Der amerikanische Präsident George Bush will auf Rat und Unterstützung von Alan Greenspan offenbar nicht verzichten, wenn dessen Amtszeit als Chairman der Notenbank Federal Reserve im Januar 2006 nach mehr als 18 Jahren zu Ende geht. In dieser Weise darf jedenfalls das Angebot an den bald 79 Jahre alten Währungshüter gelten, Bushs Kabinett als Finanzminister zu schmücken. Greenspan, dessen Einschätzung zu einer weiten Spanne von Fragen der Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht nur in der Regierung, sondern auch im Kongreß in Washington gefragt ist, sei vor einigen Wochen von Mittelsmännern des Präsidenten aus der republikanischen Partei gefragt worden, ob er sich einen Wechsel von der Spitze der Fed in das gleich neben dem Weißen Haus gelegene "Treasury" vorstellen könne, wird berichtet. Greenspan, so heißt es, habe dankend abgelehnt. Aus Sicht des Präsidenten wäre der weithin geachtete Notenbankchairman in der Tat eine ausgezeichnete Wahl gewesen, denn Bushs Bemühungen, das wirtschaftspolitische Profil seiner Mannschaft zu schärfen und einen Vordenker der Wirtschaftspolitik an den Kabinettstisch zu holen, sind bisher nicht besonders erfolgreich gewesen. Greenspans Einfluß im Kapitol hätte dem Präsidenten sicher dabei geholfen, die angestrebte Reform der staatlichen Rentenversicherung und die Vereinfachung des Steuersystems ins Werk zu setzen.
Das Angebot an Greenspan ist zugleich wenig schmeichelhaft für den amtierenden Finanzminister John Snow. Nachdem dieser sich mit großer Kraft im Wahlkampf eingesetzt hatte, schien ein Verbleib des ehemaligen Vorstandschefs des Transportunternehmens CSX im Amt sicher. Kurz nach dem Wahlsieg Bushs wurden dann aus dem Weißen Haus Gerüchte gestreut, Snow bleibe zwar, vermutlich aber nicht für die gesamte zweite Legislaturperiode. Der Druck auf den promovierten Ökonomen, der als Ersatz für den gescheiterten Paul O'Neill vor fast zwei Jahren zum 73. Finanzminister der Vereinigten Staaten ernannt worden ist, wuchs noch, als seine Verweildauer kurz darauf, ebenfalls aus dem Weißen Haus, auf wenige Monate beziffert wurde. So drängt sich der Eindruck auf, daß Bush den Schulterschluß mit seinem Minister erst nach Greenspans Absage und der vergeblichen Suche nach anderen geeigneten Kandidaten übte.
Aus dem Umfeld Greenspans wird zugleich ein Name als möglicher Nachfolger von Harvard-Ökonom Greg Mankiw als Vorsitzender des Stabes der Wirtschaftsberater im Weißen Haus genannt: Ben Bernanke, von Bush vor gut zwei Jahren von der Universität Princeton als Direktoriumsmitglied zur Federal Reserve geholt, soll Berichten zufolge womöglich das Council of Economic Advisors (CEA) führen, wenn Mankiw erwartungsgemäß im Frühjahr an die Harvard-Universität zurückkehrt. Bernanke, der sich in der akademischen Welt vor allem mit seinen Arbeiten zur Geldpolitik einen ausgezeichneten Ruf erworben hat, ist bisher nicht durch politische Äußerungen in Erscheinung getreten, sondern hat sich in Vorträgen und Reden auf Themen der Geldpolitik konzentriert. Bernanke plädiert für eine stärker regelgebundene Zinspolitik, die die Fed zur Veröffentlichung und Ansteuerung eines Inflationsziels verpflichten würde.
Sein behutsamer Einsatz für einen solchen Strategiewechsel hat ihm im Gegensatz zu manchen seiner Vorgänger, darunter Princeton-Kollege Alan Blinder, bisher nicht den Zorn Greenspans zugezogen. Als Chef des Stabs der Wirtschaftsberater hätte Bernanke die Chance, die amerikanische Wirtschaftspolitik entscheidend zu prägen. Dies ist zuletzt Glenn Hubbard gelungen, der als Architekt der Steuersenkungen der vergangenen Jahre gilt und nun Dekan der betriebswirtschaftlichen Fakultät der Columbia Universität in New York ist. Zugleich kann der Posten des Chairman des CEA als Sprungbrett für noch höhere Weihen dienen: Sollte sich Bernanke bewähren, rückte seine Berufung zum Notenbankchef in greifbare Nähe. Greenspan hatte dieses Gremium für Präsident Gerald Ford geführt.