde. Im Gespräch sei das Klinikum Erfurt, aber auch die Universitätsklinik Jena habe sich angeboten, den Ministerpräsidenten aufzunehmen.
Auf die Nachricht von dem Skiunglück am Neujahrstag hatten die Politiker in Thüringen mit Bestürzung reagiert. Nach den Worten der stellvertretenden Ministerpräsidentin, Finanzministerin Birgit Diezel (CDU), hat die Regierung sehr viel Zuspruch erfahren, es seien zahlreiche Genesungswünsche eingegangen. Der Unfall und dessen mögliche Konsequenzen haben den Parteikollegen in Thüringen vor Augen geführt, dass Althaus „zweifellos die Nummer eins ist in Partei und Regierung“, hieß es in der Staatskanzlei.
In diesem Jahr sind in Thüringen, neben den Europa- und Bundestagswahlen, auch Kommunal- und Landtagswahlen. Unter dem unmittelbaren Eindruck der Schreckensmeldung war es in Erfurt zu Spekulationen um den Verlauf eines Wahlkampfjahres gekommen, in dem die CDU auf Althaus teils oder ganz hätte verzichten müssen. Nun herrscht in der CDU die tiefe Überzeugung, dass Althaus genesen und sowohl als Kandidat als auch als Wahlkämpfer zur Verfügung stehen werde.
Claus Peter Müller Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel.
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