17.04.2007 · Die Mehrheit der Deutschen hält den Ausbau von Betreuungsplätzen für unter Dreijährige für einen guten Vorschlag - 65 Prozent der Bevölkerung und 71 Prozent der Eltern kleiner Kinder haben sich nach einer Analyse von Allensbach dafür ausgesprochen.
Von Professor Dr. Renate KöcherDie Debatte über den Ausbau der Betreuungsangebote für Kleinkinder scheint wieder einmal die besondere Begabung der Deutschen zu belegen, Sachfragen in Weltanschauungskriege zu überführen. Dann geht es nicht um die pragmatische Lösung von Problemen, sondern um Heil und Unheil. Der Bevölkerung tut jedoch unrecht, wer die Kontroversen und zum Teil unversöhnlichen öffentlichen Stellungnahmen für ein repräsentatives Abbild der gesellschaftlichen Diskussion nimmt.
Die große Mehrheit verfolgt den leidenschaftlichen Glaubenskrieg mit gewisser Ratlosigkeit. 68 Prozent der gesamten Bevölkerung, 76 Prozent der Eltern von Kindern unter 6 Jahren können nicht verstehen, warum über den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur eine derart hitzige Kontroverse entbrannt ist.
Zwei Drittel der Bevölkerung sind für den Ausbau
Zwei Drittel der Bevölkerung und 71 Prozent der Eltern kleiner Kinder befürworten das Vorhaben, nur 16 Prozent der Bevölkerung und 12 Prozent der Kleinkindeltern beurteilen den Ausbau der Krippenplätze kritisch (Grafik unten). Für dieses Vorhaben spricht in den Augen der Bevölkerung vor allem, dass ein Teil der Familien das zweite Einkommen braucht, sowie die größere Wahlfreiheit für die Familien und die Verbesserung der Integrationschancen für Kinder aus Ausländerfamilien.
72 Prozent führen zugunsten eines Ausbaus der Betreuungsplätze an, dass ein Teil der Familien nicht auf das Einkommen der Mütter verzichten kann; 70 Prozent halten es für gut, wenn Frauen frei entscheiden können, ob sie ihre Kinder in den ersten drei Lebensjahren zu Hause betreuen oder teilweise in eine Betreuungseinrichtung geben; 58 Prozent sind überzeugt, dass Kinder aus Ausländerfamilien besser die deutsche Sprache erlernen, wenn sie außerhalb der Familie betreut werden.
Früherer Wiedereinstieg in den Beruf
Die Mehrheit der Bevölkerung und 60 Prozent der Frauen sind überzeugt, dass ein Ausbau der Betreuungsmöglichkeiten nicht nur den früheren Wiedereinstieg in den Beruf, sondern überhaupt die Entscheidung für Kinder erleichtert. Eltern kleiner Kinder betonen überdurchschnittlich die Argumente des zweiten Einkommens, der Wahlfreiheit und des leichteren Wiedereinstiegs in den Beruf.
30 Prozent der Bevölkerung meinen dagegen, dass ein Ausbau der Betreuungseinrichtungen nicht notwendig ist, da Kinder unter drei Jahren grundsätzlich von ihren Müttern betreut werden sollten. Diese Position wird überdurchschnittlich von den über sechzig Jahre alten Leuten vertreten, unterdurchschnittlich von denen, die jünger als dreißig Jahre sind oder kleine Kinder haben.
Breite Unterstützung für Kleinkinderbetreuung
Auch die Sorge, dass die aushäusige Betreuung von Kindern den Einfluss und die Prägekraft der Eltern verringert, teilt lediglich eine Minderheit der jungen Eltern: 26 Prozent der Bevölkerung, 18 Prozent der Eltern von Kindern unter 6 Jahren halten dies für einen stichhaltigen Einwand gegen den Ausbau der Krippenplätze. Noch weniger überzeugt die Prognose, dass daraus ein Druck auf Mütter erwachsen wird, früher wieder in den Beruf zurückzukehren als bisher: Nur 13 Prozent der Bevölkerung, 4 Prozent der Eltern von kleinen Kindern halten dies für wahrscheinlich.
