Die Rückseite des Schutzumschlages zeigt den ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair, breit grinsend, beim Händeschütteln mit Muammar al Gaddafi. Das Foto entstand zu einer Zeit, da sich der „Verrückte des Nahen Ostens“ (Ronald Reagan) nach außen hin gemäßigt hatte. 1999 hatte Gaddafi nämlich beschlossen, sich der internationalen Gemeinschaft wieder anzunähern. Am sichtbarsten wurde das, als er offiziell den Verzicht seines Landes auf Massenvernichtungswaffen verkündete. Dass der Westen, der Gaddafi jahrzehntelang mit guten Gründen isoliert hatte, dies politisch honorierte, konnte man verstehen; weniger allerdings, dass einige Politiker nun gleich wieder zu viel des Guten taten. Sie hätschelten den libyschen Diktator geradezu. Es hat ihm nichts genutzt: Sein Volk rebellierte gegen ihn, der Westen ließ ihn fallen wie seine arabischen Brüder, die ihn lange bestenfalls als Halbbruder geschätzt hatten. Am 20. Oktober 2011 töteten Rebellen den Führer der „Volksdschamahirija“ auf brutale, grausame Weise, nachdem sie seiner bei der Stadt Sirte habhaft geworden waren.
Wie konnte es dazu kommen? Die englische Nahost-Spezialistin Alison Pargeter bettet in ihrem Buch die Karriere des „Bruder Oberst“ in eine Geschichte des riesigen Wüstenlandes ein, die bis in die Antike zurückreicht. Weder Griechen noch Römer, Araber oder Osmanen, Italiener oder Engländer konnten oder wollten das Land, das aus drei großen Landschaften - Tripolitanien, Cyrenaika und dem Fezzan - besteht und von mehr als hundert Stämmen geprägt wird, zusammenschweißen. Gaddafi, immerhin, im Jahre 1943 in der Nähe von Sirte als Abkömmling von Beduinen geboren, versuchte es nach seinem unblutigen Putsch gegen König Idris I. al Senussi am 1. September 1969. Aber auch er scheiterte, Libyens Geschick wird nach wie vor von den Stämmen und vielen anderen partikularen Interessen bestimmt. Den Putsch, den der arabische Nationalist Gaddafi als Anhänger Nassers an der Spitze von Offizieren durchführte, schildert die Autorin detailliert.
Die 42 Jahre von Gaddafis Herrschaft unterteilt sie in drei Perioden. Zu Beginn war der neue Mann an der Spitze nicht unpopulär. Er beseitigte das alte Regime, schuf soziale Sicherheit für viele, förderte Ausbildung und Bildung, gerade auch für Mädchen und Frauen. In den achtziger Jahren ging er an die Gestaltung seines „Volksmassenstaates“, mit dem er hoffte, Vorbild für die arabische Welt und über sie hinaus zu werden. Doch die Volkskongresse mochten zusammentreten, sooft sie wollten: Libyen wurde mehr und mehr zur Autokratie. Gaddafi legte den Kurs fest. Das Experiment einer „Gesellschaft ohne Staat“ (stateless society), wie er es im „Grünen Buch“ niedergelegt hatte, scheiterte schon früher, als man bisher vermutet hatte.
Gaddafi stürzte sich nun in eine Phase außenpolitischer Abenteuer, mischte sich überall ein, wo er wirkliche oder vermeintliche Revolutionäre und „progressive Kräfte“ am Werke sah. Er führte Krieg im Tschad und engagierte sich vielerorts, ein Ehrgeiz, der ihn bald in den Terrorismus abgleiten ließ. Nicht nur in Arabien, auch außerhalb unterstützte er radikale Elemente. „Höhepunkte“ dieser Dekade waren der Anschlag auf die Diskothek „La Belle“ in Berlin, Präsident Reagans Antwort darauf (Bombardierung von Gaddafis Hauptquartier Bab al Azizija 1986) sowie die libysche „Rache“, über deren Urheberschaft lange diskutiert wurde: der Anschlag von Lockerbie 1988, der den Libyer endgültig zum internationalen Outcast machte. Die Amerikaner hatten ihn schon lange vorher dazu erklärt und mit Sanktionen belegt. Doch auch Moskau wusste mit dem „politischen Derwisch“ Muammar al Gaddafi immer wenig anzufangen. Ausführlich berichtet die Autorin zudem über Machtkämpfe innerhalb der Dschamahirija, die im Westen lange Zeit verborgen blieben.
Mitte der neunziger Jahre wurde Gaddafi von den Untertanen seines „Staates“, der kein Staat sein sollte und mit dem er einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus hatte beschreiten wollen, massiv herausgefordert. Der an sich loyale Stamm der Warfalla lehnte sich zeitweise gegen seine Herrschaft auf, ebenso die Tubu im Süden des Landes im Gebiet rund um die Kufra-Oasen. Ihre Erhebung ließ er niederschlagen, wie auch die Gefängnisrevolte von 1996. Doch wuchs auch der Widerstand religiöser, islamistischer Kreise gegen sein Modell. Hinzu kam, dass die Bevölkerung wenig Anteil hatte an den Segnungen der üppigen Erdöleinnahmen. Gaddafis Stellung war so bedroht, dass er sich zum Kurswechsel entschloss.
Die letzte Phase seiner Herrschaft war durch zweierlei gekennzeichnet: Die Ausländer kamen zwar zurück, Gastarbeiter aus Ägypten, der Türkei und vor allem aus schwarzafrikanischen Ländern strömten nach Libyen; doch aus den Reformen, die der Autokrat angekündigt hatte, wurde so gut wie nichts. Sie blieben halbherzig, so dass Alison Pargeter sie als „Chimäre“ bezeichnet. Gescheitert war auch schon lange Gaddafis Versuch, sich als Führer Afrikas zu stilisieren. Korruption und Klientelismus, in die auch die Söhne Gaddafis eingebunden waren, blühten. Nach dem Sturz Ben Alis in Tunesien und Mubaraks in Ägypten standen auch in Libyen die Zeichen auf Sturm.
Frau Pargeters Buch, die erste Zusammenfassung der jüngeren Geschichte Libyens seit dem Sieg der Rebellen, ist eine mit vielen Details und Insiderwissen gespickte Darstellung der Utopien und des Scheiterns dieses „grünen Anarchismus“. Zu Recht verweigert sie Vorhersagen über das künftige Schicksal Libyens ohne Gaddafi, das heißt einer Neuordnung, die volatil ist und noch mancherlei Unwägbarkeiten birgt. Dass Gaddafi das erst nach dem Zweiten Weltkrieg zaghaft aufgekeimte Pflänzchen einer Parteienlandschaft radikal durch sein misslungenes Experiment ausmerzte, gehört zu seinem noch lange nicht überwundenen, unguten Erbe, das dem Land, wie die aktuelle Lage zeigt, noch viele Schwierigkeiten bereiten dürfte. Auch nach der Wahl einer Nationalversammlung in diesem Sommer ist es in früheren Gaddafi-Hochburgen wie Bani Walid zu neuen Gewalttätigkeiten gekommen, welche die im Entstehen begriffene „Neue Ordnung“ herausfordern. Die wird noch eine Zeitlang andauern.
Alison Pargeter: Libya. The Rise and Fall of Qaddafi. Yale University Press, New Haven 2012. 289 S., 22,95 €.
Er hatte keine positive Staatsvorstellung
Bernhard Kopp von Brackel (BKBrackel)
- 21.12.2012, 08:45 Uhr
Er war ein guter Mann, der katastrophal scheiterte.
René Janssens (Fealcon)
- 19.12.2012, 02:00 Uhr