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Alison Pargeter: Libya Zuunterst ein Oberst

In den achtziger Jahren ging Muammar al Gadaffi in Libyen an die Gestaltung seines „Volksmassenstaates“. So hoffte er, Vorbild für die arabische Welt und über sie hinaus zu werden.

© REUTERS Vergrößern Gadaffi in Tripolis am 12. Juni 2010

Die Rückseite des Schutzumschlages zeigt den ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair, breit grinsend, beim Händeschütteln mit Muammar al Gaddafi. Das Foto entstand zu einer Zeit, da sich der „Verrückte des Nahen Ostens“ (Ronald Reagan) nach außen hin gemäßigt hatte. 1999 hatte Gaddafi nämlich beschlossen, sich der internationalen Gemeinschaft wieder anzunähern. Am sichtbarsten wurde das, als er offiziell den Verzicht seines Landes auf Massenvernichtungswaffen verkündete. Dass der Westen, der Gaddafi jahrzehntelang mit guten Gründen isoliert hatte, dies politisch honorierte, konnte man verstehen; weniger allerdings, dass einige Politiker nun gleich wieder zu viel des Guten taten. Sie hätschelten den libyschen Diktator geradezu. Es hat ihm nichts genutzt: Sein Volk rebellierte gegen ihn, der Westen ließ ihn fallen wie seine arabischen Brüder, die ihn lange bestenfalls als Halbbruder geschätzt hatten. Am 20. Oktober 2011 töteten Rebellen den Führer der „Volksdschamahirija“ auf brutale, grausame Weise, nachdem sie seiner bei der Stadt Sirte habhaft geworden waren.

Wie konnte es dazu kommen? Die englische Nahost-Spezialistin Alison Pargeter bettet in ihrem Buch die Karriere des „Bruder Oberst“ in eine Geschichte des riesigen Wüstenlandes ein, die bis in die Antike zurückreicht. Weder Griechen noch Römer, Araber oder Osmanen, Italiener oder Engländer konnten oder wollten das Land, das aus drei großen Landschaften - Tripolitanien, Cyrenaika und dem Fezzan - besteht und von mehr als hundert Stämmen geprägt wird, zusammenschweißen. Gaddafi, immerhin, im Jahre 1943 in der Nähe von Sirte als Abkömmling von Beduinen geboren, versuchte es nach seinem unblutigen Putsch gegen König Idris I. al Senussi am 1. September 1969. Aber auch er scheiterte, Libyens Geschick wird nach wie vor von den Stämmen und vielen anderen partikularen Interessen bestimmt. Den Putsch, den der arabische Nationalist Gaddafi als Anhänger Nassers an der Spitze von Offizieren durchführte, schildert die Autorin detailliert.

Die 42 Jahre von Gaddafis Herrschaft unterteilt sie in drei Perioden. Zu Beginn war der neue Mann an der Spitze nicht unpopulär. Er beseitigte das alte Regime, schuf soziale Sicherheit für viele, förderte Ausbildung und Bildung, gerade auch für Mädchen und Frauen. In den achtziger Jahren ging er an die Gestaltung seines „Volksmassenstaates“, mit dem er hoffte, Vorbild für die arabische Welt und über sie hinaus zu werden. Doch die Volkskongresse mochten zusammentreten, sooft sie wollten: Libyen wurde mehr und mehr zur Autokratie. Gaddafi legte den Kurs fest. Das Experiment einer „Gesellschaft ohne Staat“ (stateless society), wie er es im „Grünen Buch“ niedergelegt hatte, scheiterte schon früher, als man bisher vermutet hatte.

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Veröffentlicht: 16.12.2012, 16:10 Uhr

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Von Daniel Deckers

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