14.02.2006 · Der Akademie der Künste in Berlin droht eine ernste Krise, die sich durch eine Verkettung scheinbar geringfügiger Fehler ankündigt. Ihr Autoritätsverlust ist nicht zu übersehen.
Von Henning RitterNicht einmal ein Jahr ist vergangen seit der feierlichen Eröffnung des neuen Hauses der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz, gegenüber dem Brandenburger Tor, einer der nobelsten Adressen, die die Hauptstadt zu bieten hat. Die in dieser Umgebung eigentlich unzulässige Glasfassade von Günter Behnisch wurde als Symbol der Transparenz, das Haus selbst, inmitten von Rekonstruktionen und Repliken, als Zeichen der Urbanität, als Versprechen jener schöpferischen Unruhe, die einer Akademie anstehe, gepriesen.
Doch kaum bezogen, machten Fehler der Klimatisierung, Schimmel im Archivkeller, zweckwidrige Raumaufteilungen bald vergessen, was in der Begeisterung über die endlich wiedervereinigte Akademie voreilig verklärt worden war. Wären es nur die Raumprobleme des Hauses am Pariser Platz, man könnte sie getrost dem Bauherrn überlassen. Doch schon die Lage am Brandenburger Tor macht deutlich, daß es sich nicht um eine akademische Frage handelt. Und zum satzungsmäßigen Auftrag, auf den die Akademie stolz verweist, gehört auch die Beratung der Regierung, so daß ihr manche einen nationalen Rang zusprechen.
Dramatische Spannungen
Seit ihr Präsident Adolf Muschg seinen Rücktritt erklärt hat, sind dramatische Spannungen in der Struktur der Akademie sichtbar geworden zwischen ihrer Führung und den Sektionen, zwischen ihren öffentlichen Aufgaben und der Nachlaßpflege. Mit Beginn des Jahres ist die Berliner Akademie überdies eine Einrichtung des Bundes, dessen Akademiegesetz sie untersteht. Doch damit allein läßt sich die Heftigkeit nicht erklären, mit der um den Einfluß des Präsidenten und die Unabhängigkeit der Sektionen gekämpft wird.
Die Flucht in die Satzungsdiskussion läßt sich auf die Panik zurückführen, mit der die aufgeschreckten Akademiemitglieder vor der nun am herausgehobenen Ort besonders anspruchsvoll zu definierenden Aufgabe gegenüber der Öffentlichkeit zurückschrecken. Sie sehen sich in Debatten gedrängt, aber auch zum Entertainment verführt. Solche Erwartungen können über kurz oder lang zu einer ernsten Krise der Berliner Akademie führen, die sich schon jetzt durch eine Verkettung scheinbar geringfügiger Fehler ankündigt.
Akademie des Gemeinwohls
Die Aufgabe einer Akademie ist neu zu formulieren. Die unterschiedlichen Rezepte, die in der geteilten Stadt mit größerem oder geringerem Erfolg praktiziert wurden, und auch die Präsidialpolitik der Übergangsjahre können die gewünschte Wirkung nicht mehr erzielen in einer Situation, in der die Akademie keinen privilegierten Zugang zur Öffentlichkeit mehr hat. Mittlerweile ist der öffentliche Raum erfüllt von Stellungnahmen und Erklärungen. Kein Schriftsteller, der auf die Politik einwirken möchte, braucht um Gelegenheiten zu bangen, seine Stimme zu erheben. Die Öffentlichkeit selbst ist zu einer Akademie des Gemeinwohls geworden, besorgt um Minderheiten, Verfolgte und unbeachtete Gruppen. Jede Krise findet ihre Experten, die all das sagen und raten, was auch ein Akademiepräsident und die von ihm vertretene Korporation nicht besser sagen könnten.
Blickt man zurück auf die Gründung der Sektion für Dichtkunst bei der Preußischen Akademie im Jahre 1925, so kann man den ungeheuren Abstand zur heutigen Lage ermessen. Wie neu der Einfall war, daß Schriftsteller, Dichter gar, sich der Gesellschaft verpflichtet sehen sollten, bezeugen Thomas Manns Überredungskünste, mit denen er deutschen Künstlern die „gesellschaftlichen, geselligen Instinkte“ nahezubringen suchte, um sie mit dem Gedanken des sozial verantwortlichen Künstlertums vertraut zu machen. Dagegen stand die Auffassung der Literatur als „reiner Dämonie“. Oder salopper das Wort von Max Liebermann: „Jeder Künstler ist seine eigene Akademie.“
Untergegangen im Rausch der Debatten
Das glauben auch heute noch manche, auch in der Berliner Akademie, wenn sie sich um ihre Kunst sorgen, von der sie durch Satzungsquerelen, durch Erklärungen und Stellungnahmen zu diesem und jenem ferngehalten werden. Und es ist ja auch die Wahrheit über die Akademie: Sie ist nur soviel wert wie die künstlerische Integrität und Intensität, der sie zur Äußerung verhilft. Sie kann in den Funktionen, die sie gegenüber der Öffentlichkeit wahrnehmen will, nicht aufgehen, und ihre Interventionen werden sich von anderen nur unterscheiden, wenn hörbar bleibt, woher sie kommen. Daß die Berliner Akademie zum Kosovo Stellung genommen hat, zum Irak-Krieg aber nicht, ist nur für den späteren Akademiehistoriker beachtenswert. Es ist untergegangen im Rauschen der Debatten.
Jede Institution dieser Art träumt von den großen Wirkungen. Für die Akademie können sie heute kaum mehr aus ihrer öffentlichen Autorität hervorgehen. Die Aufgabe, die beispielhaft von Thomas Mann und Heinrich Mann als Zukunftsaufgabe der Akademie formuliert wurde: den Schriftsteller zum verantwortlichen „hommes de lettres“ zu machen, der kraft seiner Autorität in die Öffentlichkeit hineinwirkt, ist im heutigen Selbstverständnis von Akademien eingelöst. Doch paradoxerweise spielt der Schriftsteller in dem Maße, wie dies gelungen ist, im Stimmengewirr der Engagierten nur noch eine bescheidene Rolle, deren Autoritätsverlust nicht zu übersehen ist.
Nicht ein Hochtreiben, sondern ein Ermäßigen der Ansprüche ist deswegen angezeigt. Zumal die Berliner Akademie muß sich auf ihre eigenste Sache besinnen, die mit Sprache, Literatur, Musik und Kunst zu tun hat. Im Falle der Rechtschreibreform hätte sie sich deswegen nicht mit einer Empfehlung begnügen dürfen. Ein durch Literatur und Kunst legitimiertes Wort wäre dringend geboten gewesen. Niemand erinnert sich an die Meinung, die die Akademie in dieser Frage vertreten hat. Das war schon die Krise.