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Al Qaida Dschihadisten und Nationalisten suchen den Schulterschluß

28.12.2004 ·  Ziel Usama Bin Ladins könnte sein, im Irak eine neue Generation von Dschihadisten heranzubilden. Der Schulterschluß der Dschihadisten um ihn und Zarqawi mit einem Teil der aufständischen Nationalisten würde diese Basis verbreitern.

Von Rainer Hermann, Istanbul
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Der Wahlkampf findet im Irak nicht mit Programmen statt, sondern mit Gewalt. Jeden Tag nimmt sie weiter zu. Das gescheiterte Attentat auf den führenden Schiitenpolitiker des Landes und der Aufruf Bin Ladins, die Wahlen zu boykottieren - Versuche, noch mehr Öl ins Feuer der Gewalt zu gießen.

Bisher waren die Schiiten besonnen genug, auf die Gewalt der sunnitischen Nationalisten und der islamistischen Dschihadisten nicht mit Gegengewalt zu antworten. Die Ermordung von Abdalaziz al Hakim, der das Land in Zukunft führen könnte, würden viele Schiiten aber kaum mehr tatenlos hinnehmen.

Sein Vater sei bei guter Gesundheit und entschlossen, den politischen Prozeß trotz des Attentatversuchs fortzusetzen, sagte Amar al Hakim, der Sohn von Abdalaziz al Hakim, der mit Billigung von Großajatollah Sistani den schiitischen Wahlblock anführt und damit die besten Aussichten hat, nach den Wahlen die Regierung zu bilden. Dabei ist Hakim erst nach der Ermordung seines charismatischen Bruders Muhammad Baqir al Hakim an die Spitze von Sciri gerückt, dem Hohen Rat für die Islamische Revolution im Irak.

Keine Islamische Republik

Auch wenn er als Redner weit weniger die Massen in seinen Bann zu ziehen vermag als sein Bruder, wird er heute in allen Meinungsumfragen als der bekannteste Politiker des Iraks genannt. Nachdem Dschihadisten im August 2003 seinen Bruder in Nadschaf ermordet hatten, übernahm der jüngere Abdalaziz die Bewegung. Dabei lehnte er sie eng an die führende schiitische Geistlichkeit in Nadschaf an. Das sicherte al Hakim, dessen schwarzer Turban ihn als Nachkommen des Propheten Muhammad ausweist, die Sympathie der meisten irakischen Schiiten. Hakim war zwar mit seinem Bruder über zwei Jahrzehnte im iranischen Exil. Er und Sistani weisen aber Vorwürfe zurück, im Irak eine Islamische Republik nach dem Vorbild Irans einführen zu wollen.

Hakims Sohn vermutet die sunnitischen Nationalisten und islamistischen Dschihadisten hinter dem gescheiterten Attentat. Die sunnitische Minderheit weiß, daß sie seit dem Sturz von Saddam Hussein im Irak keine Rolle mehr spielt und daß sie in einer Demokratie erstmals von den Schiiten regiert wird. Als die Verlierer im neuen Irak versuchen die Sunniten, die Wahlen zu verhindern und die Schiiten durch die Eskalation der Gewalt in einen Bürgerkrieg zu verwickeln.

„Emir von Al Qaida im Zweistromland“

Dazu paßt, daß der Sender Al Dschazira am selben Tag, an dem die einzige bedeutende sunnitische Partei, die Irakische Islamische Partei, ihre Kandidatur zurückzog, ein Tonband Bin Ladins ausstrahlte. In dem brandmarkte er jeden als „Gottlosen“ (kafir), der wählen geht. Denn die neue Verfassung berücksichtige nicht ausreichend den Islam. Erstmals nannte Bin Ladin auf dem Tonband den jordanischen Terroristen Zarqawi den „Emir von Al Qaida im Zweistromland“, und er forderte zum Gehorsam gegenüber diesem Emir auf. Den Zusammenschluß von Al Qaida und Zarqawis Gruppe im Irak bezeichnete Bin Ladin zudem einen "wichtigen Schritt in den Bemühungen der Mudschahedin, einen Staat des Guten zu errichten".

Mit dem Tonband verfolgt Bin Ladin mehrere Zwecke. Indem er zum Boykott der Wahl und zur Schaffung einer islamischen Theokratie im Irak aufruft, will er sich erstens als politischen Akteur in Szene setzen, der jenseits des Terrors auch ein Programm verfolgt. Zweitens hofft er, durch den Zusammenschluß mit Zarqawi von dessen wachsender Popularität zu profitieren. Da die zahlenmäßige größere Gruppe der nationalistischern Aufständischen keine eindeutig identifizierbare Führerperson hervorgebracht hat, kann sich Zarqawi als der bekannteste unter ihnen profilieren, dem es zudem gelingt, den Wahltermin des 30. Januar in Frage zu stellen. Drittens riskiert Bin Ladin mit dem jüngsten Tonband einen Bruch mit Iran, über dessen Territorium der Landweg von Afghanistan in den Irak verläuft. Denn Iran ist an den Wahlen am 30. Januar und an einem schiitisch regierten Irak interessiert.

Bin Ladin blickt wieder stärker auf den Nahen Osten

Offenbar richtet Bin Ladin sein Augenmerk wieder stärker auf den Nahen Osten und weniger auf den Westen. Ziel könnte sein, im weitgehend gesetzlosen Irak eine neue Generation von Dschihadisten heranzubilden. Der Schulterschluß der Dschihadisten um Bin Ladin und Zarqawi mit einem Teil der Nationalisten, denen seit der Verhaftung von Saddam Hussein eine Führungsfigur fehlt, würde diese Basis nur verbreitern.

Beiden Gruppen geht es zunächst darum, einen schiitischen und einen demokratischen Irak zu verhindern. Solange sie dieses Ziel verbindet, ist es für sie zweitrangig, daß eine Gruppe eine Theokratie nach dem Vorbild der Taliban anstrebt und die andere einen sunnitischen arabisch-nationalistischen Irak ohne Saddam Hussein. So aber arbeiten die beiden Gruppen zusammen. Die Nationalisten verfügen zwar über größere Ressourcen, die Dschihadisten jedoch über ein Gesicht und nun auch über die ausdrückliche Unterstützung von Bin Ladin.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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