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Al Qaida Die „Vasallen“ Bin Ladins bedrohen auch Europa

13.04.2007 ·  Das islamistische Terrornetz kämpft für die Befreiung von Jerusalem bis Andalusien. Die jüngsten Anschläge in Nordafrika sind auch eine Bedrohung für Europa. Die Regierungen im Maghreb tun sich noch schwer, gemeinsam gegen den Terror zu kämpfen. Von Leo Wieland.

Von Leo Wieland, Madrid
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Nach den Anschlägen in Algerien und Marokko stellten die Urheber klar, worum es ihnen eigentlich geht. Die erklärten „Vasallen“ Usama Bin Ladins bezichtigten sich nicht nur der jüngsten Verbrechen ihrer Selbstmordattentäter in Nordafrika. Sie nannten auch abermals ihr eigentliches Ziel: „Die Befreiung der islamischen Erde von Jerusalem bis nach Al Ándalus.“

Fünf Jahre nach den Anschlägen in Casablanca, drei Jahre nach den Madrider Zugattentaten und zwei Jahre nach den Anschlägen von London fühlt sich die Terrororganisation „Al Qaida im islamischen Maghreb“ offenbar stark genug, die offene Auseinandersetzung mit den Regierungen in Algerien, Marokko und Tunesien zu suchen. Gleichzeitig droht sie in Europa besonders Spanien und Frankreich, wo ihre Mitglieder offenbar schon aktiv sind.

„Pensionen“ für Selbstmordattentäter-Angehörige

In Nordafrika kooperieren die Islamisten besser als die Regierungen, die sie bekämpfen. Algerien und Marokko halten seit Jahren ihre Landgrenze geschlossen und tun sich beim gemeinsamen Kampf gegen die militanten Islamisten unverändert schwer tun. Zum demonstrativen Schulterschluss der radikalen Muslime kam es dagegen schon im vorigen September.

Bombenanschläge in Algier

Damals erklärte sich die algerische „Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf“ (GSPC), die stärkste regionale Terrororganisation, nicht nur zu bedingungslosen Gefolgsleuten Bin Ladins, sondern bat diesen auch, sich offiziell in „Al Qaida im islamischen Maghreb“ umbennenen zu dürfen. Das geschah dann zu Beginn dieses Jahres.

Mit dem Plazet des Anführers verbesserten sich wohl nicht nur Organisation, die Logistik und die Finanzen - „Pensionen“ für Angehörige von Selbstmordattentätern kamen hinzu -, sondern auch das Zusammenspiel mit der benachbarten „Marokkanischen Gruppe islamischer Kämpfer“ (GICM).

Gründer der „Kampfgruppe“

Eine Schlüsselrolle bei Strategie, Planung und Ausführung von Anschlägen der nordafrikanischen Zweigstellen und ihrer Vernetzung mit Sympathisanten und „Schläferzellen“ in Europa, Deutschland eingeschlossen, wird von westlichen Aufklärungsfachleuten der „Nummer 2“ von Al Qaida, dem gebürtigen Ägypter Ayman al Zawahiri, zugeschrieben. Dieser „Statthalter“ Bin Ladins soll unter anderem die Weisung gegeben haben, dass die Attentäter von Algier und Casablanca in dieser Woche sich lieber mit Sprengstoffgürteln selbst töten als in die Hände der Polizei fallen sollten.

Die marokkanischen Behörden bringen Zawahiri ebenfalls als Drahtzieher in Verbindung mit Mohamed Guerbuzi, einem Marokkaner britischer Staatsangehörigkeit, der ihnen als Gründer der „Kampfgruppe“ gilt. Ein Familienmitglied Guerbuzis - dieser wurde schon wiederholt vergeblich von Scotland Yard „überprüft“ - ist angeblich mit Zawahiri verheiratet.

Verstärkung an die algerische Grenze

Während sich Al Qaida als Terrororganisation im Maghreb konsolidierte und ihre, überwiegend in Algerien ausgebildeten, Kommandos zu Beginn dieses Jahres auch in Tunesien in gewaltsame Zusammenstöße verwickelt wurden, reagierten die gefährdeten Länder unterschiedlich und oft nur langsam. Tunesiens Präsident Ben Ali war die Ausnahme. Aber Algerien und Marokko schafften es nicht, ihre zahlreichen Konflikte, unter anderem wegen der Westsahara, im gemeinsamen Interesse zu überbrücken.

