12.02.2008 · Gegen "Werbefeldzug" des türkischen Regierungschefs
Die Alevitische Gemeinde Deutschland hat die Äußerungen des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan scharf kritisiert. Der Generalsekretär des alevitischen Dachverbandes, Ali Ertan Toprak, warf Erdogan in einer Erklärung der Organisation vom Dienstag vor, einerseits Assimilation als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu kritisieren, andererseits aber einer Regierung vorzustehen, die selbst „Assimilationspolitik erster Güte“ betreibe.
Die Forderung, die Erdogan in Deutschland stelle, solle er zunächst in der Türkei selbst erfüllen. Er solle „in alevitischen Dörfern Schulen statt Moscheen bauen“. „Ethnische Minderheiten in der Türkei haben kein Recht auf Muttersprachunterricht an staatlichen Schulen, geschweige denn Schulunterricht in ihrer eigenen nichttürkischen Muttersprache“, sagte Toprak. Er kritisierte weiter, dass alevitische Kinder in der Türkei noch immer gezwungen seien, am sunnitisch-islamischen Pflichtunterricht teilzunehmen. „Erdogan versteht unter Religionsfreiheit nur die Freiheit des Kopftuches. Freiheiten für andere Religionen in der Türkei, wie zum Beispiel Christen, scheinen für ihn kein Thema zu sein.“
Die alevitische Gemeinde erteile dem Verlangen Erdogans nach türkischen Schulen und dem Einsatz von Lehrkräften aus der Türkei „eine klare Absage“. Die Aleviten zögen es vor, dass ihre Kinder „in einer Diskussions- und Streitkultur in Deutschland zu mündigen Bürgern erzogen“ würden und „Fähigkeit zur Selbstkritik“ erlernten. Den „nationalistisch-militärischen Drill des türkischen Bildungssystems“ lehnten sie entschieden ab. Toprak äußerte weiter, Erdogans Auftritt in der Köln Arena, sein „Werbefeldzug“ in Deutschland, sei ein „Vorgeschmack auf den Wahlkampf türkischer Parteien auf deutschem Boden“.
Die Aleviten sind in der Türkei nicht als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anerkannt. Von frommen sunnitischen Muslimen werden sie gar als Häretiker bezeichnet, und in den vergangenen Jahrzehnten war es mehrmals zu gewalttätigen Übergriffen durch Fanatiker gekommen. Prominente Vertreter von Minderheiten in der Türkei - etwa der Aleviten oder Armenier - hatten sich nach der Wahl Erdogans zum Ministerpräsidenten zunächst optimistisch geäußert, seine Regierung werde Reformen vorantreiben und ihre Rechte stärken.