Die breite Unterstützung für Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder signalisiert dabei keineswegs die Abkehr von der vorherrschenden Überzeugung, dass Mütter, deren Kinder noch klein sind, eine klare Priorität zugunsten der Betreuung der Kinder setzen sollten. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, Männer wie Frauen, hält es für wünschenswert, dass eine Mutter kleiner Kinder ihre Berufstätigkeit deutlich kürzt oder sogar aufgibt - auch, wenn die Mutter einen interessanten Beruf und berufliche Ambitionen hat.
Die Mehrheit junger Mütter schaltet beruflich zurück
Auch in diesem Fall halten es nur 20 Prozent für richtig, voll berufstätig zu bleiben; 55 Prozent favorisieren eine Teilzeittätigkeit, 14 Prozent den vollständigen Ausstieg aus dem Beruf. Auch in Ostdeutschland sprechen sich 57 Prozent der Bevölkerung für eine Minderung oder Aufgabe der Berufstätigkeit aus, 31 Prozent für eine bruchlose Weiterführung der beruflichen Laufbahn. In jüngster Zeit haben sich die Positionen dazu nur begrenzt verschoben. Die Forderung, dass eine junge Mutter mit beruflichen Ambitionen ganz aus dem Beruf aussteigen sollte, ist in den letzten fünf Jahren von 21 auf 14 Prozent zurückgegangen, die Favorisierung einer Teilzeittätigkeit von 52 auf 55 Prozent gestiegen; der Anteil, der für eine bruchlose Weiterführung einer Vollzeitberufstätigkeit plädiert, hat sich lediglich von 16 auf 20 Prozent erhöht.
Die überwältigende Mehrheit junger Mütter schaltet beruflich zurück. Von den Müttern, deren Kinder noch nicht schulpflichtig sind, sind in Deutschland 51 Prozent nicht berufstätig, weitere 12 Prozent nur stundenweise; 23 Prozent haben eine Teilzeitstelle, nur 14 Prozent sind Vollzeit berufstätig. Doch die Unzufriedenheit mit dieser Lage wächst - in doppelter Hinsicht. Viele nicht berufstätige Mütter hätten gerne zumindest über eine stundenweise oder Teilzeitbeschäftigung Kontakt zum Beruf; umgekehrt realisieren viele berufstätige Frauen nicht oder nur unvollständig ihre Kinderwünsche.
Polarisierende Betrachtung von Familie und Beruf
In den letzten Jahrzehnten dominierte eine polarisierende Betrachtung von Familie und Beruf, die Überzeugung von unvereinbaren Aufgaben, die nur durch eine konsequente Aufgabenteilung in den Familien oder durch eine strikte Trennung verschiedener Lebensphasen zusammengeführt werden sollten. Daher richtete sich auch die Politik lange Zeit in erster Linie an dem Drei-Phasen-Modell aus, das für Frauen zunächst die Ausbildung und erste Berufsjahre vorsah, dann den (weitgehenden) Ausstieg aus dem Beruf und die Konzentration auf die Familie, einige, meist viele Jahre später den Wiedereinstieg in den Beruf. Dieses Denken in Unvereinbarkeiten, die Überzeugung, dass Frauen sich zwischen Familie und Beruf entscheiden müssen, trägt wesentlich dazu bei, dass das Zeitfenster, in dem Frauen die Geburt von Kindern in Erwägung ziehen, ausgesprochen eng ist.
Wenn erst eine Ausbildung und dann erste Berufsjahre absolviert werden, sind die meisten Ende zwanzig/Anfang dreißig, bei einer akademischen Ausbildung zum Teil noch älter, ehe eine Familienphase in Erwägung gezogen wird. Gleichzeitig gehen die Kinderwünsche jedoch bereits Mitte dreißig massiv zurück. Eine Entscheidung in den Kategorien des Entweder-oder lässt ein anderes Ergebnis erwarten als ein Sowohl-als-auch. Deutschland hat einen auffallend hohen Anteil an Frauen, die keine Kinder bekommen, und zugleich einen bemerkenswert niedrigen Anteil an Frauen, die Karriere machen und eine Führungsposition einnehmen.