König Mohamed VI., dessen Problembewusstsein insbesondere von den eng verbündeten Vereinigten Staaten geschärft wurde, entsandte immerhin mehrere tausend Soldaten zur Verstärkung an die algerische Grenze, um den Waffenhandel und die Bewegungsfreiheit der militanten Islamisten einzuschränken. Von einem direkten Austausch der Geheimdienste kann aber noch nicht die Rede sein. Man kommuniziere, so heißt es mit leichter Verlegenheit aus dem Munde nordafrikanischer Diplomaten, „notfalls recht gut mit Hilfe der Amerikaner“.

Hinweis auf die „Befreiung Andalusiens“

Die Europäer, vor deren Haustür der mediterrane Krisenbogen am anderen Ufer beginnt, spielen dabei über punktuelle Finanzhilfen hinaus noch immer keine große Rolle. Es sind die Amerikaner, die in Nordafrika „Horchposten“ eingerichtet und die Satellitenbeobachtung verstärkt haben. Sie unterstützen die von inneren Feinden gefährdeten Regierungen mit Militärhilfe und sehen die Terroraktivitäten Al Qaidas in ihrem internationalen, über Ostafrika und Nahen Osten bis in den Irak und Afghanistan reichenden Kontext. Ihre Geheimdienste warnen nun zusammen mit den algerischen und marokkanischen die Europäer vor den unmittelbaren Auswirkungen eines druckvolleren Vorgehens gegen die Islamisten zuhause: die Flucht über die Straße von Gibraltar.

Spanien mit inzwischen rund einer Million legaler und illegaler Einwanderer aus dem Maghreb ist der „Frontstaat“. Achtzig Prozent aller Terrorverdächtigen, die hier in den vergangenen fünf Jahren festgenommen wurden, stammen aus Marokko und Algerien. Sie waren auch die Haupttäter bei dem Madrider Massaker vom 11. März 2004 und hatten vereinzelt Kontakte zu den Attentätern von Casablanca. Der gegenwärtige Prozess in der spanischen Hauptstadt gegen die überlebenden Verdächtigen hat schon wegen möglicher „Vergeltungsaktionen“ zu erhöhter Alarmbereitschaft geführt. Die Anschläge von Algier und Casablanca mit dem Hinweis auf die „Befreiung Andalusiens“, als Leitmotiv,hat im Madrider Innenministerium „höchste Besorgnis“ hervorgerufen.

„Rekrutierung“ nordafrikanischer Kämpfer

Die Botschaften in Rabat und Algier zählen ebenso wie die „spanischen Kolonien“ Ceuta und Melilla zu den potentiellen Angriffszielen. Die Selbstmordattentate von Casablanca, bei denen im Mai 2003 insgesamt fünfundvierzig Menschen umkamen, richteten sich auch gegen eine Kultur- und Begegnungsstätte: das „spanische Haus“. Vier Spanier, drei Franzosen und ein Italiener waren damals unter den Toten.

In diesem April werden nun wieder neben Attacken auf Regierungsgebäude, Polizeistationen und Kasernen auch Anschläge auf „ausländische Interessen“ und touristische Einrichtungen befürchtet. Zu Letzteren zählen Etablissements, in denen Alkohol ausgeschenkt wird oder Glückspiele erlaubt sind. Das „spanische Haus“ von Casablanca, in dem Bingo gespielt wurde, war auch als Lokal, in dem „das Laster regiert“ ins Visier der Terroristen geraten.

Für Al Qaida ist die „Rekrutierung“ nordafrikanischer Kämpfer sowohl für den „Heiligen Krieg“ in Afghanistan und im Irak als auch für Selbstmordattentate in ihren Heimatländern in letzter Zeit offenkundig leichter geworden. Bei den „Freiwilligen“ handelt es sich häufig um junge, arbeitslose, wenig gebildete Männer aus den Elendsvierteln der Großstädte. Religiös und ideologisch indoktriniert, fanatisiert und mit höchst konkreten Vorstellungen von ihrer Belohnung im „Paradies“, glauben viele, nur wenig zu verlieren zu haben.

Einer von ihnen war Abdelfatah Raydi, der zu Beginn der Attentatswelle dieser Woche am 11. März in einem Internetcafe in Casablanca seinen Sprengsatz zündete. Er war, so wie sein Bruder, der nun auf die gleiche Weise umkam, vorbestraft. Vor zwei Jahren kam Raydi durch eine königliche Amnestie wieder auf freien Fuß. Im Gefängnis soll er allein mehrere Dutzend Kämpfer für die Sache der Islamisten gewonnen haben.

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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