Home
http://www.faz.net/-gpf-pmdh
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Mittwoch, 15. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Allensbach-Analyse Sie gilt als kluge Frau

17.11.2004 ·  In der aktuellen Allensbach-Umfrage hat die Union wiederum an Zustimmung verloren, während die SPD weiter aufholt. Im Vergleich mit Kanzler Schröder hat die CDU-Vorsitzende Angela Merkel einen großen Rückstand. Ein demoskopisches Porträt.

Von Professor Dr. Elisabeth Noelle
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Markante Veränderungen kennzeichnen den Allensbacher Monatsbericht. In der Zweitstimmen-Wahlabsicht ist die CDU/CSU um 2,6 Prozentpunkte gefallen, während die SPD 3,9 Prozent aufholen konnte, allerdings zum Teil auf Kosten der Grünen, die 1,2 Prozentpunkte verloren. In den alten Bundesländern betrug der Verlust der Union 2,8 Punkte, der Zugewinn der SPD hingegen 4,3 Punkte. In der Umfrage wurde auch die Einschätzung der CDU-Vorsitzenden Merkel ermittelt. Ein demoskopisches Porträt

Als Außenseiter wird die CDU-Vorsitzende Angela Merkel wegen ihres ungewöhnlichen Lebenswegs betrachtet.

Geboren wurde sie in der Hansestadt Hamburg am 17. Juli 1954 als Tochter eines Pastors, der aber eine Gemeinde in der zunehmend atheistischen DDR, in Mecklenburg-Vorpommern, übernahm. Dort faßte sie wie nicht wenige ihrer durch Klugheit ausgezeichneten Altersgefährten den Entschluß, Naturwissenschaftlerin, Physikerin, zu werden. Aber die eigentlich vorgeschriebenen marxistischen Begleitkurse besuchte sie nicht. Schon darum war ihr der Zugang zum Lehrerinnenberuf, den sie sich als junges Mädchen gewünscht hatte, verwehrt.

Für Kohl war sie „Das Mädchen“

Mit dem Mauerfall am 9. November 1989 rutschte sie in die Politik. Zuerst in den „Demokratischen Aufbruch“, weil ihr die Ost-CDU nicht gefiel, wohl aber die „Allianz für Deutschland“, eine nach Plänen des damaligen Bundeskanzlers Kohl geschaffene Sammlungsbewegung, die sich am 18. März 1990 bei der ersten freien Volkskammerwahl den Wählern stellte und gewann. Am Wahlkampf hatte sich Angela Merkel schon beteiligt. Sie konnte reden, und sie hatte ein klares politisches Urteil. Danach sprach man davon, sie sei ein politisches Naturtalent. So sah es auch Helmut Kohl. Er holte sie in seine Nähe. „Das Mädchen“ nannte er sie.

Das würde heute niemand mehr sagen. Sie hat sich in den neunziger Jahren außerordentlich verändert. Schon 1991 bis 1994 war sie Bundesministerin für Frauen und Jugend und von 1994 bis 1998 Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.

Wie kann man ein Porträt von ihr zeichnen? Das Privatleben hat sie konsequent vor der Öffentlichkeit geschützt. Man weiß gerade eben, daß sie zum zweiten Mal verheiratet ist, mit einem Chemie-Professor, und daß sie keine Kinder hat.

„Gute Meinung“ überwog im Urteil der Bevölkerung

Kritiker sagen, sie habe keinen Charme, kein Charisma. Wenn man einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung die Frage „Haben Sie von Angela Merkel eine gute oder keine gute Meinung?“ stellt, fällt das Bild differenzierter aus. Mit den Umfragen des Allensbacher Instituts kann man die Entwicklung der Sympathie für Angela Merkel seit Ende 1991 verfolgen. Seit Mitte der neunziger Jahre kennt und beurteilt sie etwa die Hälfte der Bevölkerung, oft überwog in dieser Zeit die „gute Meinung“.

