Fünf Männer stehen seit Dienstag in Frankfurt vor Gericht. Sie sollen einen Anschlag auf ein Ziel im Herzen Europas geplant haben. Der Tipp, der zu ihrer Festnahme führte, kam von einem französischen Geheimdienst: Drei im Herbst 2000 nach Deutschland eingereiste Algerier planten mit Landsleuten in der Bundesrepublik einen Terroranschlag, teilten die Franzosen ihren Kollegen vom Bundesverfassungsschutz mit. Die Observierung begann.
Als die Beobachter des Bundesverfassungsschutzes am 26. Dezember 2000 feststellten, dass die Männer ein Waffenlager verlegten, schlugen sie zu. Vier Mitglieder einer mutmaßlich mit der Al-Qaida in Verbindung stehenden Islamisten-Gruppe wurden festgenommen: Lamine Maroni (31) nach dem der Prozess in den Gerichtsakten benannt ist, Fuhad Sabur (37), Salim Bukhari (30) und Aeurobi Beandali (26).
Lange Verbrechensliste
Die Liste der Vorwürfe ist lang: Vorbereitung zum Mord und einer Sprengstoffexplosion, Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung, illegaler Waffenbesitz und Urkundenfälschung. In einer der beiden durchsuchten Wohnungen in der Frankfurter Sigmund-Freud-Straße 55, wurden rund 30 Kilo Chemikalien zur Herstellung von Sprengstoff nebst Anweisungen zum Bau von Bomben und Zündern gefunden. Darüber hinaus entdeckten die Fahnder gefälschte Ausweise, zwei Maschinenpistolen, zwei Gewehre, drei Pistolen und einen Revolver sowie größere Mengen passender Munition.
Wochenlang waren die Männer mit falschen Papieren und gefälschten Kreditkarten durch Apotheken im ganzen Bundesgebiet getingelt und hatten sich mit den Chemikalien eingedeckt.
Wem galt der geplante Anschlag?
Der brisanteste Fund für Prozess ist jedoch ein Videoband, das die Männer aufgenommen haben: Auf ihm wird die Autostrecke von Baden-Baden, wo die vier für den Jahreswechsel 2000/ 2001 zwei Appartements gemietet hatten, nach Straßburg dokumentiert. Entsprechende Kommentare angesichts der Bilder des Marktes (“Ihr fahrt zur Hölle, so Gott will“) brachten die Fahnder zu dem Schluss, es müsse kurz vor dem Jahreswechsel eine Attacke auf den Straßburger Weihnachtsmarkt geplant gewesen sein, der im Gegensatz zu deutschen Weihnachtsmärkten bis Ende Dezember dauert.
Ein zentraler Punkt wird in dem Prozess die mutmaßliche Nähe des Angeklagten zum Al-Qaida-Netzwerk des Terroristenführers Usama Bin Ladin sein. Laut Bundesanwalt Kay Nehm wurden die Männer ab 1998 in afghanischen Ausbildungslagern auf den Terrorkrieg vorbereitet, bildeten aber möglicherweise eine eigene Zelle, mit Verbindungen nach Mailand und London.
Anführer entwischte nach Spanien
Im April vergangenen Jahres wurde mit Samir Karimu ein weiteres Mitglied der Gruppe verhaftet, dem allerdings nur die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen wird. Der mutmaßliche Anführer der Bande, Mohammed Bensakhria, der sich zweitweise „Meliani“ nannte, wurde im Juni spanischen Alicante verhaftet, nachdem er den deutschen Ermittlern offenbar an Weihnachten 2000 entwischt war.
Der Prozess in Frankfurt, der wegen der angenommenen Verbindung zu Al-Qaida unter massivsten Sicherheitsvorkehrungen stattfindet (siehe „Festung Frankfurt“), könnte mit einer Überraschung beginnen: Beandali, der jüngste der Angeklagten, will offenbar als Einziger eine Aussage machen. Die Anwälte der übrigen Angeklagten befürchten, der Alleingang von Beandalis Pflichtverteidiger Achim Groepper, ruiniere eventuell die Aussichten ihrer eigenen Mandanten.
Alle wollen schweigen - bis auf einen
Diese wollen sich nämlich zur Sache nicht äußern in der Hoffnung, die Bundesanwaltschaft werde an den Mühen der schwierigen Beweisführung scheitern. Zwar werde auf Grund des illegalen Waffenbesitzes keiner freigesprochen werden, so Bukharis Anwalt Rainer Koch. Die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und die Vorbereitung zum Mord sind jedoch trotz der 357 zusammengetragenen Beweismittel nur sehr schwer nachzuweisen.
Nun sieht es so aus, als wolle Beandali, der als abgelehnter Asylbewerber schon seit 1992 illegal in der Bundesrepublik lebt und wegen Drogenhandels vorbestraft ist, auspacken. Möglicherweise, so die dumpfe Andeutung Groeppers, kommt dabei heraus, dass es gar nicht um den Weihnachtsmarkt ging. Ein Team des ARD-Magazins „Report“ will herausgefunden haben, das Anschlagsziel sei tatsächlich eine Straßburger Synagoge gewesen (siehe Link).