15.09.2004 · Viele Deutsche sehen den 11. September 2001 als Zeitenwende. Zwei Drittel interpretieren den islamistischen Terror als „Kampf der Kulturen“: Die Ergebnisse einer neuen Allensbach-Studie im Auftrag der F.A.Z.
Von Professor Dr. Elisabeth Noelle"Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod." Mit diesem Kampfruf haben in den letzten Jahren radikale Islamisten eingeleitet, was der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington schon vor Jahrzehnten als "Clash of Civilizations" (Kampf der Kulturen) voraussagte. Wie weit berührt die Deutschen der Kampf der Kulturen? Lange Zeit konnte man ein Zitat aus Goethes Faust zur Beschreibung verwenden: Unberührt war die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung, "wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen".
"Hinten in der Türkei" - das ist heute der Kaukasus, das ist Ossetien, das ist Beslan. Noch vor wenigen Wochen hatte so gut wie kein Deutscher von dem 30000-Seelen-Ort Beslan gehört. Das hat sich von einem Tag auf den anderen geändert, und der Kampf der Kulturen rückt ins Bewußtsein der Deutschen. Wie sehr, das zeigt eine Allensbacher Testfrage, die für die F.A.Z. in mündlichen persönlichen Interviews vom 26. August bis zum 6. September gestellt wurde. Die Frage lautete: "Man hört ja manchmal den Begriff ,Kampf der Kulturen'. Damit ist ein ernster Konflikt zwischen Christentum und Islam gemeint. Was meinen Sie: Haben wir zur Zeit einen solchen Kampf der Kulturen, oder würden Sie das nicht sagen?"
Grausamkeit der Geiselnahme hat sich eingeprägt
Wir vergleichen im folgenden die Ergebnisse dieser Frage aus den Tagen vor dem 3. September, also vor der Erstürmung der Schule I von Beslan, und aus den Tagen danach: Diejenigen, die vor den Ereignissen in Beslan befragt worden sind, meinten zu 44 Prozent bei 35 Prozent Gegenstimmen, wir hätten einen solchen Kampf der Kulturen. Diejenigen, die nach dem 3. September interviewt wurden, waren zu 62 Prozent mit 25 Prozent Gegenstimmen der Meinung, wir erlebten einen Kampf der Kulturen.
Offensichtlich hat sich den Deutschen die unvorstellbare Grausamkeit der Tat tief eingeprägt: die Geiselnahme von 1300 Menschen, darunter Hunderte Kinder mit ihren Eltern und Angehörigen, die sie zur Schule gebracht hatten - es war der erste Schultag nach den Sommerferien, und viele Erstkläßler wurden von ihren Müttern und Vätern begleitet -, daß die Kinder 52 Stunden festgehalten wurden, ohne etwas zu trinken zu bekommen, daß Hunderte von Geiseln schließlich ums Leben kamen. Das alles scheint für viele Deutsche die Grenzen des bis dahin für möglich Gehaltenen zu sprengen.
Das Gefühl, die Deutschen seien die Dummen
Rechnen die Bürger damit, etwas Ähnliches könnte sich in Deutschland zutragen? Ja und nein. Mit einem schweren Terroranschlag mit vielen Toten rechnet in Deutschland nur etwa ein Fünftel der Bevölkerung (22 Prozent). Um einen Maßstab zu bekommen: Mit einer schweren Wirtschaftskrise in den nächsten ein, zwei Jahren rechnen 41 Prozent. Doch gleichzeitig ist da das Gefühl, die Deutschen seien die Dummen.
Eine Frage dazu lautete: "Können Terroristen in Deutschland besonders gut untertauchen, ist es also in Deutschland für Terroristen besonders leicht, unerkannt zu leben, oder glauben Sie das nicht?" 60 Prozent bei nur 23 Prozent Gegenstimmen glauben, es sei für Terroristen besonders leicht, in Deutschland unerkannt zu leben. Es ist die Liberalität, die nach den Untaten der Hitlerzeit in Deutschland besonders gepflegt wurde und die nun die Bedrohung durch Terroristen besonders groß erscheinen läßt.
Drastische Maßnahmen gegen den Terrorismus
Diesem Grundgefühl entsprechend, stimmen die Bürger einer Vielzahl teils drastischer Maßnahmen zu, wenn diese nur dazu dienen, die Terrorismusgefahr einzudämmen. So befürworten 79 Prozent die Abschiebung von Asylbewerbern, wenn der Verdacht besteht, daß sie sich an terroristischen Aktivitäten beteiligen; 78 Prozent sind bereit, eine verstärkte Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen hinzunehmen, 59 Prozent befürworten den Einsatz der Bundeswehr auch im Innern, etwa zum Schutz von Gebäuden oder Personen, und 55 Prozent meinen, man sollte von jedem Menschen, der nach Deutschland einreist, Fingerabdrücke nehmen.
In diesem Klima geraten selbst Grundsätze des Rechtsstaates ins Wanken: Eine relative Mehrheit von 46 Prozent der Deutschen meint, man müsse Terrorverdächtige in Sicherungshaft nehmen können, auch wenn ihnen keine Straftaten oder terroristischen Aktivitäten nachgewiesen werden können.