Seit Anfang 2000, nach den Enthüllungen über die CDU-Spendenaffäre, bis zum Ende desselben Jahres genoß sie eine große Popularität. Nach der Übernahme des Parteivorsitzes hielten sich „gute Meinung“ und „keine gute Meinung“ etwa die Waage, ab Anfang 2002 überwogen wieder ganz klar die positiven Urteile. Dann aber, im Frühjahr 2003, brach ihre Beliebtheit bei der Bevölkerung in sich zusammen. Nun sagten nur noch 30 Prozent, sie hätten eine gute Meinung von der CDU-Parteivorsitzenden, „Keine gute Meinung“ hatten 48 Prozent.

Wende durch Position zum „Irak-Krieg“

Was war geschehen? Angela Merkel hatte den Krieg der Amerikaner im Irak als „zuletzt unvermeidlich“ bezeichnet und war damit von vielen Medien und der Öffentlichkeit als Kriegsbefürworterin wahrgenommen worden. Seitdem hat sich ihre Beliebtheit nicht mehr erholt. Jetzt, im Herbst 2004, sagen über Angela Merkel 29 Prozent, sie hätten eine gute Meinung von ihr, 45 Prozent sagen: „Keine gute Meinung.“

Ein großes Kapital besitzt Angela Merkel im Zeitgeist: Eine Mehrheit von 57 Prozent findet es gut, daß mit ihr zum ersten Mal eine Frau den Vorsitz einer großen Partei übernommen hat. „Nicht gut“ finden das nur 7 Prozent. Aber die Einstellungen zu Frau Merkel sind erkennbar ambivalent. Nur 34 Prozent sagen, sie habe das Zeug dazu, Bundeskanzler zu werden. 45 Prozent widersprechen.

Vorteil Schröder

Dementsprechend erwartet die Bevölkerung von einer CDU/CSU-Regierung unter Angela Merkel auch keine deutliche Verbesserung der Lage im Land. 51 Prozent der Deutschen nehmen an, daß mit Frau Merkel als Bundeskanzlerin der Zuzug von Ausländern stärker als bisher begrenzt werden würde, 48 Prozent rechnen damit, daß Deutschland in der Außenpolitik wieder enger mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten würde.

Doch daß es unter einer Bundeskanzlerin Merkel wirtschaftlich besser vorangehen würde, glauben nur 30 Prozent, noch weniger, 28 Prozent, rechnen mit einer Vereinfachung des Steuersystems, 21 Prozent erwarten eine Senkung der Staatsschulden. Bei der Frage „Wen würden Sie als Bundeskanzler vorziehen, Gerhard Schröder oder Angela Merkel?“ entscheiden sich 41 Prozent für den Amtsinhaber und nur 25 Prozent für die Oppositionsführerin.

Das Bild, das sich die Deutschen von Angela Merkel machen, ist insgesamt nicht sehr günstig. 45 Prozent der Deutschen empfinden sie als kalt. Zum Vergleich: Der Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff, wird dagegen nur von 15 Prozent als kalt wahrgenommen.

Vorteil Intelligenz

Indessen hält man Angela Merkel für klug. Darin ist sie ihren potentiellen Konkurrenten in der Parteispitze überlegen. Als klug gilt Christian Wulff bei 49 Prozent der Bevölkerung, Roland Koch bei 50 Prozent. Aber 58 Prozent sagen, Frau Merkel sei klug. Dieses Image kann man als einen großen Vorteil für die Parteivorsitzende ansehen: Schon aus den Jahrzehnten, in denen wir Adenauer demoskopisch begleiteten, wissen wir, daß Kälte bei einem Politiker die Bevölkerung nicht unbedingt schreckt, aber klug sollte er sein.

Respekt zeigt die Bevölkerung auch vor der Durchsetzungskraft und der Sachkompetenz der CDU-Vorsitzenden. 53 Prozent der Deutschen meinen, Angela Merkel sei energisch, könne sich gut durchsetzen, 47 Prozent bescheinigen ihr „große Sachkenntnis“. Der vor einigen Wochen Edmund Stoiber zugeschriebenen Aussage, Angela Merkel sei „ein politisches Leichtgewicht“, das „Politikern wie Gerhard Schröder und Joschka Fischer letztlich nicht das Wasser reichen“ könne, stimmen nur 29 Prozent der Bevölkerung zu.

