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Agrarindustrie : Die Chemie ernährt nun mal die Welt

Das Bayer-Werk in Wuppertal: Der deutsche Konzern hat den amerikanischen Saatguthersteller Monsanto für 66 Milliarden Dollar übernommen. Bild: dpa

Auf der Opferliste der globalen Agrar-Industrialisierung stehen viele Namen. Daran wird bei der Monsanto-Übernahme durch Bayer nicht gedacht worden sein. Was hat das für Konsequenzen?

          Im Kauf des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto durch Bayer für 66 Milliarden Dollar offenbart sich ein fast anstößiger Optimismus, der politisch wie aus der Zeit gefallen scheint. In dem hohen Preis, dem rund Dreißigfachen des Jahresgewinns, zeigt sich die Erwartung, dass nur eine weitere Industrialisierung der Landwirtschaft in Zukunft die neun, zehn oder mehr Milliarden Menschen auf der Welt sättigen kann. Dass also die Zukunft der Landwirtschaft wie die Fortschreibung ihrer vergangenen 200 Jahre aussieht: mehr Düngung, mehr chemische Pestizide, größere Maschinen, höher gezüchtete Pflanzen.

          Dass dies ein kluges Vorhaben sei, daran gibt es Zweifel. Solche Intensivierung scheint sich kaum zu vertragen mit dem nahezu partei- und staatenübergreifenden Vorhaben einer Transformation in die postfossile Wirtschaft. Die Grünen schimpften wieder am lautesten. Sie behaupteten, Bayer-Monsanto werde übermächtig, würde Preise diktieren, den Weltmarkt kontrollieren – als könnte das jetzt schon irgendjemand wissen.

          Auf der Opferliste der globalen Agrar-Industrialisierung stehen aber tatsächlich schon schrecklich viele Namen: die von Kleinbauernfamilien, von Vogel- und Insektenarten. Es gibt einen Verlust an Esskultur zu beklagen, an Sortenvielfalt, an Beziehung zu Tier und Pflanze. Eine schwindelerregende Abhängigkeit vom Erdöl. Wasserknappheit, Klimawandel – all diese Schlagworte zeigen auch, dass der Technikoptimismus, wie ihn die Agrarindustrie zelebriert, an Grenzen stößt, auch an Glaubensgrenzen.

          Der Einsatz von Chemie in der Agrarindustrie hat bisher stetig zugenommen

          An all das werden die Berater für Bayer nicht gedacht haben, als sie ihre Powerpointfolien über Weltmarktsaatgutrenditen fertig machten. Sie dachten: Die Weltbevölkerung soll bis 2050 von gegenwärtig 7,4 Milliarden Menschen auf knapp 10 Milliarden gewachsen sein. Die Bauern werden dann 46 Prozent mehr von den Feldern ernten, die Ackerflächen werden sich nur noch um vier Prozent ausbauen lassen. Das sind die Zahlen der Vereinten Nationen, angesichts derer eine weitere Industrialisierung alternativlos erscheint.

          Ein veritables Dilemma. Wer es nicht sehen will, ist entweder in Ess-Ideologien gefangen oder naiv. Wer meint, vermehrter Chili-Anbau auf den Balkonen und eine Rückkehr zu alten Kartoffelsorten und etwas Fleischverzicht werde es richten, offenbart eine gewisse Ignoranz gegenüber den großen und ganzen Zahlen.

          Was aber immerhin ermutigend ist und was aus der Erinnerung verschwindet, ist, wie gut das in der Vergangenheit gelang: die Ernährung von vielfach mehr Menschen. Und wie pessimistisch die Leute schon immer waren.

          Als 250 Millionen Menschen auf der Erde lebten, ging Rom nieder. Zur Zeit der Reformation, als die Bauern schon seit vierhundert Jahren von der Zwei- auf die ertragreichere Dreifelderwirtschaft umgestellt hatten, wurden 500 Millionen einigermaßen satt. Eine Milliarde waren es schon zur Zeit der frühen Industrialisierung, derweil der bis heute berühmte Pessimist Robert Malthus ausrechnete, dass die Erde kaum je einen Menschen mehr tragen könne.

          Doch es kam anders, denn dann erst begann die fossile, agrarchemische Revolution: Ab 1828 konnte Dünger im Labor synthetisiert werden, 1840 entschlüsselte Justus von Liebig das Rätsel der Pflanzenernährung, und die Bauern düngten mehr und mehr. Ab 1910 konnte der Konzern BASF Stickstoffdünger aus Erdöl gewinnen. Dann kamen die chemisch synthetisierten Pestizide. Sie machten den großflächigen Anbau von Pflanzen einer Sorte erst möglich ohne große Verluste durch schädliche Insekten.

          Pestizidverbrauch steigt bis in die Gegenwart

          Landwirtschaft wurde von einer Kreislaufwirtschaft, in der die Fäkalien von Menschen und Tieren wieder zu Dünger wurden und der wieder zu Weizen und Brot, zu einer immer Input-intensiveren Zuchtindustrie. Ab 1950 wurden Pferde durch Traktoren ersetzt. Es gab keinen Mangel mehr.

          Kaum jemand macht sich aber auch klar, in welchem Ausmaß wir vielen Leute heute von der Chemie gefüttert werden. Ein Beispiel: Pro Hektar Land düngten Bauern in Deutschland um 1914 erst 6,4 Kilogramm Stickstoff je Hektar, 1970 knapp 80 Kilo, 1987 rund 130 Kilo. Der Anstieg der Ernten lief parallel zum Verbrauch von Öl. Bis in die Gegenwart steigt der Pestizidverbrauch. Die Welt war nie so satt wie heute, der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung nie so gering. Immer mehr Menschen ernähren sich von hochproduktiven Agrarfabriken.

          Das ist eine schöne und bittere Wahrheit zugleich, weil die Nachteile auf der Hand liegen. Bestimmt erklärt das die teils obsessive Wut mancher Leute gegen Konzerne wie Monsanto: diese existentielle Abhängigkeit. Wahrscheinlich aber geht es in Zukunft nicht ohne neue Biotechnologie, ohne biotechnische Optimierung vom Erbgut bis zur Ernte. Aber das wird nicht genügen. Verzicht, ökologische Intensivierung und Frieden müssen hinzukommen. Nur von der Natur leben zu können ist mehr denn je eine süße Illusion.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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          Quelle: F.A.S.

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