Alarmiert wie auf dem Höhepunkt des RAF-Terrorismus
Auf die Frage "Wenn zur Bekämpfung von Terroristen der Einfluß von Staat und Polizei verstärkt werden muß - würden Sie eine Einschränkung Ihrer persönlichen Rechte durch Maßnahmen wie Überwachungen und Hausdurchsuchungen hinnehmen, oder würden Sie das ablehnen?" antworteten vor dem Geiseldrama von Beslan 40 Prozent, sie würden auch Einschränkungen der persönlichen Freiheit akzeptieren, nach der Geiselnahme sagten das 57 Prozent.
Damit zeigt sich die Bevölkerung ähnlich alarmiert wie im Herbst 1977, auf dem Höhepunkt des RAF-Terrorismus. Damals antworteten auf die gleiche Frage 62 Prozent der Westdeutschen, sie wären bereit, eine Einschränkung ihrer persönlichen Rechte hinzunehmen.
Islam als fremd und bedrohlich empfunden
Den Islam empfinden die Deutschen als fremd und bedrohlich. Dies zeigt das Ergebnis einer Frage nach den Assoziationen, die das Wort "Islam" bei den Befragten hervorruft. Ganz an der Spitze der Aussagen stehen "Unterdrückung der Frau" (93 Prozent), "Terror" (83 Prozent), "fanatisch, radikal" (82 Prozent), "rückwärtsgewandt" (66 Prozent). Die ersten positiven Assoziationen erscheinen, von weniger als der Hälfte der Bevölkerung genannt, an sechster und siebter Stelle: "Gastfreundschaft" (45 Prozent), "bedeutende kulturelle Leistungen" (39 Prozent).
Von der Faszination, die der Orient jahrhundertelang auf den Westen ausübte und die sich in Kunst, Literatur und Architektur des Abendlandes niederschlug, von den gotischen Kathedralen bis zur Dresdner Tabakmoschee, ist wenig geblieben. Ganze 16 Prozent der Deutschen sagen heute noch, man könne beim Stichwort "Islam" an "faszinierend" denken. Ganz am Schluß der Liste, von 6 Prozent angeführt, erscheint schließlich die Assoziation "sympathisch".
Der 11. September 2001 als Zeitenwende
Statt dessen prägt das unbestimmte Gefühl einer ständigen Bedrohung die Atmosphäre. 46 Prozent der Bevölkerung stimmen der Aussage zu: "Es leben ja so viele Muslime bei uns in Deutschland. Manchmal habe ich direkt Angst, ob darunter nicht auch viele Terroristen sind." Und mehr als die Hälfte der Bevölkerung, 54 Prozent, erklärt, "durch die ständig lauernde Gefahr von Terrorangriffen hat sich das ganze Land" verändert.
Man mag das für übertrieben halten, aber in international vergleichenden Erhebungen hat sich seit Jahrzehnten immer wieder gezeigt, daß die Deutschen zu besonders intensiven emotionalen Reaktionen neigen, und zwar sowohl die Westdeutschen als auch die Ostdeutschen. So wird man auch einordnen, daß die Deutschen zu 46 Prozent erklären, man könne nach den Angriffen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington D. C. von einer Zeitenwende sprechen. Nur 37 Prozent widersprechen einer solchen Aussage.
Deutsche rechnen mit Terroranschlägen
Dabei liegt es der Mehrheit nach wie vor fern, die Vereinigten Staaten für die Lage verantwortlich zu machen, trotz aller Irritation über die amerikanische Außenpolitik der letzten Jahre. Der These "Die Amerikaner sind selbst schuld, daß die Terroranschläge des 11. September auf sie verübt wurden" stimmt weniger als ein Drittel der Bevölkerung zu; Verschwörungstheorien, wonach die Anschläge vom amerikanischen Geheimdienst organisiert worden seien, um einen Vorwand für den Irak-Krieg zu bekommen, halten nur 18 Prozent für wahrscheinlich, 63 Prozent für unwahrscheinlich.
So richten sich die Deutschen darauf ein, daß die Bedrohung durch den Islamismus sie auf nicht absehbare Zeit begleiten wird. Auf die Frage "Rechnen Sie damit, daß es in den nächsten ein oder zwei Jahren zu Terroranschlägen ähnlich denen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center kommen wird, oder rechnen Sie nicht damit?" antworten 51 Prozent der Deutschen "Ich rechne damit", 29 Prozent "Rechne nicht damit".
Die Bevölkerung sieht der Bedrohung entgegen
Und die Frage "Glauben Sie, daß man den islamistischen Terrorismus in den nächsten Jahren in den Griff bekommen wird, oder glauben Sie das nicht?" beantworten 83 Prozent mit "Ich glaube das nicht", nur 5 Prozent sagen: "Das schaffen wir", der Rest bleibt unentschieden. Ein Ausweichen vor der Situation kommt dabei für die Mehrheit der Deutschen nicht in Frage.
Der Aussage "Deutschland sollte sich möglichst aus dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus heraushalten, weil das für Deutschland am sichersten ist" stimmt nur eine Minderheit von 30 Prozent zu, 48 Prozent widersprechen ausdrücklich. Mit zusammengebissenen Zähnen sieht die Bevölkerung der Bedrohung entgegen. Eine Zeitenwende. Kein Zweifel.