28.01.2010 · Am Horn von Afrika ist ein neues Dreieck des Terrors entstanden. Dschihadisten von Al Qaida und Kämpfer der islamistischen Shabaab-Milizen bewegen sich zwischen dem Jemen, Saudi-Arabien und Somalia. Ihren Kampf finanzieren sie mit dem Schmuggel von Waffen und Drogen.
Von Rainer HermannAls die jemenitische Luftwaffe Mitte Dezember in der Provinz Abyan eine Al-Qaida-Stellung bombardierte, waren unter den Getöteten auch Somalier. Anfang Januar wurden nahe der Stadt Taizz somalische Dschihadisten gefangen genommen. Der Attentäter, der im März 2009 in Shibam vier koreanische Touristen getötet hat, war in Somalia ausgebildet worden. Zuletzt versicherten sich Al-Shabaab-Führer und jemenitische Al-Qaida-Kommandeure ihrer gegenseitigen Unterstützung.
Am Horn von Afrika ist ein neues Dreieck des Terrors entstanden. Dschihadisten von Al Qaida und Kämpfer der islamistischen Shabaab-Milizen aus Somalia bewegen sich zwischen dem Jemen, Saudi-Arabien und Somalia, tauschen Waffen und Informationen, bilden sich gegenseitig aus. Unter den somalischen Flüchtlingen, die an den Küsten des Jemen stranden, sind zahlreiche Al-Shabaab-Miliziönäre. Die Bergwelt zwischen dem Jemen und Saudi-Arabien ist für die Dschihadisten kein Hindernis, sondern Deckung.
Zahl der Al-Qaida-Kämpfer wächst
Im Jemen habe Al Qaida 500 bis 600 Krieger unter Waffen, schätzt Mohammad Saif Haidar, Terrorismusexperte am Forschungszentrum Sheba in Sanaa. Überwiegend sind es Jemeniten und Saudis, aber auch Dschihadisten aus Somalia, Afghanistan und arabischen Staaten wie Ägypten haben sich angeschlossen. Östlich der Hauptstadt Sanaa beschreiben ihre Unterschlupfe einen Bogen durch die Provinzen Dschauf, Marib, Shabwa und Abyan. Dort ist der Zentralstaat kaum präsent.
Die Zahl der Al-Qaida-Kämpfer wächst. Der Konflikt im Südjemen zwischen der Zentralregierung und den Separatisten treibt dem Terroristennetz Sympathisanten in die Arme, ebenso wie die zivilen Opfer der Luftangriffe. Nährboden für die Radikalisierung bildet zudem die Armut, selbst in der Hauptstadt Sanaa in Armenvierteln wie Mathbah und Sunaines.
Reiche Saudis hatten die Dschihadisten im Jemen lange finanziert. Mit den Erfolgen der Terrorbekämpfung in Saudi-Arabien versiegte diese Quelle, und Al Qaida musste sich neue Einnahmen erschließen. Nun finanzieren die Dschihadisten ihren Kampf vor allem mit dem Schmuggel von Waffen und Drogen, der in den vom Staat nicht kontrollierten Regionen östlich der Hauptstadt blüht. Dort wurde Al Qaida Teil mafiöser Strukturen und des organisierten Verbrechen. Die Küsten und die Landgrenze zu Saudi-Arabien sind kaum zu überwachen, zumal die Grenzabkommen zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen den lokalen Stämmen eine freie Bewegung über die Grenze zusichern. So ist der Jemen für das Heroin aus Afghanistan und Pakistan das wichtigste Transitland auf der Arabischen Halbinsel. Die Landroute führt offenbar durch die Provinzen Hadramaut, Dschauf und Saada. An der Küste soll es Schmuggelhäfen am Roten Meer um die Hafenstadt Hudaida geben.
Al Qaida kommt im Jemen leicht an Waffen
Der Waffenschmuggel hat im Jemen eine lange Tradition. In den vergangenen 40 Jahren hat das Land viele Kriege erlebt, was den ungebrochenen Zufluss an Waffen zum Teil erklärt. Die Waffen stammen aus russischer und chinesischer Produktion, auch aus Israel. Ins Land gelangen sie über nicht kontrollierte Küstenstreifen, etwa nördlich von Hudaida im Umfeld von Midi, oder entlang der langen Küsten der Provinzen Abyan, Shabwa und Hadramaut. Der Staat gibt zudem Waffen an Stammesführer ab, die wiederum auf dem Schwarzmarkt damit handeln. Al Qaida kommt in dem Land somit leicht an Waffen – und die Armut des Landes erleichtert die Rekrutierung neuer Kämpfer.
1994 hatte die Regierung noch mit radikalen Islamisten zusammengearbeitet, als die Armee des Nordjemen vier Jahre nach der Wiedervereinigung einen Sezessionsversuch des Südens blutig niederschlug. Dschihadisten, die sich zuvor auf Afghanistan konzentriert hatten, fanden so im Jemen ein neues Betätigungsfeld. Zu den Rückkehrern aus Afghanistan gehörte etwa Tariq al Fadhli, ein Weggefährte Usama bin Ladins.
Spätestens mit dem Anschlag auf die „USS Cole“ im Jahr 2000 stand die jemenitische Regierung unter massivem Druck der Amerikaner, im Kampf gegen Al Qaida zu kooperieren. Von 2002 arbeiteten die Jemeniten eng mit den Amerikanern zusammen; Sondereinheiten und die CIA konnten im Land Terroristen aufspüren. Im November 2002 liquidierte eine Drohne, die in Djibouti gestartet war, den Führer von Al Qaida, Abu Ali al Harithi, und fünf weitere Terroristen. 2003 galt Al Qaida im Jemen als besiegt. Das Terrornetz erstarkte wieder, als sich saudische Dschihadisten vor der Verfolgung im eigenen Land im Jemen in Sicherheit brachten. Im Februar 2006 gelang 23 wichtigen Dschihadisten der Ausbruch aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Sanaa. Bis heute ist nicht geklärt, wer ihnen half.
Krieger genießen Schutz von Stämmen
In Somalia wie in Afghanistan, Pakistan und im Jemen nutzt Al Qaida das Vakuum, das durch die Schwäche des Zentralstaats entsteht. Die Krieger genießen den Schutz von Stämmen, denen sie angehören: den Abidah in Marib, den Nahm in Jawf und Marib, den Awaliq in Shabwa und Abyan sowie den Bani al Harith. Diese Stämme kontrollieren die Al-Qaida-Terroristen zwar nicht. Sie erlauben ihnen aber auch (noch) nicht, jemenitische Zivilisten zu töten.
Der Terrorexperte Haidar lässt keinen Zweifel daran, dass der militärische Druck auf Al Qaida aufrechterhalten werden muss. Zudem benötige der Jemen die Erkenntnisse der amerikanischen Aufklärung. Al-Qaida-Kämpfer müssten in ihre Stellungen eingeschlossen und ihre Kommunikation müsse überwacht werden. Wichtig sei, mit einer Strategie der Drohung und gleichzeitiger Angebote materieller Gegenleistungen die Loyalität der Stammesführer zu gewinnen. Zudem müsse die Überwachung der Küste verbessert werden, etwa durch den Einsatz von Hubschraubern.
Ein Schelm wer Arges denkt!
Harry LeRoy (Cimon)
- 29.01.2010, 23:06 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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