Allerdings muß man den Respekt vor Angela Merkel auch ein wenig vor dem Hintergrund der geringen Erwartungen betrachten, die ihr von der Bevölkerung zu Beginn ihrer Amtszeit als CDU-Vorsitzender entgegengebracht wurden. Auf die Frage „Wenn jemand sagt: ,Angela Merkel hält sich an der Spitze der CDU erstaunlich gut. Das hätte man ihr vorher gar nicht zugetraut.' Sehen Sie das auch so, oder würden Sie das nicht sagen?“ antworten mehr als zwei Drittel, 69 Prozent: „Das sehe ich auch so.“ Nur 18 Prozent widersprechen.

Konservativ, christlich und stark

Bei der Charakterisierung Frau Merkels hebt die Bevölkerung hervor, sie sei konservativ, christlich und stark. Damit entspricht das Bild von ihr weitgehend dem Bild, mit dem die Bevölkerung auch die CDU/CSU beschreibt. Aber gerade in Merkels Verhältnis zu ihrer eigenen Partei vermutet die Bevölkerung Konflikte. Daß die CDU geschlossen hinter ihr stehe, glauben nur 37 Prozent der Deutschen. 63 Prozent nehmen an, daß Frau Merkel zuwenig Rückhalt in ihrer Partei habe. Seit den Zeiten, in denen sich Biedenkopf mit seiner Partei, der CDU in Nordrhein-Westfalen, überwarf, weiß man, wie verhängnisvoll es ist, wenn eine Partei als zerstritten gilt.

Gegenwärtig halten 62 Prozent der Bevölkerung die CDU für zerstritten. Nur 42 Prozent denken das von der SPD. Für diejenigen, die in der Politik die Streitkultur lieben, ist diese allergische Reaktion der Bevölkerung auf innerparteilichen Streit schmerzlich. Und natürlich ist Merkel, die auf starkes öffentliches Drängen den Parteivorsitz der CDU angenommen hat, besonders betroffen, wenn sie überall Gerüchten begegnet, in der CDU werde gegen sie intrigiert.

Provozierende politischer Aussagen - aber langweilig?

Üppigen Stoff zu Streit findet man beim Versuch, sich auf die Grundzüge der Gesundheitspolitik zu einigen. Die Umfrage zum Ansehen von Angela Merkel fand vor der Einigung der Unionsparteien über ein gemeinsames Gesundheitskonzept statt. Doch schon vorher war deutlich geworden, daß die CDU-Parteivorsitzende zwar klare Überzeugungen vertritt, welche Regelungen vorzuziehen seien, daß ihr aber zugleich klar war, daß sie in einer Reihe von Punkten würde nachgeben müssen. Die Bevölkerung nahm den über viele Medien vermittelten Eindruck aufmerksam wahr, wonach die Unionsparteien wegen der Notwendigkeit, in dieser schwierigen Sachfrage einen Kompromiß zu finden, grundsätzlich zerstritten seien.

Trotz dieser harten Sachauseinandersetzungen, trotz oft klarer, die Öffentlichkeit und teilweise sogar die eigenen Parteifreunde provozierender politischer Aussagen Angela Merkels haftet der CDU-Parteivorsitzenden noch immer der Ruf an, sie sei langweilig. 40 Prozent der Deutschen vertreten diese Ansicht. Von Christian Wulff sagen dies nur 12, von Roland Koch 19 Prozent. Angela Merkel als das Gegenteil von Joschka Fischer?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.2004
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Die Weh-Besoldung

Von Rainer Blasius

Das Karlsruher Urteil zum Gehalt junger Professoren in Hessen wird auch für andere Bundesländer Folgen haben - und auch andere Staatsdiener beflügeln, das Bundesverfassungsgericht anzurufen. Der Beamtenbund jubelt bereits. Mehr 2 7