Zufriedene Mütter arbeiten in Teilzeit
Weder die berufstätige kinderlose Frau noch die Hausfrau und Mutter ohne Beruf entspricht dem Ideal der großen Mehrheit. 23 Prozent aller Frauen, 13 Prozent der Frauen unter dreißig Jahren halten für sich persönlich die Rolle der nicht berufstätigen Hausfrau und Mutter für ideal, nur 9 Prozent die Konzentration auf den Beruf und bewusste Entscheidung gegen Kinder. Die große Mehrheit ist überzeugt, dass eine Verbindung beider Bereiche ihren Wünschen und Neigungen am ehesten entspricht: 47 Prozent der weiblichen Bevölkerung sind überzeugt, dass sie als Mutter in Kombination mit einer Teilzeitbeschäftigung am zufriedensten wären, 14 Prozent in der Kombination von Kindern und Vollzeitberufstätigkeit. Den meisten geht es auch nicht um die ständige ganztägige externe Betreuung von Kindern, sondern um eine Infrastruktur, die es gestattet, Kinderbetreuung und eine Teilzeitbeschäftigung miteinander zu vereinbaren.
Die Sensibilisierung für die Defizite der deutschen Lage ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Vor wenigen Jahren waren 42 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass sich Familie und Beruf hier schlechter vereinbaren lassen als in anderen Ländern; heute ziehen 61 Prozent diese Bilanz. Nur 20 Prozent nehmen an, dass sich Familie und Beruf in Deutschland im Großen und Ganzen gut miteinander vereinbaren lassen. Entsprechend hofft die große Mehrheit auf mehr Möglichkeiten, beide Lebensbereiche und -aufgaben miteinander zu vereinbaren. Die Erwartungen richten sich sowohl an den Staat wie an die Wirtschaft. 67 Prozent halten es für besonders wichtig, dass sich die Politik für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzt; 93 Prozent sehen es auch als Aufgabe der Unternehmen, sich verstärkt dafür zu engagieren, ihren Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern.
Politik hängt am Leitbild der nicht berufstätigen Mutter
Das Engagement der Familienministerin hat nicht nur ihren Bekanntheitsgrad und ihr Ansehen in der Bevölkerung erhöht, sondern auch zu einer veränderten Einschätzung des Ranges und der Ziele der Familienpolitik geführt. Meist hatte die Bevölkerung in der Vergangenheit den Eindruck, dass die Bundesregierungen der unterschiedlichsten Couleur familienpolitischen Themen eher untergeordnete Bedeutung beimessen. Heute wird Familienpolitik als eines der vorrangigen Politikfelder wahrgenommen. Die Bevölkerung hat den Eindruck, dass sich die Bundesregierung neben der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, der Verbesserung der Rahmendaten für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung und die Verringerung der Staatsschulden vor allem auch für die Förderung von Familien mit Kindern einsetzt.
Gleichzeitig wird die Politik heute weniger auf ein bestimmtes Rollenmodell festgelegt wahrgenommen. Noch in der ersten Hälfte der neunziger Jahre war die Hälfte der gesamten Bevölkerung überzeugt, dass die Politik an dem Leitbild der nicht berufstätigen Mutter ausgerichtet ist. Heute gehen nur 16 Prozent davon aus, dass sich die Politik einseitig an diesem Rollenmodell orientiert; 33 Prozent haben den Eindruck, dass sich die Politik besonders darum bemüht, Frauen die Berufstätigkeit zu erleichtern, weitere 34 Prozent können keinerlei Fixierung auf ein bestimmtes Rollen- und Lebensmodell erkennen.
Erhöhte Erwartungen an die Familienpolitik
Die Diskussionen der letzten Monate haben die Erwartungen an die Familienpolitik deutlich erhöht. Das gilt für die finanzielle Unterstützung von Familien wie für den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur, für Maßnahmen zur besseren Überwachung und Unterstützung von Problemfamilien, für eine stärkere Anerkennung der Erziehungszeiten bei der Alterssicherung bis hin zum Einsatz für eine erfolgreichere Erziehung und Wertevermittlung in Schulen und Kindergärten. Unerwartet ist die Familienpolitik in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.